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Kreative Brüder

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 28.04.2021, 18:51

1960 hatte sich unsere Mutter von dem patriarchalen und gewalttätigem Ehemann nach 21 Jahren getrennt, mit 5 Kindern zwischen 13 und 19 Jahren. Mutter war krank und gebrochen, aber sie stand zu uns und gab an Liebe, soviel es ihr möglich war. Auch plagten sie heftige Schuldgefühle. Wir Kinder, mitten in der Pubertät, damals sagte man Teenies und Twens, strebten nach draußen und brachten, wenn wir nach Hause kamen Leben in die Bude. Unsere Mutter wurde weicher, unterstützte uns in unserem Freiheitsdrang und begann allmählich wieder, zu lachen. Ich, als ältestes Mädchen, begann eine Ausbildung zur Krankenschwester und war nach der Arbeit meist daheim und half Mutter. Meine Brüder entwickelten eine enorme Kreativität mit jugendlichen, harmlosen aber z.T. sehr komischen Streichen, und abends erzählten sie davon.Sie stiegen eines Tages zu zweit in die U-Bahn, hatten sich vorher gut abgesprochen. Sie taten, als ob sie sich nicht kennen und stiegen in einen Wagen durch verschiedene Türen. Mein Bruder Günter rieb sich den Kopf, machte ein schmerzverzerrtes Gesicht und hielt eine Tablette in der Hand. Er ging von Fahrgast zu Fahrgast und fragte: “Haben Sie vielleicht ein Glas Wasser bei sich, ich kann die Tablette trocken nicht nehmen und mein Kopf schmerzt so?” Die Leute guckten ihn entgeistert an, damals gab es noch keine Plastikflaschen. Als er zu meinem Bruder Manfred kam, sagte er wieder sein Sprüchlein, mein anderer Bruder nahm, wie selbstverständlich ein halbvolles Glas aus der Innentasche seines Jacketts und gab es ihm. Die Menschen guckten fassungslos, mein Bruder nahm die Pille, bedankte sich herzlich und stieg aus. Am nächsten Bahnhof trafen sie sich und wiederholten das Spiel erneut.

Mein Bruder Günter lernte Elektriker, er hatte ein Telefon mit Schnur so präpariert, dass es um eine bestimmte Zeit klingelte. Er setze sich in die Bahn und hielt die Aktentasche auf dem Schoß. Plötzlich klingelte das Telefon, er öffnete den Reißverschluss, nahm den Hörer ab und meldete sich mit Namen. Dann fragte er den imaginären Anrufer: “ Wie sieht die Dame aus? Moment, ich muss gucken, ja, ich verbinde!” Er stand auf, gab der Dame gegenüber das Telefon und sagte:"Das ist für Sie!" Die Dame nahm den Hörer und sagte ganz entgeistert: “Woher weiß denn mein Mann, wo ich bin?” Bruder Günter nahm lächelnd das Telefon, entschuldigte sich und meinte, er muss jetzt aussteigen, er ließ die Leute in ihrer Verblüffung zurück. Manchmal zogen sie abends los und stellten kleine Autos, Goggomobil oder Messerschmidt auf Garagendächer oder kletterten auf die Gaslaternen und machte einen ganzen Straßenzug die Lampen aus, die dann am nächsten Morgen automatisch wieder leuchteten.

Unsere Mutter war stolz auf ihre kreativen Kinder, hat nie etwas verboten und über diese Streiche sehr gelacht. Nach und nach zogen die Brüder aus in Studenten WGs, zwei wurden sehr engagierte Lehrer, der Dritte wurde bei einer großen Firma Betriebsrat, ihre Kreativität haben sie nie verloren.

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