Mörderisches Einkaufsvorhaben
Von
optik
Donnerstag 26.05.2022, 11:15
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Karl hatte gerade die von ihm ausgiebig gelesene Tageszeitung zusammengefaltet, als er feststellte, „ach! Es ist Donnerstag! Wo gedenkst du heute einzukaufen“? „Eigentlich brauchen wir noch nichts und ich hatte vor, heute mal nicht zu fahren“, antwortete Klärchen. „Aber der Baumarkt hat die besonderen Schrauben im Angebot und danach wollte ich sehen“; druckste Karl herum. „Man kann sie ja immer wieder gebrauchen“, waren die wichtigen Einwände ihres Mannes.
Natürlich waren die Schrauben nur ein Vorwand.
Seit Karl Rentner geworden war, gehörte es für ihn zum festen wöchentlichen Pflicht- und Orientierungsprogramm mit seiner Gattin einkaufen zu gehen. Die vielfältigen Angebote in den Geschäften interessierten ihn. Außerdem peppten diese Streifzüge, für die er jedoch stets einen Vorwand suchte, seine Freizeit ein wenig auf.
Es verärgerte Klärchen, wusste sie doch genau, dass er allein äußerst ungern unterwegs war, überhaupt sehr selten etwas allein unternahm.
Außerdem hatte er sich in den letzten Tagen sehr schlapp und elend gefühlt. Er hatte über starke Schwindelanfälle geklagt und den Eindruck geäußert, als ob ihn seine eigenen Beine nicht mehr tragen konnten.
Ja, Klärchen war an diesem Vormittag erstaunt, als er plötzlich diese Gedanken hegte. Aber sie kannte ihn und seine Spontanität. Auch die eigenartigen Redewendungen, wenn er sich nach jedem Einkauf beschwerte, wie schnell seine bessere Hälfte seine „mühsam erarbeitete“ Rente ausgeben könne“.
Klärchen begann den Tisch abzuräumen, kramte noch in ihrer Küche herum, bevor sie im Kühlschrank nach den Vorräten sah. Wie erwartet brauchten sie wirklich nichts und wegen der wenigen fehlenden Lebensmittel lohnte es nicht einen Einkaufszettel zu schreiben.
Karl, der allgemein im Schlabberlook herumlief, ja selbst am heiligen Sonntag die Kleidung dem tristen Müßiggang angepasst hielt, hatte sich unterdessen ins Bad zurückgezogen. Frisch rasiert, frisiert und gestylt schwebte er mit einem belebenden Duft ins Schlafzimmer. Kleiderbügel quietschten auf der Stange. „Er ist wieder gesund“, erkannte Klärchen und auch an diesem Donnerstag legte er großen Wert auf sein Äußeres.
Ordentlich gekleidet, sportlich schick und der Witterung entsprechend verharrte er mürrisch wartend auf der Treppe im Flur. Zum Aufbruch bereit saßen ein ungeduldiges Herrchen, vor ihm sein Hund auf der Fußmatte. Er wedelte aufgeregt mit dem Schwänzchen und musste einige Male barsch zur Ordnung und Geduld ermahnt werden und Karl grummelte vor sich hin: „Ob sie wohl heute nochmal fertig wird“…..
Klärchen, an Nörgeleien gewöhnt, überhörte derartige Äußerungen. Sie sammelte auf dem Weg zur Garage im Vorbeigehen die letzten leeren Pfandflaschen ein und vernahm noch die an den Hund gerichteten Worte: „Warum haben wir uns beeilt? Jetzt sitzen wir schon eine Stunde und warten. Weiber! Immer drängeln, aber selbst nicht in die Pötte kommen“.
Langsam rollte Klärchen aus der Garage und öffnete, sich vorbeugend die Beifahrertür für Karl. Mit einem beherzten Sprung sprang sein Liebling auf seinen Schoss. Stolz wie Graf Koks, hoch erhobenem Hauptes, mit aufgestellten wachen Ohren platzierte sich der Hund auf seinem Ehrenplatz, gleich hinter der Windschutzscheibe.
Seinen Liebling kraulend mahnte Karl seine Gattin: „Denk an den Hund. Fahr nicht so schnell um die Kurven“.
Klärchen reagierte auf derartige Bemerkungen nicht mehr. Sie nahm auch nur etwas verärgert die nachfolgenden Hinweise auf. „Halte mal auf dem nächsten Parkplatz an, du weißt doch, dass der Hund noch nicht Gassi, geschweige -im Garten war“. „Du hättest ja mit ihm gehen können“, murmelte sie leise.
„Wo hast du die Hundeleine hingelegt“, fragte Karl weiter?
„Wieso? Hast du sie nicht vom Schuhschrank genommen? Ich habe keine eingepackt“, antwortete Klärchen. „Auf dem Schrank liegt sie gut“, murrte Karl, „warum lässt du sie nicht einfach im Kofferraum liegen“? Klärchen unterdrückte den Hinweis, dass er sie vor einigen Tagen selbst dort hingelegt hatte. Außerdem so elend und entkräftet, wie er sich gefühlt hatte, konnte er ja auch nicht die wenigen Schritte mit dem Hund in den Garten schaffen.
Klärchen war in den letzten Tagen mit dem Hund Gassi gegangen.
Wie gewünscht steuerte Klärchen den von der Straße etwas abgelegenen Parkplatz an. Sofort sprang der Hund raus und verschwand im Gestrüpp. Auch Karl quälte sich langsam und mit Schmerz verzogenem Gesicht aus dem Fahrzeug. Er beäugte im Spiegelbild der Autoscheiben sein Äußeres, setzte seine Kappe gerade, zog den Reißverschluss der Jacke zu und ging langsam den Weg in die Richtung des Hundes. Fröhlich mit dem Schwanz wedelnd tauchte der nach wenigen Augenblicken wieder auf und lief einträchtig neben dem Herrchen am Waldesrand entlang. Im Rückspiegel sah Klärchen wie sie zwischen den Baumstämmen gemächlich verschwanden. Sie kramte für einige Momente im Handschuhfach. Mit einem weiteren Blick in den Rückspiegel betätigte sie den Fahrzeugschlüssel um auf dem schmalen Waldweg zu wenden. Sie setzte langsam zurück, wieder vor, wieder zurück, wieder vor und brachte gemächlich bedächtig das Fahrzeug in die Fahrtrichtung. „Jetzt könnten sie aber zurückkommen“, dachte Klärchen als sie unvermittelt neben der Fahrertür den Hund aufgeregt zappelig springend wahrnahm. Klärchen stieg aus und hörte sofort das entsetzliche Stöhnen. Einige Meter entfernt auf dem Waldweg lag mit dem Gesicht auf dem Boden ausgestreckt ihr Karl! „Oh Gott, was ist passiert“, stürzte Klärchen verstört entsetzt auf ihn zu. „Da fragst du noch, du hast mich umgefahren. Du bist wie wild rumgekurvt, ich habe die gesamte Breitseite in die Rippen gekriegt! Du hast mich voll erwischt“, klagte er aufgebracht wehleidig, teils schimpfend. Klärchen kniete vollkommen verstört neben ihm. Sie war außer sich vor Sorge, murmelte entschuldigende Worte und war bemüht voller Mitgefühl ihrem Karl wieder auf die Beine zu helfen. „Lass mich liegen, Ich kann nicht aufstehen, ich muss mich erst mal sammeln…., erst testen was alles kaputt oder gebrochen ist“.
Karl sah etwas jämmerlich geschunden aus, Blut lief aus der Nase und hatte sein Gesicht mit dem waldigen Erdreich verschmiert.
Beide noch auf dem Waldweg verharrend vernahm Klärchen plötzlich Motorengeräusche. Ein Kleinlaster näherte sich. Sofort erkannte der Fahrer die Situation und kam angerannt. „Kann ich helfen? Was ist passiert“? Karl durch die fremde Stimme wieder Herr seiner Sinne erklärte schmerzlich berührt die missliche Lage und den Sachverhalt. „Meine Frau hat mich umgefahren. Sie hat mich mit der ganzen Wucht des Fahrzeugs erwischt und zu Boden geschleudert“. Mühsam mit Hilfe des netten Fremden kam Karl wieder zum Stehen.
„Sie fahren am besten gleich ins Krankenhaus“, riet jener, „oder zu ihrem Hausarzt, Ihr Gesicht sieht ja böse aus“. Karl bedankte sich mehrfach und auch Klärchen war sichtlich erleichtert und dankbar, als er ihren Mann noch stützend zum Auto und auf den Beifahrersitz half.
An den Einkauf dachten beide nicht mehr. Sie fuhren zurück. Vor der Garage angekommen sprang Klärchen, noch immer vollkommen verstört rasch raus, schloss die Haustür auf, um den aufgeregten Hund in Sicherheit zu bringen. Eilig öffnete sie die Wohnungstür und kam zurück. Schon im Hausflur erkannte sie die Stimme ihres Mannes, der bereits auf der Straße stand. Hinter beiden weit offenstehenden Autotüren …. sah sie ihren Mann bei der, im Vorgarten beschäftigten Nachbarin stehen. Lautstark erklärte er ihr das unvorstellbare Unglück. „Sieh dir doch bloß mal an, wie ich aussehe! Meine Frau hat mich umgefahren. Ich hab die ganze Wucht des Heckteils ins Kreuz gekriegt. Ich weiß ja nicht wo sie wieder ihre Augen hatte, ich bin bei dem Aufprall mindestens fünf Meter durch die Luft geflogen“!