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Lesestunde

Von Feierabend-Mitglied Samstag 07.08.2021, 10:19

Lesestunde

„Beschäftigen sie sich, machen sie was sinnvolles“, sagte mein Hausarzt zu mir. Ich hatte mich beklagt, das seit ich in Rente war, alles furchtbar langweilig sei. Ein halbes Jahr nun schon die Rente und ich wußte nicht so recht die Tage zu füllen.
Jeden Mittwoch erscheint das neue Gemeindeblatt, das ich zum Lesen für meine Frau ausdrucke. „Schau mal in die Gemeindeanzeigen, da steht was interessantes drin“ sagte meine Frau. „Die AWO sucht für ihr Seniorenheim Leute, die ehrenamtlich mithelfen, für die Senioren/innen die Freizeit sinnvoll zu gestalten“ stand da in einer kleinen Anzeige. „Wär das nichts für dich?“ fragte meine Frau. Ich kann es mir ja mal anschauen, dachte ich und ging hin. Das Heim war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Helle, freundliche Zimmer, ein schön dekorierter Speisesaal und ein Spielezimmer mit einem Dutzend Tische, auf denen Brettspiele, Schach, Mensch ärgere dich nicht, usw. lagen.
„Was könnte ich tun?“ fragte ich die Heimleiterin, die mich herumgeführt hatte. „Wir haben auf der Station 2 Frau Nelles, sie war Lehrerin hier an der Volksschule, sie ich fast erblindet. Sie beklagt sich, daß sie nichts mehr lesen kann. Könnten Sie sich vorstellen, ihr ein- oder zweimal die Woche etwas vorzulesen?“ „Uns was?“ „Die Tageszeitung, ein Buch, oder was immer Frau Nelles möchte. Ich stelle Sie ihr mal vor“.

Frau Nelles war 81 Jahre alt, eine zierliche, aber immer noch rüstige Dame, ihr einziges Problem waren ihre Augen, sie sah nur noch Konturen, konnte aber nicht mehr lesen oder alleine spazieren gehen. „Ich werde Ihnen vorlesen, was möchten Sie gerne hören?“
„Suchen Sie was aus“ sagte sie. Ich brachte beim nächsten Besuch 4 Bücher mit, und sie wählte daraus eines aus. So begann unser vorlesen. Bei schönem Wetter gingen wir in den Park und setzten uns auf eine Bank. Manchmal nahm ich sie im Auto mit und ich fuhr mit ihr nach Passau. Sie liebte das Stimmengewirr in der Fußgängerzone und sie genoß es, im Eiscafe einen Früchtebecher zu schlemmen.

Sieben Jahre habe ich Frau Nelles vorgelesen. Zwei- manchmal dreimal in der Woche immer gut zwei Stunden. In letzter Zeit ist sie öfter eingeschlafen, während ich las. Ich bin dann leise gegangen. Letzten Dienstag ist sie nicht mehr aufgewacht, ruhig und friedlich ist sie für immer gegangen.


Das war 2017, lange vor Corona. Einige der alten Herrschaften sind an diesem vermaledeiten Virus verstorben. Ich habe niemanden mehr zum Vorlesen ausgesucht und das wäre ja auch jetzt in der Pandemie nicht mehr möglich gewesen. Und ehrlich gesagt, ich bin ja auch älter geworden. Ob mir auch einmal jemand vorlesen muß?

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