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Nesthäkchen ist flügge: Abschied

Von tastifix 06.06.2021, 12:03

Gestern war K., meine Jüngste, zu Besuch. Sie richtet sich ihre Wohnung neu ein und fragte mich ausführlich um Rat:
„Mama, meinst Du, der Spiegel passt vom Stil her?! Oder besser doch der andere … ??“
Bestimmt eine Stunde lang überlegten wir gemeinsam und stellten erneut fest, dass wir einen sehr ähnlichen Geschmack haben. Während wir so beratschlagten, schweiften meine Gedanken unwillkürlich in die ferne Vergangenheit, als sie kurz nach dem Abitur für ein ganzes Jahr das Haus verlassen hatte ...

Bereits zwei Tage zuvor war mir so mulmig gewesen, bis dann nicht mehr ich meine Gefühle beherrschte, sondern sie mich. Am Vortage versuchte ich dann krampfhaft, meine Empfindungen nach außen hin unter Kontrolle zu halten. Meiner Tochter würde es alles sonst alles noch schwerer fallen als ohnehin schon. Zudem war ja das, was nun unweigerlich auf mich zukam, völlig normal, musste eines Tages so sein und gab eigentlich sehr viel eher Anlass zum Stolz. Obwohl mein Verstand es mir immer wieder eindringlich zu verstehen gab, war es dann in der Nacht darauf soweit: Ich heulte! Und dies, obwohl ich mir alles vor Augen führte , was mir ein mitfühlender Außenstehender garantiert auch gesagt hätte. Aber es half nichts. Mir war es hundeelend.
´Hoffentlich ist es morgen früh schnell vorüber. Hoffentlich geht es schnell, das Abschiednehmen!!`

Ja, ich hätte mich von K. zu lösen. Ihr Papa würde sie in eine kleinen Stadt in der Nähe von Paris bringen, in der sie ein ganzes Jahr bei einer französischen Familie als Aupair arbeiten wollte. Fotos hatte sie mir schon gezeigt: Sehr sympathische Eltern und zwei ganz süße Kleinkinder. Ein Mädchen von 2 1/2 und ein Junge von 5 Jahren. K. hatte sie während eines Kurzurlaubs in der Bretagne schon näher kennengelernt. So waren sie ihr nicht mehr ganz fremd.

Dann wurde es ´Morgen früh`. Erwartungsgemäß wachte ich schon gegen halb sieben Uhr sowie relativ unausgeschlafen auf, riss Hund ´Knödelchen` aus dem Tiefschlaf und spazierte mit ihm eine kleine Runde durch die frische Luft. Als wir heimkehrten, hörte ich den Papa meiner Kinder schon in der Küche rumoren. Prompt wackelten mir die Beine, denn dermaßen früh rumorte da sonst nie jemand herum. Kurze Zeit später klappte in der oberen Etage eine Tür, K.`s Zwillingsschwester T. war auch auf. Mit betretener Miene erschien sie in der Küche und war äußerst wortkarg. Dies wunderte mich gar nicht, denn mir ging es genauso. Wir hatten alle keine Lust, irgendwelche Banalitäten auszutauschen. Jeder hing seinen Gedanken nach, die nicht zu kennen für die Anderen wohl eher eine Gnade war. Allerdings waren es wahrscheinlich mehr oder weniger ähnliche, die uns bewegten.

Wir warteten auf die Hauptperson des heutigen Tages, unser Nesthäkchen K. . 21 Jahre und zwei Minuten jünger als T. . Ab und an machte sich dieser Altersunterschied sogar bemerkbar. Dann lächelte ich still vor mich hin. K. ließ nicht lange auf sich warten, setzte sich an den Tisch, goss sich Orangensaft ein, griff sich eine der von ihr sehr geliebten Laugenbrezel und bis hinein. Im nächsten Moment legte sie sie versteinerten Gesichtsausdrucks zurück auf den Teller, trank auch keinen einzigen Schluck mehr, wandte sich ab und meinte:
„Ich habe Bauchschmerzen. Ich habe keinen Hunger."
Sie verschwand und beschäftigte sich unnötig hektisch mit den Koffern, die, so wie es für mich aussah, längst fertig gepackt waren. Mir war klar: Sie litt auf stille Weise und wollte versuchen, die Gefühlsaufwallung allein in den Griff zu bekommen.

Die Abfahrt verschob sich um eine halbe Stunde, weil ihr einfiel, sie hätte etwas Wichtiges vergessen auszudrucken. Deshalb wurde es denn doch 9.30 Uhr.
"Mama, kommst du mit raus?"
"Aber sicher!!"
Ich streichelte über ihren Arm. Ein kurzer Blick von ihr in meine Augen, dann drehte sie schnell den Kopf zur anderen Seite.
´Himmel, wie übersteh` nur die nächsten zwei Minuten?`
Mein Herz raste.
´Gleich ist mein Jüngstes fort. Ich sehe es erst Weihnachten wieder!`
Sentimental, aber da normal.

Wir standen dann alle ziemlich geknickt vor dem Wagen. Ich ergrtiff die Initiative und drückte meine Tochter an mich. Prompt saß mir ein Kloß im Hals und mir versagte fast die Stimme:
„K., Du wirst mir sehr fehlen!"
Ich schaute sie an. Eindeutig empfand sie genauso. Sie brachte kein Wort heraus. Dann verabschiedeten sich die Zwillinge voneinander. Traurig umarmten sich die Beiden.

K. beeilte sich ins Auto zu steigen, schlug die Tür zu und blickte starr geradeaus. Ich vermochte mich noch nicht zu trennen und klopfte mit dem Zeigefinger kurz ans Fenster. Ein bemühtes Lächeln war die Antwort. Der Papa startete den Wagen und langsam verschwanden sie hinter der nächsten Kurve. Noch immer stand ich dort und winkte. T. dagegen hatte sich schon ins Haus zurückgezogen. Offensichtlich war sie fertig mit der Welt. Auch ich verkroch mich in mein Zimmer und heulte mir die Anspannung sowie Traurigkeit von der Seele.

Dann aber riss ich mich am Riemen:
´Sei stolz auf Deine Kinder, dass sie ihr Leben so zielstrebig in die Hand nehmen!`
Ich war es und - litt trotzdem. Aber ich sagte mir:
´Es ist ja kein Abschied für immer!!`
Wir hatten abgemacht, dass T. und ich bald nach Paris fliegen und K. dort treffen würden. Endlich freute ich mich wieder von Herzen für meine Jüngste.
„Ja, der Abschied war schlimm für mich. Ich hab` sie sehr lieb. Deshalb!"

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