Mampf-Grün
Von
tastifix
27.06.2021, 00:12 – geändert 27.06.2021, 14:06
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tastifix
27.06.2021, 00:12 – geändert 27.06.2021, 14:06
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Im Hochstuhlalter, hockte meine Älteste ausgesprochen gerne in dem selbigen, zumal sie dann nicht übersehen und dagegen von allen Seiten bedient wurde. Reichten Mimik und Gestik nicht aus, um mir zu verdeutlichen, was genau in dem Moment so angesagt war, bediente sie sich ihres schon recht gut entwickelten Sprechvermögens. In die typischen Dada- Mama-Vorträge baute sie noch weitaus ausgefeiltere Bemerkungen ein. Anscheinend war sie davon überzeugt, dass ich manchmal eine lange Leitung hatte. Also fasste sie sich kurz:
„Mama, hamm!"
Und weil sie am liebsten den ganzen Tag futterte, hammte sie genauso lange vor sich hin. Zum Glück begriff ich es bereits am ersten Tag und so konnte sich meine Tochter weitere Anstrengungen sparen.
Aber sie testete ständig nach Kräften meine Geduld bis aufs Äußerste aus. Der Hamm-Erfolg war zwar klasse gewesen, aber es reichte ihr noch nicht. Sehr pfiffig, kam ihr die passende Idee. Meine Küche war lindgrün, wie damals modern, doch Kinder lieben kräftigere Farben.
´Nee, das wird geändert!`, entschloss sich Noch-Baby und wartete nur auf die günstige Gelegenheit.
Sie zählte zu den Kleinen, die beim Anblick des Löffels bereits aus weiter Entfernung den Mund aufsperrten, damit der auch wusste, welchen Weg er nehmen sollte. Sie zu füttern war die reine Wonne. Trotzdem gab es Menüs, die sie hasste wie die Pest. War ich so frech und bot ihr Spinat an, sann sie auf Rache.
´Ich halt den Löffel selber!`, sagte mir ihr blitzender Blick, der mich dermaßen betörte, dass ich törichte, stolze Mama ihr die Futterschaufel tatsächlich überließ.
Augenscheinlich brav tauchte sie ihn in den Brei auf dem Babyteller und kostete von dem grünen Zeug. Im nächsten Moment knallten mir Spinatfladen ins Haar, um die Ohren, auf meinen Pullover und die elegante Hose. Meine Kleine sah ich durch den sich verdichtenden Grünschleier vor den Augen fast nicht mehr und fütterte denn auf gut Glück weiter. Als die Mahlzeit sich endlich ihrem Ende näherte, war ich ausgesprochen froh, dass kein Spiegel in der Nähe hing. Garantiert hätte sich mein Gesicht sonst vor Entsetzen noch zusätzlich grünlich verfärbt und die Kleine hätte es vielleicht als einen Supererfolg ihrer Klecks-Aktivitäten gewertet. Halbblind vor Spinat blieb mir die Erkenntnis, wieso mein Kind plötzlich so freudig auf quietschte, noch für ein paar kümmerliche Sekunden erspart. Leider beendete ich diese Galgenfrist selber, indem ich die Pampe um die Augen herum energisch wegwischte. Danach hatte ich wieder den Durchblick und um meine Fassung wars geschehen.
„Brabbel, wüh, mam, ham, dahda, mimat!", erklärte mein Nachwuchs strahlend und deutete mit der niedlichen Patschhand zur Küchenzeile.
Als bestens erzogene Kammerzofe reagierte ich sofort und schaute aufmerksam hin.
„Ach, du grüne Neune!", stammelte ich und verstummte.
Zutreffender hätte ich es nicht beschreiben können. Dort auf dem Lindgrün prangten dunkelgrüne Masern. An den Schubläden, am Herd, am Kühlschrank, an den Kacheln dahinter ... Überall grinste mich die Pampe höhnisch an.
„Wü, Mama-Mama, da, töffel tank mimat!"
Aus Liebe zu mir erklärte meine Kleine es geduldig noch ein zweites Mal. Das begehrte Lob ´Das hast du aber fein gemacht!` blieb mir in der Kehle stecken. Doch sie gluckste trotzdem weiter. Da hatte sie ja wohl eine famose Idee gehabt! Misstrauisch kontrollierte mein Blick erneut den ganzen Raum. Sie hatte gründliche Arbeit geleistet. Auch die drei nicht gekachelten Wände waren mit dem appetitlichen Grün geschmückt.
„101 weiß-grüne Matsch-Dalmatiner!"
O je! Eigentlich hätte ich die Schweinerei stolz in Kauf nehmen sollen, war sie doch der Beweis dafür, dass meine Tochter künstlerisch hochbegabt war. Aber dafür dann tatsächlich dankbar zu sein, brachte ich einfach nicht fertig. Zu schimpfen allerdings genauso wenig. Stattdessen seufzte ich nur:
„Meine süße Mini-Beuyseline!"
„Dadada!", war die stolze Antwort.