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Miss Iceworld

Von tastifix Donnerstag 30.12.2021, 07:55

„Toll!"
Staunend öffne ich das Fenster. Die Zweige der Bäume und Büsche im Garten beugen sich unter einer dicken Schneelast.
„So etwas habe ich hier noch nie erlebt!“
Begeistert rufe ich meine Tochter:
„Das musst Du Dir unbedingt ansehen!"
Gleich mir gerät sie außer Rand und Band, schnappt sich ihre Kamera und knipst und knipst ...
„Komm, wir bauen eine Schneefigur!“

Die Strickhandschuhe sind ja nicht wasserdicht. Um erfrorene Finger zu vermeiden, stülpen wir also Gefrierbeutel darüber.
„Die rutschen doch runter!".
„Abwarten!!"
Grinsend verpasse ich den Beuteln eine braune Paketbandschleife.
„Und wie willste den Beutel rechts festzurren, wenn die linke Hand schon eingepackt ist?"
Unbeirrt lege ich das Band auf den Tisch, presse die Hand darauf, klemme mir das eine Bandende zwischen die Zähne, das andere zwischen die Gefrierbeutelfinger der linken Hand und wickele das Band ums rechte Handgelenk. Tja, erst nach mehreren Versuchen sind die Hände Gefriertruhen bereit eingekleidet.

Zunächst pappt die weiße Wonne nicht richtig. Das Möchtegern-Schneemädchen ähnelt einem Alien. Dem eher einem Würfel mit Beulen daran ähnelnden Kopf macht die Schwerkraft zu schaffen. Fix rücken wir den hässlichen Beulen mit heißem Wasser zu Leibe. Wenig später steht dort ein niedliches Schneemädchen mit edlem Kugelkopf mit Knopfaugen, Möhrennase und lachendem Stockmund. Allerdings ist es ziemlich pummelig geraten. Macht ja nichts.

Meine Tochter, kritisch:
„Mama: Es braucht noch eine Frisur!"
„Wiiee?"
Sie schneidet eine Kordel in verschieden lange Stücke und hält eines davon dem Schneemädchen prüfend ans Gesicht.
„Ich würde sagen, einen Mittelscheitel ... Was meinst Du, Mama?"
Ich finde, der Mittelscheitel kleidet die Kleine vortrefflich und dazu noch ein kurzer Fransenpony. An der Stirn pappen dann zwei kurze, seitlich jeweils auch zwei und hinten vier lange Bänder.
„Mama, und wie soll sie heißen?“
Wie aus einem Munde rufen wir:
„Mathilde! Den Namen hat bestimmt kein anderes Schneemädchen!!“
Mathilde strahlt dankbar.

Mittlerweile ist Mathilde drei Tage alt. Sie führt, obwohl sie sich ja nicht bewegen kann, ein sehr abwechslungsreiches Dasein. Mit allen Pflanzen und auch dem weiß gepuderten Zaun hat sie sich mit spitzbübischem Lächeln und der zarten Stimme schnell angefreundet. Jene wetteifern dabei, Mathilde mit drolligen Berichten aus den vielen Jahren im Garten möglichst gut zu unterhalten. Sie soll sich auf keinen Fall langweilen. So erfährt Mathilde auch viel über uns.
„Sie haben uns liebevoll eingepflanzt und uns während des heißen Sommers regelmäßig erfrischende Duschen aus dem Gartenschlauch gegönnt. So litten wir keinen Durst und konnten uns abkühlen“, erzählen die Pflanzen.
„Mich haben sie mit viel Fleiß errichtet und mir zusätzlich ein ständig wachsendes grünes Kleid geschenkt“, lobt der Zaun stolz.
„Das glaub ich Euch gern. Um mich haben sie sich ja auch sehr bemüht. Sogar schick frisiert worden bin ich“, erwidert Mathilde.

Rasch schaut sie in den Küchenfensterkosmetikspiegel direkt vor ihr.
„Neeiin!! W..Wo ist denn mein viertes langes Haar?“
Gestern noch hat es lustig im Wind geflattert. Nun ist dort nur ein Loch. Geknickt bittet sie:
„Lieber Zaun, siehst Du mal auf Deinen Spitzen nach, ob es vielleicht dort klebt?“
Der überprüft eilig sämtliche Latten und knarrt bedauernd:
„Du, hier ist es nicht. Tut mir leid!“
Mathilde ists zum Heulen zumute, aber weinen können Schneemädchen nur, wenn sie tauen. Laut jammernd wendet sie sich an die Pflanzen:
„Und Ihr? Seht Ihr zufällig mein Haar irgendwo?“
Die Bäume und Sträucher kontrollieren ihre Zweige und wenden sogar jedes Blatt zweimal um. Nichts.
„Arme Mathilde!“, rascheln sie sich zu. „Wir müssen ihr unbedingt helfen!“
Eilig rufen sie alle Mieter des Zaunkleides zusammen. Sofort fliegen und hüpfen das Elsternpaar, die Amseln, die Meisen und ein Rotkehlchen herbei.
„Hat jemand Mathildes Haar zum Spielen gemopst?“
Die Elstern plustern sich empört auf:
„Wir klauen nur glitzerndes Zeug.“
„Stimmt!“, nicken alle.
Die Amseln betonen, dass sie erst wieder im Frühjahr Material für eine Kinderstube benötigen werden.
„Trifft ebenfalls zu!“, urteilt der Zaun.
„Und Ihr?“, fragt er die Meisen.
„Wir? Wir polstern unsere Nester mit weichen Blättern und zum Spielen bevorzugen wir kleine Stöcke!“
Aller Blicke richten sich nun aufs Rotkehlchen.
´Es ist ja immer so orange-rot gefärbt. Sonst würde ich jetzt denken, dass es errötet ist, weil es sich schämt!“, grübelt der Zaun.
Doch verdrängt er den Gedanken wieder, denn es hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen.

Das Rotkehlchen schweigt zu allem, hüpft hinter Mathildes Rücken und pickt eifrig im Schnee. Auf einmal reckt es sich zu voller Größe. Triumphierend trägt es das vermisste Haar im Schnabel. Prompt erklären es die Anderen zum Helden des Tages. Doch der kleine Vogel achtet gar nicht darauf, flattert auf Mathildes Schulter und stupst das Haar wieder an die Stelle zurück, an die es hingehört.
„Dankeschön, Rotkehlchen!!“, strahlt Mathilde. „Wirklich toll hast Du das gemacht!“
Und sie ist wieder so schick wie zuvor.

Als ich am nächsten Morgen in der Küche frühstücke, hackt plötzlich Emelie, meine Hauselster, heftig gegen die Balkontür. Statt des wunderschön dunkelblau-weißen Gefieders trägt sie ein schwarzes Trauerfedergewand und scheint sehr aufgeregt zu sein. Alarmiert öffne ich ihr:
„Was gibt`s?“
„M..Mathilde - sie stirbt!“, krächzt Emelie. „Ihre Augen und ihr Mund liegen auf der Terrasse!“
„Oh nein!“
„Duhuuh, warte mal! Ich soll Dir etwas best...“
Aber ich renne schon in den Garten. Die Elster dicht hinter mir her. Es ist ein jämmerlicher Anblick. Die Hälfte des Kopfes ist bereits weggetaut.
„Die Arme!“
Den Boden absuchend, laufe ich um sie herum.
´Vielleicht hat sie ja ein Testament hinterlassen?`
Nichts.
„Emelie, hast Du sie noch gesprochen, bevor es passiert ist?“
„Wenn Du gerade mal zugehört hättest ...“, schimpft die gekränkt und schaut noch trauriger drein als ohnehin schon.
„Mathilde wünscht sich eine Blumentopfbeerdigung. Du sollst ihre eisigen Überreste erwärmen und mit dem lauwarmen Wasser die große Palme in Deinem Wohnzimmer gießen.“
Emelie schluckt sichtlich: „D..Dann wäre sie irgendwie noch bei Euch, hat sie gesagt!“
Für ein paar Minuten schweigen wir. Ich kämpfe mit den Tränen und die Elster verbirgt vor Gram den Kopf unter dem Flügel.

Plötzlich aber wird sie wieder munterer.
„Du - vielleicht wird Mathilde ja wiedergeboren!??“
Verblüfft starre ich sie an:
„Häh? Woher kennst Du denn … ?“
Stolz meint Emelie:
„Erstens sind wir Elstern nicht auf den Schnabel gefallen, zweitens flieg ich jeden Morgen nach dem Frühstücksregenwurm zum Kiosk und lese fix die neuesten Klatschnachrichten. Na ja, dabei hab ich denn etwas über diese eigenartigen Wiedergeburten erfahren.“
Zögernd werfe ich ein:
„Ich bin mir nicht so sicher, ob es so etwas überhaupt ...“
Offensichtlich grübelnd, legt sie den Kopf schief. Wie immer, wenn Emelie intensiv über irgendetwas nachsinnt, stellt sich auch jetzt eine der Kopffedern wie eine Geistesblitzantenne hoch. Es wirkt.
„Doch, es wird gehen“, antwortet sie. „Wenn Ihr im nächsten Winter wieder ein Schneemädchen baut und es Mathilde nennt ... Dann wird sie wieder bei uns sein! - Bitte!!“
Flehend schaut sie mich an.
„Versprochen!!“

Selbstverständlich erfülle ich Mathildes letzten Wunsch und beerdige sie in dem besagten Blumentopf. Als ich nachmittags nachdenklich nochmals und immer noch traurig die Palme betrachte, scheint es mir so, als ob sie spitzbübisch lächelt.

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