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Oma glaubt sich in einem falschen Film ...

Von tastifix Freitag 28.05.2021, 07:16 – geändert Freitag 28.05.2021, 07:17

Oma hat ihre Kinder streng erzogen:
„Gutes Benehmen hat noch niemandem geschadet!“
Weil es ja nicht anders geht, fügen sich die Töchter, schmollen ihr aber rachsüchtig öfters nach Kräften etwas vor. Zu ihrem Pech unterschätzen sie ihre Mutter ganz gewaltig. Die hat nämlich Nerven wie Drahtseile.

Die Töchter werden erwachsen, ständig klüger und äußern demzufolge zunehmend weisere Sprüche, die dann Oma sehr staunen lassen.
„Hört, hört!“
Sie lässt sich nichts anmerken, schmunzelt aber in sich hinein. Ihre Kinderschar nimmt sich wirklich vor, den eigenen Nachwuchs später sogar noch strenger zu erziehen als sie selber es erfahren haben.
„Abwarten!“, sagt sie sich.

Die Jahre gehen ins Land und Oma hat die Hoffnung fast aufgegeben, noch Oma zu werden. Eines Tages klingelt das Telefon:
„Du wirst Oma!!“
Vor Freude darüber fällt ihr fast der Hörer aus der Hand. Doch fix wandelt sich die Freude in Besorgnis, ob die Tochter und das zu erwartende Enkelkind alles gut überstehen werden.
„Hoffentlich übersteht es dann die nachfolgende Erziehungstortur auch!“
Prompt ist es um Omas Seelenruhe geschehen. Stattdessen stellt sie vorsorglich sogenannte Hilfspläne für gequälte Enkelkinder zusammen.

In den großmütterlichen Träumen prügeln ihre Töchter auf die Kleinen ein und reißen ihnen brutal die Tafel Schokolade aus den winzigen Händen. Sie sieht die entsetzt geweiteten Augen der Enkel und die Riesentränen, die als Atlantik-Imitat dann zu Boden sprudeln. Hört die Kleinen schreien und sieht sie sich sich verzweifelt in die Kissen wühlen. Das Ende vom Lied ist, dass Oma des Morgens schweißüberströmt senkrecht in die Höhe schießt.
„SOS - ich rette eure Seelen!“
Dieser Vorsatz lässt den Schweiß trocknen und ihre Kräfte sich erneuern.

Das Kleine wird gesund geboren und die junge Mutter ist wohlauf. Bei ihrem Antrittsbesuch wirbelt die frischgebackene Oma das Enkelkind begeistert durch die Luft, was dieses mit einem kleinen Piepser quittiert.
„Mamaa, vorsichtiger, es könnte ihm schaden!“
Oma verkneift sich die passende Bemerkung.

Ein paar Jahre später.
Das Baby von einst tobt als Kleinkind durch Omas Wohnung und dabei über Tisch und Bänke. Diese versucht, vom Mobiliar und den Nippes zu retten, was eben noch zu retten ist und hechtet - inzwischen gut sportlich durchtrainiert - hinterher.
„Strenge Erziehung ... ," murmelt sie vor sich hin.
„Is was?“, erkundigt sich die Tochter.
„Nö! Ist ja nur die sündhaft teure Vase von Edelfirma X kaputt ...“
Tochter überhört die Ironie geflissentlich.

Noch ein paar Jahre später: Aus dem Kleinkind ist ein keckes Schulkind geworden, noch ungestümer und eines beeindruckenden Ausdruck-Repertoires mächtig.
„Meinst Du nicht, Du solltest vielleicht ...!“, merkt Oma vorsichtig an.
„Du bist altmodisch. Die sind heute alle so,“ argumentiert ungerührt ihre Tochter.
Oma weiß, dass dem nicht so ist und schluckt des Friedens willen alles runter, was ihr dazu auf der Zunge liegt. Um endlich neumodisch zu werden, rennt sie ins nächste Buchgeschäft und kauft sich das Wörterbuch der neukindlichen Sprache samt eines Verzeichnisses aller üblichen, also unmöglichen Wortfamilien. Die Nächte werden dadurch aber keinesfalls erholsamer.

Ihr Enkelkind wächst zum Teenager heran. Noch gespielt selbstbewusster und noch frecher. Mit der nun gewählten Ausdrucksweise können die neukindlichen Sprüche von einst nicht mehr wetteifern. Auch Oma wird damit attackiert. Aber sie ist es leid, sich dermaßen respektlos behandeln zu lassen und gibt es der Tochter mit deutlichen Worten sehr deutlich zu verstehen:
„Das haste jetzt von Deiner sogenannten Erziehung. Mit der kann man sich ja nirgendwo mehr blicken lassen!“
Mit einem Blick voll des Mitgefühls auf ihr Kind entgegnet die Tochter:
„Die Arme steckt in der Pubertät. Ist Dir eigentlich klar, was sie durchmacht, wie viele innere Konflikte sie erleidet ... Dass sie auf der Suche nach ihrem eigenen Ich ist …?“

Jetzt platzt Oma endgültig der Kragen:
„Ist ja wahrlich hervorragend! Weißte was: Ich gehe! Kannst mir ja nächstens Bescheid geben, wenn dieses bedauernswerte Etwas sein Ich endlich gefunden hat ... !!!“
Und sie rauscht, ohne eine Antwort erst abzuwarten, wütend von dannen.

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