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Knut die knorrige Kastanie

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 07.05.2019, 13:33 – geändert 12.05.2019, 16:19

Es ist schon länger her, dass ich mich eingebracht habe, aber vielleicht entschuldigt ihr mich, wenn ich sage ich war länger nicht zu Hause.

Dort, wo ich war ist mir diese Geschichte eingefallen...angeregt von einer neuen Bekannten, aber vielleicht mögt ihr diese Geschichte auch. So lasst euch von Knut erzählen:

Knut, die knorrige Kastanie

Vor langer Zeit gab es einen großen Wald mit vielen Bäumen. Es standen Buchen und Eichen in friedvoller Nachbarschaft zu Erlen und Birken in diesem Wald, nebst einer kleinen Gruppe von Kastanien, die ebenfalls hier lebten.
Mit der Zeit wurden alle Bäume des Waldes gefällt und zu Kinderbettchen, Wohnzimmerschränke oder auch Brennholz verarbeitet, nur Knut die knorrige Kastanie blieb stehen. Ganz allein steht er nun auf einem kleinen Hügel mitten in der grünen Wiese, die einst ein großer Wald war.

Er war in 234 J. zu einem stattlichen Baum herangewachsen, der die Kraft und Fülle des Lebens, nicht mehr zur Schau tragen musste.
Er war sehr knorrig und hatte Blitze und Stürme überlebt, die in ihn gefahren waren und seine mächtige Krone umbrausten. Seine Arme waren stark und sehr ausladend, dass sie fast die Wiese berührten, die seinen Hügel umgab. Die Menschen hatten ihm Manschetten angezogen und Stützen unter die schweren Arme gestellt, damit er es leichter hatte, und die Last ihn nicht auseinander brechen konnte.
Starke, mächtige Wurzeln, die in die Erde gingen und am Fuß des kleinen Hügels auf dem er stand, wieder hervortraten und ihm Halt gaben. Die Kinder setzten sich gerne darauf und spielten zwischen den Wurzelverzweigungen mit ihren Murmeln.
Seine wuchtige und knorrige Erscheinung ließ nicht sofort erkennen, welch' großes Herz in ihm wohnte.

Ihn zu umarmen gibt nicht nur ihm Freude und Halt. Er strahlt eine Stärke aus, die Menschen anzieht, und ihn seine Einsamkeit vergessen lassen.
Wenn ich Knut umarme, spüre ich die Verbundenheit und Wärme jeder Borke, und fühle mich mit ihm verwachsen; wir sind Eins.
Ich spüre die Kraft in Ihm, auch wenn seine Blätterkrone nicht mehr ganz so hoch wächst, wie die Äste und Zweige es tun.
234 J. Alter rollen wie eine Träne aus Regen und Sommerglitter an seiner Borke entlang, und graben sich tief in unsere Wurzeln ein.
So tief, wie auch mein Atem wird und meine Zufriedenheit, wenn ich ihn langsam loslasse.
Knut ist mein bester Freund, er lebt in mir.

So wie ich für Knut empfinde, empfinden viele Menschen, die das Glück hatten ihn zu umarmen. Viele kamen zu ihm und haben ihn Umarmt, oder an seinen Wurzeln gesessen und über ihre Träume und Sorgen gesprochen. Knut hat allen geduldig zugehört und ihnen seine Gedanken mitgeteilt, Gedanken die Trost und Rat geben sollten, aber leider haben nur wenige zugehört.

Eines Tages kam ein junger Mann unter seine Krone und setzte sich auf eine ganz besonders dicke Wurzel. Er war sehr ruhig, sprach erst kein Wort und Knut wusste nicht, wie er damit umgehen konnte. Vielleicht wollte dieser Mann auch nur ausruhen, doch dann spürte Knut, dass er weinte, ganz still und leise, seine Tränen vielen auf seine Wurzeln wie kleine Tropfen eines sommerlichen Regens.
Und dann begann der Mann zu reden, erst ganz leise und dann wurde er immer deutlicher, er sprach von einer großen Trauer und dass er sich die Schuld dafür gab, sprach davon nicht weiter leben zu können und was er denn überhaupt hier solle, Er, der alte Baum könne ihn ja doch nicht verstehen und ihm helfen:
„Was mache ich denn eigentlich hier?“, fragte er laut in den Wind.
„Vielleicht suchst du nach einem Ausweg!“ sagte Knut zu ihm und der Wind ließ leise seine Blätter rascheln.
„Einen Ausweg suchen? Wozu? Es ist doch alles vorbei!“, klagte der Mann und weinte heftiger.
„Aber nein, es ist nie alles vorbei, es geht alles weiter und weiter und je mehr wir weiter gehen umso stärker werden wir!“, antwortete Knut.
„Was hat das denn für einen Sinn?“, fragte der Mann und Knut erkannte, dass er diesen Mann erreichen konnte, ja, mit seinen Gedanken erreichen konnte, auch wenn er ihn nicht wirklich verstehen wollte.
Das hatte er bisher nur ganz selten erlebt!
Es war ein paar Jahre her, da stand ein kleiner Junge an der Stelle, an der dieser Mann nun saß, und erzählte ihm von seinem Herzeleid und dass niemand ihn verstand. Und dieser Junge konnte seine Gedanken hören, nahm seinen Rat und Trost an, bis er eines Tages nicht mehr zu ihm kam; wahrscheinlich war er, wie es die Menschen nennen, erwachsen geworden.
Und ja, der Junge müsste nun in dem Alter sein, wie dieser Mann, der auf seinen Wurzeln sitzend ein Bild des Erbarmens abgab.
Der Wind fuhr mit seinen Fingern durch das Haar des Mannes, es war leicht gewellt und im Nacken standen ihm ein paar kleine Locken, so, wie sie auch kleine Jungen schon mal haben. Knut erinnerte sich daran, dass dem kleinen Jungen…ach wie war denn noch sein Name…auch diese kleinen Löckchen hatte und auch die Farbe hatte sich kaum verändert.
Es war der kleine Junge von damals, der so oft bei ihm war und sich ihm anvertraute.
Knut hätte gerne einen freudigen Hüpfer gemacht, aber da er fest verwurzelt war, ging dies nicht, doch spürte er die Freude in jeder seiner Fasern und Bahnen, in jedem Blatt und Zweig, als er erkannte wer der junge Mann war, der da traurig auf seinen Wurzeln saß.
Als Kind hatte er Kummer und erzählte von seinen Schulkameraden die ihn ärgerten. Tim, ja so hieß er, Knut erinnerte sich, war anders als die anderen Kinder und damit konnten sie nicht umgehen. Er hinkte, denn er war mit einem kürzeren Bein zur Welt gekommen. Um das auszugleichen trug er einen normalen Schuh, und einen der eine höhere Sohle hatte. Damit konnte er fast so gut laufen wie die anderen Kinder und er war auch ein schneller Läufer geworden. Doch niemand wollte mit ihm spielen. Keiner holte ihn in die Fußball Mannschaft, und er stand immer abseits und schaute ihnen traurig zu.
Seine Eltern hatten keine Zeit, sie mussten immer arbeiten. „Wir müssen Essen auf den Tisch bringen und das Haus ab bezahlen, in Urlaub wollen wir ja auch fliegen und ein neues Auto ist fällig. Kind was du nur für Gedanken hast! Mit dir spielen können wir jetzt nicht, du hast doch deine Freunde aus der Schule, und die Kinder aus der Nachbarschaft. Geh beschäftige dich, wir müssen noch arbeiten.“
All dies und viel mehr erzählte Tim der alten Kastanie, und sie hörte ihm zu.
Er konnte ihr sein Leid klagen und sie verlor nicht die Geduld oder schickte ihn weg, damit er sich irgendwie beschäftige.
Manchmal, wenn der Wind so durch die Äste raschelte, hatte Tim das Gefühl, dass diese Kastanie lebte und sich zu ihm runter beugt um ihn zu trösten. Der Wind, der auch durch sein Haar wehte, war wie das sanfte Streicheln einer liebenden Hand. Hier fühlte er sich geborgen und friedlich. Unter dieser starken Kastanie konnte ihm niemand weh tun, und wenn er von ihr weg ging um nach Hause zu gehen, dann fühlte er sich immer wieder stark und im Frieden.

Nun saß er hier und auch Tim erinnerte sich an die Gefühle der Kindheit, den Kummer den er hier her brachte und mit welcher Stärke er dann auch wieder von hier weg ging. Und egal wie schwer er sein Leben auch dachte, hier fand er immer seine Ruhe und den Frieden den er brauchte um weiter bestehen zu können.
Wie seltsam es doch ist, er hatte schon lange nicht mehr an die Kastanie gedacht, aber gerade jetzt, in seinem großen Kummer, zog es ihn hier hin, und er fühlt sich wie der kleine Junge der er war, und der auf den starken Wurzel seinen Platz findet um ihm, der Kastanie wie damals sein Leid zu klagen.

„Oh du lieber alter Freund, wie sehr habe ich dich vermisst. Es ist so viel Zeit vergangen, und ich habe vieles Erlebt!“
Er erzählte von seinem Leben, dass er studiert hat und im Ausland viel arbeitete um auch viel zu lernen. Er war Landschaftsgärtner geworden und war lange im Ausland herum gereist um über die vielen Gartenkulturen zu lernen.
Dann ist er zurück gekommen mit einer sehr netten Frau, mit der er eine Familie gegründet hatte. Sie war sein Gegenstück, die Sätze die er anfing beendete sie; sie waren wie zwei Teile einer Seele, die sich gefunden hatten.
Auch seine Arbeit war sehr erfolgreich, gerade weil er das Gelernte von seinen Reisen mit einbauen konnte, und somit seine Gärten und Landschaften etwas Besonderes waren.
Er hatte genug Geld um sich ein schönes Haus zu kaufen, und sich auch um seine Familie zu kümmern. Anders, als er es von seinen Eltern gewohnt war, lebte er nicht um zu arbeiten, nein, er arbeitete um zu leben, mit seiner Familie und den beiden Kindern zusammen zu leben. Er musste nicht nur Arbeiten, auch wenn die Anfangszeit etwas mehr Einsatz von ihm verlangte, doch er war bei jeder Geburt seiner Kinder dabei und hat auch nie einen Geburtstag verpasst. Sein Sohn spielte Fußball und sein Töchterchen wollte mal Schauspielerin werden. Alles in allem ging es ihnen gut.
Doch eines Tages sagte seine Frau ihm, dass sie sehr krank sei und vielleicht sterben müsse. Eine Welt brach in ihm zusammen, denn sie war für ihn sein Ein und Alles. Er hatte das Gefühl, dass ihm ein großes Stück seines Herzens aus ihm geschnitten wurde, als sie dann nach einer quälenden Weile von ihm ging. Noch auf dem Sterbebett bat sie ihn sich um die Kinder zu kümmern: „Sie brauchen dich jetzt mehr denn je. Sie haben nur noch dich. Du musst nun stark sein für sie und ihnen Trost geben. Zeige ihnen die Welt, wie du sie mir gezeigt hast und liebe sie, denn sie sind auch ein Teil von mir.“
Er nahm ihre Hand und sie schloss die Augen, und mit einem Seufzer der Erleichterung legte sie all ihre Schmerzen ab.

Sein Weg führte ihn nicht sofort zu seinen Kindern, die er gut bei ihren Großeltern aufgehoben sah.
Er fuhr erst, wie betäubt nur durch die Landschaft, um dann hier an dieser alten Kastanie anzukommen, und zu sitzen, wie er es als kleiner Junge getan hatte.
Er erzählte und erzählte. Seine Erinnerungen an seine Frau hatten viele Gesichter und alle sprachen von ihrer Liebe.
Knut hörte ihm zu und gab ihm immer wieder gute Worte des Trostes. Er hörte ihm geduldig zu und der Wind rauschte durch die Blätter und Tim wurde wieder zu dem kleinen Jungen und er spürte den Trost und den Frieden, der von diesem Baum ausging.
Doch da war noch etwas anderes. Er spürte wie er gestreichelt wurde, wie eine Hand über seinen Kopf streichelte und er viel Liebe in dieser Berührung erkannte.
Er schaute sich um, doch er sah niemanden, aber Knut sah eine Frauengestalt, die sich hinter Tim stellte und ihn zärtlich streichelte. Sie war kaum wahr zu nehmen, war wie eine Brise des Windes, wie ein sanfter nebeliger Schatten, aber sie erstrahlte voll der Liebe.

Tim spürte es und fühlte sich stark und geliebt. Er wusste, dass es seine Frau war und obwohl die Tränen seinen Wangen herunterliefen, waren es keine Tränen der Trauer, er freute sich, denn er spürte es deutlich, die Liebe überlebt auch den Tod.

„Nichts ist endgültig“, dachte die knorrige Kastanie, „das Leben geht weiter. Es endet nie. Wir legen alle nur das Gefäß ab, aber sterben können wir nicht…und die Liebe macht dies möglich.“

Tim stand auf, er drehte sich zu Knut um, umarmte seinen starken Stamm, soweit es möglich war, und bedankte sich für all die schöne Zeit, die er Trost und Liebe bei ihm fand. Er versprach wieder zu kommen und wolle dann auch seine Kinder mitbringen, damit sie Knut kennen lernen durften und auch sie vielleicht den Frieden bei ihm finden, den er stets bei Knut gefunden hatte.

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