Oh, oh!!
Von
tastifix
Samstag 10.09.2022, 20:39 – geändert 11.09.2022, 11:14
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tastifix
Samstag 10.09.2022, 20:39 – geändert 11.09.2022, 11:14
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Im Tv läuft nur Mist und zum Lesen hat sie keinen Bock. Frustriert schaut Annabel zum Radio.
´Ja, gute Idee! Ist eh fast schon zu lange her, dass ich mal ...`
Auf gut Glück wählt sie einen Sender. Erst knackt es nur stotternd im Apparat. Dann aber:
„Ja, wissen Sie, in meinem Alter ...“, tönt es aus dem Äther.
´Eine merkwürdige Stimme! Die knirscht so!`
„Ein sehr langes Leben und eine tolle Karriere. Sicherlich würden unsere Zuhörer gern mehr darüber erfahren.“
´Aah,wohl eine berühmte Persönlichkeit.`
Annabel wird neugierig.
„Bei der Geburt war ich ein richtiger Wonneproppen. Meine Wiege stand bei jedem Wetter draußen. So tankte ich genügend frische Luft und war für den Lebenskampf gewappnet. Die Verwandten umsorgten mich äußerst fürsorglich. Dankbar lernte ich in kürzester Zeit das Laufen, bemühte mich, besonders schnell zu werden, was auch klappte.
In Kindertagen buhlten zahlreiche Kameraden um meine Gunst. Bei unseren Lieblingsspielen schlug ich geschickte Haken wie ein Hase. Mein Freundeskreis wuchs ständig. Garantiert war kein anderes Kind so beliebt wie ich!“
„Oller Angeber!", murmelt Annabel.
„Man kannte Sie nicht nur in Ihrem Heimatdorf …?“, unterbricht ihn der Reporter.
„Oh, mich kennt die halbe Welt!“, trumpft sein Gast auf. „Darum wurde ich sehr selbstbewusst. Jeder, der mir begegnete, jubelte laut. Einige wurden gar sehr aufdringlich, aber meine Leibgardisten hielten sie unter Einsatz des eigenen Lebens in Schach.
Auch als Erwachsener trieb mich mein Ehrgeiz voran. Nur Wenige besiegten mich und ich boxte mich die Karriereleiter hoch, hinterließ dabei nachhaltigen Eindruck und wurde oft gefeiert.“
´Eingebildeter Pinsel!", denkt Annabel. ´Typ Münchhausen!`
„Sie setzen sich toll durch. War das schon immer so?"
„Sturheit ist angeboren. Ich war stur und doch auch wieder nicht.“
„Wie meinen Sie das denn?"
„Mein Ziehvater erklärte mir schon sehr früh, dass man im Leben eine dicke Haut benötigt. Ich richtete mich danach, mir konnte kaum etwas anhaben. Aggresivität genoss ich tatsächlich. Klar schmerzte es ab und an heftig, aber die Zuwendung meiner Freunde half enorm. So meisterte ich viele bedrohliche Begebenheiten. Tja, um bewundert zu werden, nahm ich eben fast alles in Kauf.“
Annabel erschüttert:
´Masochist ist der auch noch, oh Gott!`
„Wann entschieden Sie sich eigentlich für diese Karriere?"
„Ich wollte unbedingt einen Beruf, in dem ich meine berühmte Energie beweisen durfte. Außerdem wollte ich im Mittelpunkt stehen.“
„Ja, stimmt! Dies brauchten Sie wie Andere das tägliche Brot!", wirft der Reporter ein, „erst dann zeigte sich Ihre Lebensfreude in vollem Maße."
´Ach herrje, ein Hansdampf in allen Gassen!`
Annabel verdreht die Augen zur Decke.
„Aber wie gingen Sie mit Tiefschlägen um?", forscht der Reporter nach, inzwischen eindeutig genervt von der Prahlerei.
„Die habe ich ausgehalten. Klar hatte ich viele Neider. Sie wollten mir mit äußerst brutalen Intrigen die weitere Karriere vermasseln. Doch ich reagierte dermaßen heftig, dass jene dann mehr als griesgrämig aus der dreckigen Wäsche guckten. Aufzutrumpfen war für die nicht mehr drin!“
„Manchmal verhielten Sie nicht besonders fair!“, meint der Reporter.
„Ja, ab und zu riss mir die Geduld.“
„Würden Sie ein Beispiel nennen?"
„Tja, über jene bestimmte Feierlichkeit berichtete sogar das TV. Wie immer war ich der Star. Ein paar Leute bedrängten mich. Empört verpasste ich denen einen Denkzettel, der deutlich deren Gesichter brandmarkte. Leider erlitt ich dabei eine tiefe Wunde und brauchte zur Erholung denn doch mehrere Minuten."
„Aber Sie ließen sich davon nicht unterkriegen ..."
„Richtig! Und ich wurde ja sehr fix verarztet und befand mich erneut auf der Sonnenseite des Lebens."
"Dort zu verbleiben, haben Sie ja auch mit Bravour geschafft!", anerkennt der Reporter.
Die Sendung ist fast zu Ende und er will wohl jenem Ausbund an Abgehobenheit möglichst rasch die Puste der Überheblichkeit rauben.
„Vielen Dank! Doch dies sagen mir Viele!", kommt überheblich.
Der Reporter schnappt nach Luft, um sich nicht wegen unbeherrschter Aggression noch Beulen einzuhandeln.
„Schade, mein Herr, dass die Sendezeit viel zu knapp bemessen ist. Vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch!“
„Es war mir ein Vergnügen ohne Ende. Ich habe zu danken."
Erleichtert richtet der Reporter ein letztes Wort an die Zuhörer:
„Falls Sie noch Fragen haben ... Unser Gast hat sich bereit erklärt, sie telefonisch zu beantworten. Hier ist die Nummer: 11 22 11. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und wünsche noch einen schönen Abend!"
„Der hat den Beruf dieses depperten Mannsbildes gar nicht erwähnt! Macht nix, ich ruf den an!“
Entschlossen wählt Annabel die Nummer. Mit jedem weiteren Freizeichen steigert sich denn doch ihre Aufregung. Nach dem fünften Male wird abgehoben. Sie vernimmt die inzwischen bereits vertraute, knirschende Stimme.
„Ja, hallo? - Hier Fidelius B..."
Annabel schluckt, schluckt nochmals. Der Hörer plumpst auf die Gabel und sie dann auf den Teppichboden. Alle haben es wahrscheinlich gewusst, nur sie nicht ...
Der Gast aus dem Rundfunk, ihr akustisches Gegenüber ist:
Ein Ball!!