Meine Enkelin und der Heiligabend
Von
tastifix
Mittwoch 15.12.2021, 14:53 – geändert Donnerstag 16.12.2021, 09:42
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tastifix
Mittwoch 15.12.2021, 14:53 – geändert Donnerstag 16.12.2021, 09:42
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Es würde das erste Weihnachtsfest sein, das meine Enkelin (damals 23 Monate) bewusst miterlebte.
„Was das wohl geben wird … ?“
Zunächst gab es nur den Anruf meiner Tochter, die Kleine sei schwer erkältet.
„Die Arme! Hoffentlich ist es dann nicht alles zu viel für sie!“
„Ach, keine Sorge!“
„Hm! Solange die Kerzen brennen, sitzt sie aber entweder im Hochstuhl oder wir halten sie fest. Ist mir sonst viel zu gefährlich!“
„Das schaffen wir!“, war die Antwort.
Mit Argusaugen und -ohren hielten wir denn Haustür sowie Schelle unter Aufsicht. Gegen 15 Uhr wollten sie eigentlich da sein …
„Vielleicht ist irgendwo ´nen Stau!“
Fast zwanzig Minuten später als verabredet standen sie vor der Tür. In ein schickes Trägerkleid gewandet, darüber eine dicke Winterjacke trippelte uns ein blasses Etwas entgegen, das erst nach mehrmaliger Aufforderung der Mama, doch ´Hallo` zu sagen, dem nachkam. Ich sah der Kleinen an, dass es ihr nicht gut ging und sie tat mir so leid.
„Nachher ist sie abgelenkt!“, beruhigte ich mich.
Auf ´Nachher` musste ich gar nicht erst warten. Sie schaute auf all den Kuchen und die Plätzchen auf der Kaffeetafel. Gnädiger Miene nahm sie zwischen Tante Drei und deren Verlobten auf der Eckbank Platz und genoss den Nachmittag sichtlich. Die blöde Erkältung war vergessen. Tante Kammerzofe und Kammerdiener putzten auf Befehl ´Nase putzen` Näschen und ´da Krümel` den selbigen von der Kleinkinderwange. Unsere Kleine hatte sie offensichtlich schon bestens erzogen.
So verwöhnt zu werden, bewirkt wahre Wunder. Sie taute auf. Nicht weit von ihr stand ja die Schüssel mit den von mir für sie gebackenen Butterplätzchen. Dies wollte sie unbedingt würdigen und streckte die Hand danach aus.
„Nein! Wie heißt das?“
Hm, hatte sie anscheinend vergessen und ließ ihr armes, doch ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenes Gedächtnis in Ruhe. Nein, das durfte sie jetzt nicht überanstrengen. Stattdessen zog sie eine Babyschuppe.
„Du brauchst nur ´bitte` zu sagen. Dann bekommst Du eines!“
Nicht mit ihr, an diesem Tag, zumal es wegen ihres maladen Zustandes eine Zumutung sondergleichen war und so schmollte sie weiter. Die Plätzchen rückten dennoch nicht näher. Sie wurde wütend und langte rigoros hin – mit dem Arm quer über den Tisch. Sofort wanderte die Schüssel auf dessen entgegengesetztes Ende zu.
„Wenn sie nicht bald … Dann klirrt`s!“
Selbst ihr selber wars wohl nicht mehr ganz geheuer. Was wäre denn, wenn die Leckereien gleich ganz verschwinden würden? Nee, nur das nicht! Urplötzlich brachte sie etwas über die Lippen, was wir mit viel des guten Willens und einiger Fantasie als „Bitte“ deuteten. Sofort machte die Schüssel kehrt und stellte sich in Greifnähe vor sie hin, die dann zufrieden vor sich hin mümmelte.
Als es dämmerig wurde, hoben wir die Kaffeetafel auf. Die Bescherung stand an. Es stellte uns vor eine neue Herausforderung: Die Kleine musste abgelenkt werden. Ich schnappte sie mir also, stieg mit ihr an der Hand, von Tante Drei gefolgt, in die Jugendetage und holte fix eine Puppe herbei. Sie hatte sie gerade freudig in Empfang genommen, da bimmelte bereits von unten das Glöckchen. Also Püppchen wieder ins Puppenbett und wir zurück nach unten. Wir Zwei wieder Hand in Hand und ihre Tante als zusätzliche Treppen-runterfall-Absicherung hinter, vor und neben der Kleinen her. Die ahnte, dass etwas Tolles passieren würde. Ist sie aufgeregt, bringt sie nichts mehr zum Schweigen. Da erst recht nicht, denn meine Tochter flüsterte ihr grinsend etwas zu. Daraufhin trompetete die Kleine in Lautstärke 100:
„Wir kommen gleich. Wir sind gleich dahaah!!“
Im Wohnzimmer hinter der breiten Flügeltür wurde es spannend. Sämtliche Geschenke lagen unter weißen Tüchern versteckt. Diese schienen sie viel mehr zu interessieren als der Tannenbaum mit seinen Kerzen und Kugeln. Deshalb nahm ich sie zur Seite:
„Du weißt ja, Frühstückseier sind heiß. Du, die Kerzen hier, die sind ganz, ganz heiß. Nicht dran gehen!“
Darauf hinzuweisen war total überflüssig. Sie widmete sich nämlich ausschließlich dem Vergnügen, ständig knapp am Tuchrand entlang zu trippeln.
„Ein falscher Schritt und eine der Gaben ist platt!“
Aber ihr tüchtiger Schutzengel, der vor allem am Heiligabend bemüht ist, möglichst jegliche Katastrophen zu verhindern, passte auf. Ihm gebührt ein großes Lob.Weder trampelte die Kleine auf den Tüchern herum noch irgendein Geschenk darunter platt. Alles blieb unbeschadet.
Nun geziemt es sich, unterm Tannenbaum zu singen. Ihr Papa stimmte also ´O Tannenbaum` an und hoffte auf inbrünstige Unterstützung des Töchterchens, das zwecks Sicherheitsverwahrung auf einem Schoss gelandet war.
„O Tannenbaum ..."
Es vermochte sie nicht zu interessieren. Sie schwieg sich aus und starrte auf die Tücher.
´Wenn nicht ´O Tannenbaum`, dann eben … `, sagte ich mir und nach kurzer Absprache wichen wir auf ´Häschen in der Grube` aus.
War ja auch ein Lied. Das gefiel ihr:
„Häääschen … Grube … sliieef …“
Zusehends munterer sang sie mit. Darum wagten wir einen zweiten Versuch:
„O Tannenbaum, wie grün sind Deine Blätter!“
Blätter kannte sie und weil sie inzwischen richtig guter Laune war, schmetterte sie mit:
„Blättaaar ... Sommaaah!!“
Nun durften wir uns guten Gewissens der Bescherung zuwenden. Die Arktislandschaft wurde also gelüftet und es zeigten sich viele kleine sowie größere bunte Berge und dazwischen Minitäler. Die Berge waren die Geschenke und die Täler die recht schmalen Lücken dazwischen. Unsere Kleine verteilte dier Päckchen begeistert und riss mit noch größerer Wonne an dem Papier herum. Bis gegenseitig alles bestaunt worden war, dauerte es ziemlich lange. Sie wurde müde.
´Kein Wunder nach der ganzen Aufregung!`
Aber es wäre eine beinahe unentschuldbare Grausamkeit gewesen, sie ins Bett zu verbannen und so etwas machen liebe Omi-, Tanten-Zofen und Opi- und Onkel-Kammerdiener nicht. Stattdessen thronte sie dann diagonal ihrem Papa gegenüber im Hochstuhl. Es gab Sauerbraten mit Spätzle und viel Soße. Allen schmeckte es. Unsere inzwischen total überreizte Kleine wurde ständig grantiger und kommandierte ihre Dienerschaft nach Kräften herum:
„Pädpack: Baby holen!“
Klar, dass Puppe Baby prompt da war.
„Bööötchen!“
Sofort drückte ihr jemand ein Brötchen in die Hand, mit dem sie aber nur herum spielte. Danach:
„Keks!“
„Nudel!“
Doch dann wollte sie die denn doch wieder nicht. Wir versuchten zuzureden, zu trösten usw. … Nichts half mehr. Und so steigerte sie sich immer mehr hinein. Sie, die sonst so liebevolle Puppenmami, ließ ihren Frust an ihrem unschuldigen Baby aus. Erst hielt sie es nur hoch in die Luft, dann holte sie aus und knallte Babys Kopf auf die Tischplatte, wieder und wieder und mit ständig größerem Schwung.
´Armes Baby! Hoffentlich gibt des keinen Schädelbasisbruch!`
„Aber Kleines!!“
„Also nein!! “, rügte der strenge Herr Papa vergeblich.
Seinem Töchterchen reichte es endgültig. Mit voller Wucht knallte sie Baby ihrem Papa auf dessen Teller in die Sauerbratensoße. Keine Sorge: Puppenkinder sind hart im Nehmen. So auch Baby. Im Gegenteil: Irgendwie hatte ich das Gefühl, ihm schien es sogar zu gefallen. Jedenfalls unternahm es mindestens drei Tauchversuche ins bräunliche Vergnügen und seiner Mimik nach zu urteilen, als es wieder auftauchte, bedeutete es für dieses Puppenkind so gar keine Qual.
Anders verhielt es sich für den Papa: Der schaute entgeistert auf Baby, fischte das tropfende Etwas mit zwei Fingern aus der Tunke raus, sah es zweifelnd an und starrte dann, noch fassungsloser, sein nun vor Vergnügen glucksendes und ihn anstrahlendes Töchterchen an.
Dabei war doch Baby noch sehr rücksichtsvoll gewesen und die Soße hatte Papas elegantes Oberhemd tatsächlich verschont …
Denke ich daran zurück, lache ich noch heute Tränen.