Gibts doch nicht, oder???
Von
tastifix
Dienstag 11.05.2021, 17:18
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
Dienstag 11.05.2021, 17:18
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Das Treffen mit seiner Clique ist toll gewesen. Wolfgang hat sich bestens amüsiert. Gelöster Stimmung setzt er sich abends ins Auto, um sich auf den Heimweg zu machen. Aus dem Radio säuselt Schmalz. Wolfgangs Gedanken fliegen in höhere Sphären. Bevor er denn startet, träumt er, eine Melodie summend, noch ein wenig vor sich hin.
Die spärliche Straßenbeleuchtung taucht alles in ein diffuses Licht und lässt es unheimlich erscheinen. Plötzlich aufschreckend, späht Wolfgang angestrengt zu einem Haus auf der rechten Straßenseite.
„Hääh? Da hat sich doch etwas bewegt!"
Sein Blick kontrolliert die Umrisse der umstehenden Bäume und Sträucher. Nichts. Er hat sich wohl getäuscht. Er will sich wieder der Erinnerung an eine bestimmte junge Dame hingeben, da stutzt er ein zweites Mal:
„Nee, schon wieder!"
Geschockt vergräbt er die junge Frau, um sie ja nicht zu verlieren, zur Sicherheit im tiefstem Winkel seines entflammten Herzens.
Dann aber starrt er hypnotisiert auf den riesigen Schatten zwischen zwei Laubbäumen, der zuerst ein wenig hin und her zu schaukeln scheint, dann wieder verhält und schließlich aus dem Schwarz der einbrechenden Nacht hinaus ins Laternenlicht tritt. Vor Schrecken umklammert Wolfgang das Lenkrad.
„Das kann nicht sein!", flüstert er.
Dort geht ein gewaltiger Jemand spazieren, der eigentlich ganz woanders hingehört.Wolfgangs Nackenhaare sträuben sich. Mit zitternden Händen greift er sein Handy und ruft die Polizei an. So ganz nebenbei wirft er einen raschen Blick auf die Armbanduhr.
„Erst 7Uhr. Für Geistererscheinungen viel zu früh!"
Nach dem vierten Freiton meldet sich der diensthabende Beamte. Er klingt reiflich genervt:
„Polizeiwachtmeister Kunz. Womit kann ich ... ?"
´Wenn ich dem das erzähle, flippt der aus!`, sagt sich Wolfgang.
„Wagner, guten Abend. Ich stehe hier auf der Landstraße, etwa einen Kilometer vor Hahnstadt."
„Haben Se nen Platten?", kommt ihm der Grüne zuvor.
Einen anderen Grund, seine gemütliche Lesestunde auf dem Revier zu stören, kann er sich um diese Uhrzeit nicht vorstellen.
„Nein, also: Es ist nämlich so …", setzt Wolfgang an, nun in einem sehr kläglichen Tonfall.
„Verraten Se mal endlich, was los ist!", brummt sein akustisches Gegenüber.
Um dem Stotterheini am anderen Ende der Leitung auf die Sprünge zu helfen, unterbreitet er ihm mehrere Vorschläge:
„Haben Se sich verfranst oder nen Unfall oder jeht es Ihnen ansonsten nicht jut?"
´Unfall` oder ´ansonsten nicht jut` hieße Einsatz und endgültiges Ende der Schmökerstunde. Mist! Leider muss der Beamte dann einsehen, dass er den Krimi vorläufig vergessen muss.
„Eher das Letztere!", stöhnt ihm der Anrufer entgegen.
„Was fehlt Ihnen denn?", forscht der Freund und Helfer aller Menschen besorgt.
Vor lauter Besorgnis spricht er plötzlich astreines Hochdeutsch.
„Hier l..läuft ein E..Elefant rum!"
„Bitte?? Hören Se mal: Wollen Se mir verarschen?"
Der Grüne ist schwer sauer. Von Hochdeutsch ist keine Rede mehr. Laut hörbar schnauft er seine Empörung in die Muschel.
„Glauben Sie mir doch. Bitte!!", versucht es Wolfgang halb verzweifelt ein weiteres Mal.
Sein Gegenüber hat inzwischen, beinahe noch schneller als er selber, die Fassung verloren und brüllt los:
„Sind Se bescheuert? Wat hat man Ihnen denn ins Glas gemixt?"
„Ich will Sie nicht veräppeln. Wirklich nicht. Hier steht tatsächlich einer!", jammert Wolfgang.
„Se wissen hoffentlich, dass dat ne saftige Klage gibt, wenn Se so weiter quasseln!", schreit der wütende Hüter des Gesetzes.
Auch ihm haben sich die Nackenhaare gesträubt, allerdings vor Wut. Fast am Boden zerstört, setzt Wolfgang alles auf eine Karte.
„Oh nein, er kommt auf mich zu ... Jetzt spielt der mit meinen Scheibenwischern. Hilfe!!"
„Dieser Typ ist voll durchgeknallt. Da muss ich hin!", sagt sich der Grüne und will den Raum verlassen.
Vor seinem Schreibtisch stoppt er plötzlich. Auf dem liegt noch die Tüte mit dem Einkauf von heute Mittag. Ein ganzes Bund Karotten sind dabei. Elefanten mögen die. Das weiß er aus der Schule und vom letzten Zoobesuch.
„Jetzt spinn` ich auch schon!“, murmelt Wachtmeister Kunz noch, schüttelt über sich selber den Kopf und angelt sich die Karotten. Schnell rennt er nach draußen zum Wagen und fährt gen Hahnstadt.
Auf Wolfgangs Stirn haben sich mittlerweile viele kleine Schweißtropfen gebildet. Ihm klappern die Zähne, zittern die Hände und er schrumpft auf seinem Sitz immer mehr zusammen. Am liebsten würde er sich unterm Lenkrad auf den Boden hocken. Halb nach unten gerutscht ist er ja schon. Dort harrt er ängstlich der Dinge, die noch auf ihn zukommen könnten. Über seinem Kopf knackt es verdächtig an der Windschutzscheibe. Der zweite Scheibenwischer muss dran glauben. Fröhlich dabei vor sich hin trompetend, schleudert der Elefant den interessanten Stock mit dem Rüssel temperamentvoll hin und her. Es dröhnt geradezu und trägt in der Dunkelheit nicht gerade dazu bei, jemanden mutiger werden zu lassen. Hypnotisiert beobachtet Wolfgang den ungebetenen Gast.
´Spiel bloß weiter ... Nur bitte nicht mit meinen Armen und Beinen!!`, zittert er.
Wie unter Zwang betrachtet er ihn genauer, so von ganz unten langsam die Beine rauf und immer höher. Irgendetwas kommt ihm spanisch vor. Dessen Trampelwerkzeuge nehmen und nehmen kein Ende, der mehr als feiste Bauch hätte jeden Diätlebensmittelhersteller jubeln lassen und erst diese wahnsinnig langen Stoßzähne … Völlig fasziniert vergisst Wolfgang darüber fast seine Angst. Solch einen gewaltigen Elefantenkopf mit ebensolchen Stoßzähnen hat er niemals zuvor gesehen. Ihm wird mulmig zumute. Ihm kommt eine irrwitzige Erkenntnis:
„Das ist doch nie im Leben ein ... ??“
Den Rest zu denken verbietet er sich. Es wäre zu schädlich für seine Nerven.
Derweil wirbeln Polizeiwachtmeister Kunz die Ideen nur so im Kopf herum, was er jenem offensichtlich Irren gleich entgegen schleudern wird.
„Entweder hat dieser Wagner eine Meise unterm Pony und ist aus einem Irrenhaus entwischt oder der hat mindestens zehn Schnäpse intus!“, überlegt er. „Auf jeden Fall gehört er aus dem Verkehr gezogen.“
Er biegt auf die besagte Landstraße ein. Nach nur wenigen Minuten erkennt er in dem schummrigen Laternenlicht zunächst das Auto und danach, noch nur schemenhaft, einen riesenhaften Koloss.
„Ach, du meine Fresse!“, stöhnt er und stoppt abrupt. „De Wagner hat keenen Knall. Dat is ja woll ...“
Entgeistert verfolgt auch er das Elefanten-Scheibenwischer-Spiel.
´Bösartig wirkt dat Vieh aber nich!`, stellt er fest.
Die Polizei nennt sich ja Freund und Hlefer. Darum ordnet Wachtmeister Kunz blitzschnell seine Gedanken, so dass sogar ein richtiger Plan dabei raus springt.
„Ob der wohl ´ne Möhre mag?“
Nun heißt es Mut zu beweisen. Er greift sich das Gemüse und steigt betont langsam aus dem Wagen. Der Elefant dort vorne soll sich ja nicht erschrecken. Das könnte fatale Folgen für Kunz` Gesundheit nach sich ziehen. Schritt für Schritt nähert er sich und wedelt ihm dabei mit den Möhren vor dem Rüssel herum. Dann vor ihm stehend kann Wachtmeister Kunz den Riesen so richtig in dessen voller Größe bestaunen. Er schaut auf die mächtigen Beine, betrachtet den massigen Körper. Um den Kopf ansehen zu können, muss er den seinen weit in den Nacken legen. Danach mustert er die mindestens drei Meter langen Stoßzähne.Wie Schuppen fällt es ihm von den Augen. Ihm fällt es wie Schuppen von den Augen.
„Dat Vieh is jar keen Elefant. Dat is nen Mammut!“, röchelt er leichenblass.
Die Möhren plumpsen auf den Boden. Bevor es um ihn Nacht wird, denkt Kunz noch:
„W..wer hat dat denn aufjetaut?!!“
Er sackt in sich zusammen und bleibt dabei nicht ohne Gesellschaft. Wolfgang hat die letzten Worte dieses Hüters des Gesetzes vernommen und es für weise erachtet, sich ebenfalls in den Schlaf zu verabschieden.
Das Mammut interessieren die beiden Menschlein vor ihm nicht die Bohne. Jenes Urzeitwesen tut sich stattdessen an den neuzeitlichen Möhren gütlich.