Mein Deutschlehrer - oder - Der Lesewettbewerb
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 10.08.2021, 09:31
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Während der ersten vier Jahre auf der „Volksschule“, wie sie damals noch genannt wurde, hatte ich grundsätzlich im Fach „Deutsch“ nur sehr gute Noten.
Auch im ersten Jahr auf der Realschule änderte es sich nicht. Es machte mir Spaß, ganz im Gegensatz zu Mathematik, Chemie und Physik.
Dann aber bekamen wir einen anderen Lehrer, Hans-Herrmann H. Er war falsch, er war bösartig, besonders gern quälte er die Mädchen, bei denen er ganz sicher sein konnte, dass die Eltern sich nicht beschwerten.
Mein Notendurchschnitt in Deutsch war nur noch befriedigend, obwohl ich mich nicht verschlechtert hatte. In „Geschichte“ hatte ich einen totalen Blackout, wenn er mich aufrief, obwohl ich gelernt hatte und alles wusste. Und nicht nur ich. Andere Mädchen fingen an zu stottern, sie zitterten und weinten. Ich stand einfach nur da, sah ihn an, brachte kein Wort über die Lippen. Wir mussten uns anhören, wie dumm wir waren.
Den „Lesewettbewerb“ gibt es wohl heute noch. Zunächst wurde in unserer Klasse mehrmals vorgelesen, die anderen Klassenkameraden durften bewerten. Und ich bekam grundsätzlich immer die beste Note.
Irgendwann entschied Hans-Herrmann H., dass ich viel zu schlecht sei, um noch weiter am Wettbewerb teilzunehmen, es durfte nicht abgestimmt werden, ich war einfach raus! Betretenes Schweigen in der Klasse, fragende Gesichter. Aber zu dem Zeitpunkt wagte noch niemand etwas einzuwenden.
So oft er mich auch schlecht behandelte, Tränen hat er bei mir nie gesehen.
Es kam der Tag, an dem die ausgewählten Schüler zum Direktor sollten, der dann eine Entscheidung treffen würde. Hans-Herrmann H. war an diesem Tag nicht anwesend. Niemand konnte mich davon abhalten, dem Direx meine Geschichte aus „Sternkinder“ vorzulesen. Ich rannte wohl noch viel schneller als meine Mitschüler die Treppen hinunter.
Ausgesucht wurden... ein gewisser Georg aus einer Parallelklasse und ich!
Hans-Herrmann H. nahm diese Entscheidung am nächsten Tag mit einem falschen Lächeln entgegen. Ich war glücklich, ich hatte ihm eins ausgewischt.
Und dann kam der große Tag. Unten im Rathaus war damals eine Bücherei. 8 Kinder von verschiedenen Schulen lasen vor.
Am nächsten Tag erschien ein Artikel mit Bild in der Zeitung: Anita kann am besten vorlesen.
Natürlich war ich stolz und glücklich mit meinen 12 Jahren. Aber es tat so unendlich gut zu sehen, wie mich HHH anlächelte, mich beglückwünschte. Aber ich wusste, dass er es mir nicht gönnte, dass es ihm absolut nicht passte. Und dann platze auch noch der Direx mitten in die Deutschstunde, das hätte ich gut gemacht, er freue sich sehr, Gratulation. Für mich war es ein Sieg, ein Sieg über HHH!
Im Jahre 1969 beendete ich die Schule, noch oft hielt ich bis zu diesem Tag die Tränen zurück, weil HHH mal wieder Spaß daran hatte, mich zu quälen.
Sehr viel später habe ich erfahren, dass er einige Jahre nach meinem Abschluss versetzt worden war. Eltern eines Mädchens hatten sich beschwert, es kam zu diesen Konsequenzen.
Aber wie hat er sich wohl an der neuen Schule verhalten...?