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Kosten-Nutzen-Rechnung

Von Reineke1794 10.10.2021, 07:48

Wenn man sich von Westen her den Häusern dieser Siedlung nähert, ist es ein unglaublich schöner Anblick. Eine Blütenpracht auf den Balkonen, gleich so, als stünden die Mieter im Wettstreit miteinander. Es würde auch keinen Sinn machen, nach dem schönsten Balkon Ausschau zu halten, denn der Gesamteindruck ist einfach überwältigend.

Karin fühlt sich wohl hier. Dabei ist sie erst vor drei Jahren in diese Gegend gezogen. Vorher hatte Sie in Westend gewohnt, einer sehr schönen Wohngegend im Bezirk Charlottenburg von Berlin. Mieterhöhungen und
verschiedene Umstände hatten sie schließlich zu diesem Schritt gezwungen. Die Einzimmerwohnung hier in Schmargendorf, unweit der Zufahrt zu Stadtautobahn kann Karin mit ihrer Rente noch gut stemmen. Buchhalterin war sie bis zum Eintritt in den Ruhestand, der für sie mit großer Unruhe verbunden war. Die Eigentümer der schönen Häuser in Westend, um die Jahrhundertwende gebaut, hatten den Mietern angeboten, die jeweilige Wohnung als Eigentum zu erwerben. Das kam für Karin nicht in Frage. Druck wurde auf sie nicht direkt ausgeübt. Nein, das kann sie nicht behaupten. Als dann aber immer mehr Wohnungen verkauft wurden, ergaben sich zwangsläufig ständig Veränderungen. Es wurde im Haus viel umgebaut. Baulärm, Staub, ein Gerüst an der Außenfassade. Neben ihrer Wohnung und über ihr zogen neue Mieter ein - oder waren es Eigentümer? Die letzte Mieterhöhung war für Karin noch im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Doch dann ging es immer schneller. Einige der alten Mieter wurden Eigentümer, andere zogen aus. Neue Gesichter. Eine neue Verwaltung wurde eingerichtet, an die sie jetzt die Mieten abzuführen hatte. Die Eigentümerversammlungen gingen sie nichts an, doch gab es immer häufiger Krach zwischen den Parteien. Es ging um die Rücklagen für das Haus, um Planungen, den Boden auszubauen, auch um Kleinigkeiten, etwa welche Firma die Hausreinigung übernehmen sollte und vieles mehr. Die folgende Mieterhöhung schmerzte dann schon erheblich. Karin sah für sich in diesem Haus keine Zukunft mehr und so war es zu dem Umzug nach Schmargendorf im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, vor nunmehr drei Jahren gekommen.

Doch, sie fühlte sich hier ausgesprochen wohl. Mit den Nachbarn kam sie gut aus. Die Infrastruktur stimmte ebenfalls. Die Wohnblöcke standen aufgelockert in größeren Abständen zueinander. Gleich um die Ecke ein Supermarkt und die Verkehrsanbindung war hier für sie sogar günstiger als im Westend.
 
Heute jedoch, ist Karin sehr unruhig. Sie hat schlecht geschlafen. Wenn sie es sich genau überlegt, ist es wohl vor allem der Traum, dessen Inhalt sie mit in den Tag genommen hatte:
Auf der Wiese vor ihrem Balkon, vielleicht 20 bis 25 Meter entfernt, hatte man in ihrem Traum einen Neubau errichtet. Auch nebenan, vor das Haus mit den Nummern 26, 27 und 28, hatte man einen Neubau gesetzt. Als notwendige
Verdichtung hatte die Wohnungsgesellschaft diese Maßnahme bezeichnet. Karin ging jedoch ein anderer Begriff durch den Kopf: „Gewinnmaximierung“, den sie noch aus ihrer Berufstätigkeit erinnerte.
Gut, die Kirschbäume konnte sie wegen des Neubaus hinten am Weg nicht mehr sehen. Immerhin, die Birke links und die Fichte rechts ihres Balkons hatte man nicht weggenommen. Auch die Sonne reichte am frühen Nachmittag des Wintertages nicht mehr über das Dach des Neubaus, doch würde sie es bestimmt ab April wieder schaffen, dachte Karin, sich selbst beruhigend. - Komisch, denkt Karin, dass es in ihrem Traum Winter ist. - Somit hat sie wieder den Faden zu dem beunruhigenden Traum der vergangenen Nacht aufgenommen: Sie erinnert sich, wie befremdend die Geräusche aus dem Neubau für sie waren, zumal in der kalten Winterluft der Schall besonders gut
getragen zu werden scheint. Ein heftiger Streit zwischen Eheleuten, dies ist deutlich herauszuhören, dringt an ihr Ohr. Ein paar Fenster weiter ist das Schreien eines Kleinkindes unüberhörbar, obwohl alle Fenster geschlossen sind. Dass ein Hund aus einer anderen Wohnung deswegen anschlägt, kann nicht verwundern.

Karin hatte schon im Westend manche Veränderung miterleben müssen, ist daher auch gar nicht so betroffen, als diese Bilder der Nacht wieder in ihr aufsteigen. Viel beunruhigender sind die folgenden, die diesen Traum der letzten Nacht so erschreckend machen. Bei ihr im Hausflur riecht es nach Urin. An eine Wand ist mit einem Ölstift „Fuck you“ geschmiert. Keiner der Briefkästen scheint mehr intakt. Gewaltsam sind mehrere Türen der
Briefkästen aufgedrückt worden. Zwei der Türen hängen lediglich noch in den Angeln. Karin sieht sich die Treppen hinaufsteigen. Nur noch fremde Gesichter. Grußlos geht man an ihr vorbei. Wo ist Frau Schubert? An deren Tür ein Schild mit fremdem Namen. Kelchs mit den beiden Jungen, wo sind sie? Auch an dieser Tür ein ihr unbekannter Name. Karin will schreien, bringt aber keinen Laut heraus. Als sie ihre Wohnungstür erreicht, bleibt sie entsetzt stehen, denn das Namensschild vor ihrer Wohnung ist leer. Hastig rennt sie die Treppe runter, stolpert ins Freie, schnappt nach Luft. - Und dann........ ist sie wieder zurück in der Wirklichkeit, geht sie um das Haus  herum,  über die Wiese, sieht die Balkone mit dem Blütenschmuck. Ein Stein fällt ihr vom Herzen.

Als ehemalige Buchhalterin versteht sie es, mit Zahlen zu jonglieren. So kommt es, dass der Traum sie auch jetzt noch nicht völlig in Ruhe lässt. Eher unbewusst, beschäftigt sie sich mit einer Kalkulation, die sie gedanklich aufstellt. Kosten-Nutzen-Rechnung. Zwei Neubauten mit je 30 Wohnungen, zwischen ihr Haus und die Gartenkolonie im Westen gesetzt, mit Einzimmer-, Zweizimmer- und einigen Mehrzimmerwohnungen, was mochte das den Investoren jährlich an Mieteinnahmen zusätzlich bringen? Aus ihren Erfahrungen mit ihrer Wohnung in Westend, hatte sie eine Vorstellung davon, welche Kosten da pro qm als Investitionskosten der Wohnungsbaugesellschaft in etwa einzusetzen waren. Schnell kommt sie zu dem Ergebnis, dass sich solche Neubauten durchaus rechnen, nachdem sie mit einigen fiktiven Zahlen die geschätzten Kosten und Einnahmen gegenübergestellt und einen Saldo gezogen hatte.

Jetzt aber eine andere Gegenrechnung, die Karin in Gedanken aufstellt. Wegen der Neubauten gibt es im Laufe der Jahre in ihrem und auch den umliegenden Häusern zwangsläufig eine größere Fluktuation der Mieter, überlegt Karin. Die Bilder aus dem furchtbaren Traum steigen wieder hoch. Die Menschen fühlen sich nicht mehr wohl. Die Zugezogenen haben keine Bindung an das neue Zuhause. Die ersten Balkone veröden. Dann die ersten Schmierereien, Einbrüche, Lärm und Rücksichtslosigkeit nehmen zu. Wiederum Mieterwechsel in immer schnellerer Folge. Vandalismus rings herum. Parkbänke werden zerstört, Häuser beschmiert. Verschiedene Mieter zahlen ihre Mieten nicht mehr, weil sie es nicht können oder keinerlei Wertschätzung für ihre Wohnung verspüren.......... Die Gegenrechnung der stillen Kalkulation fällt jetzt bei Karin negativ aus und kommt zu dem Schluss, dass ein wirklicher Gewinn für die Eigentümer bei Berücksichtigung der sozialen Komponenten eigentlich immer nur zufriedene Mieter sein können. Ohne diesen Aspekt kann auch das Neue sehr teuer werden. - Zufrieden, innerlich wieder ruhig, läuft sie den Weg hinter den Häusern entlang, damit sie die Balkone in ihrer Schönheit aufnehmen kann.
Auf der Wiese sieht sie einige Männer, die Pflöcke in den Boden schlagen. Neugierig geht sie auf die Männer zu, fragt, was hier geschehe.
„Wir stecken das Feld ab, auf dem der Neubau errichtet werden soll“, meint einer der Arbeiter.
Karin stockt der Atem. Hoffentlich ist es wieder nur ein Albtraum, denkt sie und blickt hinüber zu den Balkonen. Alles blüht! Nein, es ist nicht Winter. Eben sieht sie Frau Schubert, die mit einer vollen Tasche vom Discounter kommt. Und dennoch, plötzlich laufen ihr Tränen über die Wangen.

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