Nein, ich will kein Tannenbaum sein!!
Von
tastifix
Freitag 23.12.2022, 17:06 – geändert Freitag 23.12.2022, 18:32
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tastifix
Freitag 23.12.2022, 17:06 – geändert Freitag 23.12.2022, 18:32
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In der Baumschule bemühte sich jedes Tannenbaumkind, möglichst so kerzengerade zu wachsen wie die älteren Freunde und wie sie die Zweige charmant zur Seite zu strecken. Es wa ziemlich schwierig zu erlernen und sie seufzten leise.
„Und das alles nur für die paar Tage ...“. murrte eines aus der zweiten Tannenbaumklasse.
„Wieso, nur ein paar Tage?“, wollten die Jüngeren wissen und ein ganz Kleines sagte:
„Wir werden doch alle ganz groß, wunderschöne Weihnachtsbäume, dürfen zu den Menschen und die schmücken uns toll …“
„Und dann freuen sich alle Kinder und strahlen ...“, meinte ein anderes I-Männchen.
Mitleidig schaute das Ältere die Kleinen an:
„Ach, Ihr habt ja noch keine Ahnung! Klar stehen wir in toll geschmückten Zimmern und werden selber auch bunt verziert, aber ...“
Mit großen Augen hatten die Jüngeren zugehört.
„Was wird dann aber??“
„Viele von uns haben nach den Festtagen schon keine Nadeln mehr und sehen schrecklich aus. Die Menschen legen uns an den Straßenrand, von dort werden wir mit einem großen Auto eingesammelt und das wars dann!“
„Soll das heißen, dass sie uns wegwerfen und wir alle sterben müssen??“, fragte ein Bäumchen bange.
„Ja, leider Kleines!“
Trotzi, meist sehr keck, wenn sie in der Klasse über etwas raschelten, stellten sich an den Zweigspitzen die Nadeln hoch.
“Nicht mit mir! Wenn die Menschen gemein zu mir sind, steche ich zu! Ich wehre mich!!"
„Wiiieee? Aber es ist eine große Ehre, Weihnachtsbaum zu werden!!“
Trotzi wurde noch trotziger:
„Soll ich mich etwa freuen, wenn ich nach dem Fest sterben soll?“
Er überlegte kurz:
„Unser Pflegezwerg, der sich stets lieb um uns kümmert, kann doch zaubern. Ich werde ihn bitten, mich in einen Laubbaum zu verwandeln. Dann darf ich nämlich sehr alt werden.“
Die Anderen dachten:
´Oje, wie wird das nur enden!?`
Trotzis beste Freundin, eine Tannenmeise, hatte aufmerksam zugehört. Sie mochte dieses Bäumchen besonders gern.
„Du, es ist zwar ziemlich unartig für einen Tannenbaum, keiner mehr sein zu wollen, aber, wenn Du möchtest, dann rufe ich Zipfel!"
„Meisie, das würdest Du für mich machen?“
„Klar, wir sind ja Freunde!“
Und schon flatterte sie davon und landete wenig später vor dem Zwergenhaus am Fuße des Hügels.
„Zipfel, Trotzi möchte Hilfe!!“
„Was ist denn passiert?“, fragte der erschrocken.
„Nein, nichts, es ist nur ...“
Und Meisie berichtete ihm, was denn nur wäre. Je länger sie erklärte, umso zweifelnder guckte Zipfel.
„Hat er sich das gründlich überlegt? Wenn die Menschen sehen, dass da plötzlich ein Laubbaum wächst und ausgerechnet in einer Tannenbaumschule ...“
„Ich mein ja auch, das ist viel zu gefährlich! Sprich bitte nochmal mit ihm, ja?“, bat Meisi.
„Ja, mach ich!“, versprach der Zwerg. „Trotzi ist zwar dickköpfig, aber vielleicht lässt er sich ja doch mal etwas sagen, wenn ich ...“
Froh wippte Meisie mit dem Schwanz:
„Danke, Zipfel! Tschühüüs, bis bald!“
Kopfschüttelnd schaute Zipfel ihr nach. Immer dringlicher erschien es ihm, mit Trotzi ein ernstes Wort zu reden, denn dessen Wunsch war ziemlich frech. So stieg er rasch hoch zur Baumschule. Es war gerade Pause.
„Du, Meisie hat mir alles erzählt. Bleib` besser, wer Du bist!"
„Nee, ich will aber ... !!“
„Aber dann beklag` Dich später nicht, falls ... “
Eigentlich wollte Trotzi noch weiter nachhaken, aber die Freude darüber, dass der Zwerg ihm dennoch helfen wollte, überwog.
„Danke Zipfel!“
Der Zwerg murmelte etwas und schon stand dort statt des hübschen Tannenwinzlings ein noch winzigeres Laubbaumkind, das ein wenig verunsichert die umstehenden Bäume musterte.
„Ääh, hmm, bist Du etwa unser Trotzi?“
Da wedelte es stolz mit seinen zehn Laubblättern.
„Jahaah, bin ich! Wie gefalle ich Euch?“
Die Anderen sagten lieber nichts dazu..
Bald wurde es eisiger Winter. Wilde Stürme zerrten an den jungen Bäumen. Die Tannenbaumkinder schützte ihr dichtes Nadelkleid. Trotzi dagegen litt jämmerlich. Selbst die letzten Blätter hatte der Wind weg gerissen. Völlig kahl stand er dort und fror entsetzlich. Die Anderen hätten ihn gern ein wenig gewärmt, aber sie konnten sich ja nicht von ihrem Platz rühren. Außerdem mussten sie selber auch extrem gegen den Sturm ankämpfen. Allerdings gelang ihnen das viel besser als dem Laubbaumkind.
„Ich will nicht sterben!“, knarrte der Kleine mit den Ästen, so laut er nur konnte. „Ach, wäre ich doch ein Tannenbaum geblieben!!“
„Stimmt! Das hättest Du Dir gründlicher überlegen müssen!“
„Bitte, wisst Ihr vielleicht Rat?“
Weil Trotzi so furchtbar zitterte und schon fast wie tot ausschaute, raschelten sich die besorgten Kameraden mit ihren Zweigen gegenseitig Ideen zu, die aber alle nicht passend zu sein schienen.
„Ganz einfach!“, meldete sich da einer der Älteren. „Wir rufen jetzt Zipfel. Der kann bestimmt helfen!"
„Bist Du aber klug!“, bewunderten ihn die Anderen.
„Wäre das schöön!“, knarrte Trotzi ganz schwach.
Sämtliche Tannenbaumkinder raschelten und ächzten gleichzeitig mit den Ästen, so laut sie nur konnten. Es wurde ein solcher Lärm, dass es tatsächlich bis zu Zipfel drang, der gerade am Fuß des Berges kleinere Pflanzen versorgte.
„Oje!“, erschrak er und sofort fiel ihm Trotzi ein.
„Hoffentlich ist er nicht umgeknickt worden!“
„Hört mal, ich muss dringend eben dort hinauf. Bin aber gleich wieder bei Euch!“, vertröstete er die Pflanzen und machte sich auf den Weg zur Baumschule. Dort angekommen, jagte ihm Trotzis Anblick einen Gänseschauder über den Rücken.
„Zipfel, hilf mir schnell. Ich kann nicht mehr. Ich bin so dumm gewesen!“
Der Zwerg sah ihn ernst an:
„Siehst Du, es hatte schon seinen Sinn, dass Du ein kleiner Tannenbaum warst!“
„Zipfel, bitte! Er hats ja eingesehen!!“, raschelten die Anderen.
Trotzi nickte schwach dazu und guckte flehend. Zipfel ertrug dies nicht länger. Schnell murmelte er einen Zauberspruch und sofort stand dort statt des armen Laubbäumchens wieder das hübsch gewachsene junge Tannenbäumchen in seinem dichten Nadelgewand.
„Zipfel, nie wieder werde ich so schlimm trotzen! Versprochen!!“
„Macht er ganz bestimmt nicht mehr!!“, unterstützten ihn die Anderen.
Da lächelte Zipfel geheimnisvoll.
Zwei Wochen später wurde der Weihnachtsbaummarkt eröffnet und die Menschen strömten herbei, um sich eine der Tannen zu sichern. Eine junge Familie hatte Trotzi entdeckt:
„Mama, ach Papa, sieht der schön aus! Lasst uns den nehmen, ja?“, bat das kleine Mädchen.
„Ja, der ist echt cool!“, meinte der ältere Bruder.
„Und wir schmücken den ganz toll! Dann haben wir den hübschesten Baum weit und breit!“, sagte die Kleine.
Eigenartig: Der ältere Bruder guckte auf einmal so ernst.
„Papa, muss denn … ?“
Und er flüsterte seinem Vater etwas zu.
„Du meinst … ?“
„Ja, Papa, bitte!!“
„Ach ja Papa!!!“ bettelte seine kleine Schwester, die eifrig gelauscht hatte.
So stand also Trotzi während der Feiertage, mit Kugeln, Kerzen und Holzfiguren prächtig geschmückt, stolz im Wohnzimmer. Als das Fest vorbei war, wurde er wider Erwarten nicht entsorgt, sondern fand tatsächlich im großen Garten der Familie sein neues Zuhause und wuchs zu einer prächtigen Tanne heran.
Viele Jahre später, als die beiden Kinder erwachsen und längst ausgezogen waren, verkauften die Eltern das Anwesen. Die neuen Besitzer versprachen ihnen, dass die schöne Tanne für immer dort bleiben würde. Und, weil sie sich auf Anhieb sehr gut verstanden, luden sie sie ein, das nächste Weihnachtsfest bei ihnen zu verbringen.
Trotzi hatte zugehört, freute sich und dachte:
„Zipfel, jetzt weiß ich, weshalb Du damals so vor Dich hin gelächelt hast. Ich war so unglücklich. Du wolltest, dass ich wieder froh sein sollte und hast für mich ein weiteres Mal gezaubert. Danke, das werde ich nie vergessen!`