Hilfe, ich friere!!
Von
tastifix
Dienstag 25.01.2022, 19:39 – geändert Mittwoch 26.01.2022, 09:08
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tastifix
Dienstag 25.01.2022, 19:39 – geändert Mittwoch 26.01.2022, 09:08
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Heute wende ich mich Rat suchend an unseren Schöpfer:
„Herr, ich friere so eigenartig ...“
„Hier ists warm und unten bei Euch doch richtig heiß!!?“
Besorgt greift Gott das Thermometer.
„18 Grad!“, schüttelt er den weisen Kopf. „Wie kannste denn da frieren? - Oder war das ironisch gemeint?“
Kraftlos nicke ich. Prüfend schaut er zum himmlischen Wetterfrosch in dessen mit einer hohen Leiter ausgestatteten Luxusmarmeladenglaswohnung. Der sitzt ganz oben. Prompt zittert Gott ebenfalls, jedoch vor Wut.
„Petrus!!!“, schreit er. „Der kriegt was zu hören! Fast Kochtemperatur auf der Erde und er amüsiert sich im Wolkenbad! - Keine Sorge: Euch wird geholfen. Niemand soll behaupten können, ich hätte meine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Ich bin schließlich Euer Vater!“
Das ist nichts Neues für mich! Gott kramt das Handy aus einer Falte seines weißen Gewandes, drückt hastig ein paar Ziffern und stellt auf ´Lautsprechen`. Ich soll wohl alles mithören. Es antwortet ihm eine tiefe sonore Stimme.
„Petrus: Auf Erden krebsen die Menschen nur noch auf allen Vieren herum. Haste etwa unsere Heizung auf volle Pulle gedreht?“
Der ist gerade dem kühlen Nebenknäuel am Himmelsausgang entstiegen, gut erfrischt sowie bester Laune und hält es für einen Scherz.
„Gut gemacht, ja, Chef?“
„Du Armleuchter! Was hast Du da bloß wieder angestellt??“
Petrus zuckt heftig zusammen.
´Wenn er wenigstens ´Heiliger Armleuchter` gesagt hätte!`
Denn er zählt ja zu den Heiligen. Doch wegen des zweifelhaften Komplimentes hört er dann lieber genau hin:
„Du galoppierst jetzt sofort mit dem nächstbesten Rentier zurück zum Wetteramt und bringst das wieder in Ordnung, Du Schluff!!“
Schwer sauer beendet unser sanfter himmlischer Vater das eher unsanfte Telefonat und versteckt das Handy in einer anderen Falte, damit er es besser nicht so schnell wiederfindet. Er ist bedient für heute und seufzt:
„Du gehst jetzt zu Petrus. Das passiert nicht nochmal!!"
„Wo finde ich denn die Heiss-Kalt-Anstalt?“, stottere ich eingeschüchtert.
„Mit der Himmels-S-Bahn sinds drei Stationen. Sie hält direkt vorm Wetteramt. Petrus` Büro ist im sechsten Stock.“
„Gibt es dort wenigstens einen Aufzug?“
„Als mein Sohn auf Erden wandelte, hatte der auch keinen. Nein, Du benutzt die Treppe, klar? Kühlt doch ab, ist ja nass!“
Ungerührt arbeitet er an dem nächst ausstehenden Wunder weiter. Ich bin vergessen und somit entlassen.
Die Himmels-S.Bahn fordert überhöhte Preise. Ich setze mich auf einen Wolkensitz, der, weil ein wenig feucht, wunderbar kühlt. Es versöhnt mich mit dem Fahrpreis.
„Tolle Klimaanlage!!“
Nach wenigen Minuten stehe ich vor dem Wetteramt. Anders als unsere grauen Fabrikgebäude wirkt es mit den strahlend weißen Mauern recht einladend. In der Eingangshalle laufe ich zur Treppe, bin ja auf strapaziöses Stufensteigen eingestellt. Aber - was ist denn das?
´Nicht möglich!`,
Ich korrigiere mich hastig.
´Oh Herr, bei Dir ist ja nichts unmöglich!`
Ich betrete die unterste Stufe. Seitlich sind in leuchtenden Farben mehrere Knöpfe angebracht. Besser ists wohl, mich hier über nichts mehr zu wundern. Denn im Himmel wimmelt es bekanntlich von Wundern. Fix drücke ich den sechsten Knopf. Er ist himmelblau. Es ruckelt! Die Stufe löst sich aus der Treppe, schwebt mit mir langsam höher und stoppt direkt vor Petrus` Abteilung. Als ich von ihr zurück auf festen Boden trete, haucht eine liebliche Stimme:
„Auf Wiedersehen!“
Es ist die Stufe.
Petrus hat mich schon erwartet.
„Tach! Mensch, was ist denn mit Dir passiert??“
Die Anrede gefällt mir und dass er sofort gemerkt hat, dass mit mir etwas nicht stimmt, rechne ich ihm hoch an. Denn mit lebenden Menschen hat er es garantiert nicht oft zu tun.
„Unten kriegen wir kaum noch Luft. Vor Hitze können wir kaum arbeiten geschweige denn noch vernünftig denken! - ´Vernünftig denken` können viele allerdings auch ohne Kochtemperatur nicht!“, brummele ich, aber nur ganz leise.
Doch verschweige ich aus Solidarität, woran ich dabei so denke. Denn auch die sind ´Menschen`.
Dagegen setze ich vorwurfsvoll hinzu:
„Petrus, Viele suchen Erfrischung in Seen und Flüssen. Manche gar, ohne sich zuvor abzukühlen. Ein paar sind darum schon ertrunken!“
„Mein Gott!“, stöhnt er auf.
Aber der schweigt sich aus. Dies hat er allein auszubügeln.
„Das wollte ich nicht!“, jammert er.
„Hilft uns dort unten nicht weiter!“, urteile ich streng.
„Was soll ich jetzt nur tun?“
„Das solltest Du als Wetteramtsvorsteher wissen. Falls nicht, biste hier fehl am Platze!“
Nichts da! Ich scheinbar unbedarftes Menschlein soll ihm ´nen Tipp geben, wie er seinen Fehler wieder gutmachen könnte? Nein, er soll am eigenen Leibe erfahren, wie wahrlich toll das Schmoren sein kann. Auch, wenn es sich jetzt bei ihm anders auswirkt als bei uns in den letzten Tagen ...
Irgendwie aber tut er mir denn doch leid. Petrus sitzt dort wie ein Häufchen Elend und bekommt offensichtlich keinen vernünftigen Gedanken mehr auf die Reihe.
´Armer Kerl!!`
„Petrus, dass Einfachste wäre ein heftiges Gewitter mit Dauerregen. Dann ginge es uns sehr fix wieder besser!“, schlage ich vor.
„Wirklich??“, meint er total deprimiert.
„Na klar! Und zudem ist Gott dann mir Dir ausgesöhnt!“
Petrus` Miene hellt sich auf, er bringt sogar ein zögerliches Grinsen zustande, überlegt kurz und dann ... :
„Komm mit!“, fordert er mich auf.
Er führt mich in einen riesigen Kontrollraum. Überall Schaltanlagen mit blinkenden Lampen und Knöpfen.
´Wie im Raumschiff Orion!`
Der Monitor des Himmelscomputers zeigt das Bild der Erde. Entsetzt starren wir auf keuchende Menschen, hilflos hechelnde Tiere sowie auf ausgedorrte Felder und Wälder. Das Ende scheint sich bereits anzukündigen.
„Schnell, Petrus!!“, dränge ich.
Mir wird bang und banger … Petrus klappert wie ein Irrsinniger auf den Tasten herum. In einem Kästchen lesen wir, was man an Befehlen so eingeben kann.
Da steht:
Kälte … 1x, Regen ... 2x, Sonnenschein ... 3x, Hitze … 4x, und Gewitter … 5x klicken.
Dermaßen hastig, wie er die Befehle erteilt, wird mir allmählich unheimlich.
„Keine Sorge!“, lacht Petrus, wieder ganz der souveräne Vertreter seines Chefs. „In ein paar Stunden ist dort unten alles in Ordnung. Du wirst sehen!!“
Er fordert mich auf, die Augen zu schließen. Das Letzte, was ich noch mitbekomme, ist ein gehauchter Kuss auf meine Stirn. Es ist hier oben wohl Sitte, so ´Auf Wiedersehen` zu sagen.
Mit dem beglückenden Gefühl, zur Rettung allen Lebens beigetragen zu haben, schwebe ich zurück zur Erde. Schon fallen die ersten Tropfen. Die Leute stürmen aus den Häusern und umarmen sich. Der Regen wird immer stärker, Blitze schießen hernieder und es donnert. Inzwischen prasseln wahre Sturzbäche auf die Straßen, die ausgedorrten Felder und Wälder. Die Menschen und die Tiere atmen auf. Die Natur beginnt sich zu erholen. Aber das Gewitter will einfach nicht enden. Der sintflutartige Regen verwandelt die Straßen in reißende Flüsse, verkleidet die Felder in tosende Meere und lässt die Wälder fast versinken. Die anfängliche Freude der Menschen weicht der Angst. Sie fliehen in die Berge, um sich vor den Fluten in Sicherheit zu bringen und beten verzweifelt.
Gott in seinem Büro überarbeitet derweil schon die Planung des dritten noch ausstehenden Wunders. Nein, heute macht er keine Überstunden mehr! Erschöpft klappt er die Akten zu, erhebt sich, tritt ans Fenster und holt tief Himmelsluft. Endlich Feierabend! Ein letzter prüfender Berufsblick fällt auf die Erde. Wider Erwarten bleibt es jedoch nicht der letzte für diesen Tag. Erstarrt traut er den göttlichen Augen nicht:
„Nein, das darf doch nicht wahr sein! Was hat der denn da fabriziert!!?“
Alle Müdigkeit ist vergessen. Zum zweiten Male an diesem unheilvollen Tag wird Gott wütend, aber noch sehr viel wütender als vordem. Puterroten Gesichtes schnappt er nochmals tief nach Luft und brüllt, dass der ganze Himmel erbebt:
„Petruuuus!!!“