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Gefiedertes Glück

Von tastifix 24.04.2022, 14:11 – geändert Samstag 30.04.2022, 08:38

Es war Frühjahr, auch für Tiere eine aufregende und anstrengende Zeit.

Blauflügelchen, ein junger attraktiver Meisenmann, warb tagelang um ein ebenso schönes Weibchen und trällerte sich fast die Stimme aus der Kehle. Gelbbrüstchen, seine Auserwählte, war sehr anspruchsvoll, nicht einfach zu überzeugen und hörte sich nebenbei auch noch die Minnegesänge anderer Vogelmännchen an. Denn es ging darum, den wirklich passenden Papa für die zukünftige Kinderschar auszusuchen und da kannte Gelbbrüstchen keine Bescheidenheit. Hübsch hätte er zu sein, ein tadellos gepflegtes Gefieder zu haben, tolle Arien musste er beherrschen und dann als Architekt wirklich einsame Spitze sein.

Diese hohen Ansprüche verkleinerte die Zahl der Kandidaten, die sie in die engere Wahl zog, ganz erheblich. Kein Wunder, denn wie oft hatte sie sich - einfach grauenvoll - so manche schiefen Melodien anhören und zerfleddertes Gefieder sehen müssen. Brr!

Doch dann war Blauflügelchen auf die Bühne getreten, sang besser als mancher menschliche Opernsänger und tanzte sogar dazu. Er hüpfte von einem Bein aufs andere, plusterte sich imponierend auf und schlug mit den prachtvoll schillernden Flügeln wild herum. Gelbbrüstchen wurde denn auch recht fix aufmerksam, ließ die anderen Vogelmännchen außer Acht und lauschte ihm fasziniert. Je länger, umso stärker klopfte ihr kleines Vogelherz. Sie konnte den Blick nicht mehr von ihm wenden. Blauflügelchen setzte seinen ganzen Charme ein. Überraschend für die kleine Angebetete und auch die wegen jener tollen Idee dann neidischen Konkurrenten flatterte er hinunter auf die Wiese unter dem Baum, pickte etwas auf und kehrte mit einer wunderschönen Gänseblume im Schnabel auf seinen Zweig zurück. Dort drehte er dann den Kopf mal nach rechts, mal nach links, so dass Gelbbrüstchen die Blume von allen Seiten bewundern konnte. Ja, ein solch süßes Geschenk war noch keinem der anderen Vogelmännchen eingefallen. Sie entschied: Allein er kam als Papa ihrer Kinder infrage, nur er.

Sie sandte ihm ein liebes Piep entgegen, was freudig mit einem Triller beantwortet wurde. Blauflügelchen hüpfte zu ihr und setzte sich eng neben sie, blickte froh in ihre schönen dunklen Augen und das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Leise zärtlich piepsend rupften sich die Zwei gegenseitig eine Nackenfeder aus, ließen jene und die Blume aber nicht etwa zu Boden fallen, sondern legten sie auf ihrem Ast ordentlich nebeneinander. Sie wollten sie nämlich ins Dach ihres Luxusnestes in einem der Bäume direkt an dem großen Teich in der Nähe einbauen.

Nun wurde es für Blauflügelchen sehr anstrengend. Gelbbrüstchen kommandierte ihn nach Strich und Faden herum, wie denn das Nest letztendlich ausschauen sollte und er hatte am laufenden Band noch kleine Änderungen vorzunehmen, bis sie endlich mit einem begeisterten Pieppiep ihr Einverständnis erklärte. Das Dach des Nestes sah so schön aus wie kein zweites in der Nachbarschaft. Die Blüte des Gänseblümchens hing wie eine Minisonne an der Decke und die beiden ums Blümchen eingeflochtenen Federchen zierten sie ungemein. Es sah sehr romantisch aus. Glücklich kuschelten sich Gelbbrüstchen und Blauflügelchen abends in ihrem neuen gemeinsamen Zuhause aneinander.

Bald darauf legte Gelbbrüstchen vier winzige Eier, eines hübscher als das andere und beschäftigte sich fürsorglich damit, sie auszubrüten. Papa Blauflügelchen versorgte sie derweil stolz mit den leckersten Leckerbissen, die er finden konnte. Aber damit noch nicht genug: Jeden Abend, wenn die Dunkelheit anbrach, sang er seiner Liebsten ein zartes Liebeslied vor und sie schloss dann entzückt die Augen.

Es dauerte nicht lange und die Kleinen schlüpften. Noch waren sie ja nackt und nichts verriet ihre zukünftige Schönheit. Aber für Gelbbrüstchen und Blauflügelchen waren es schon jetzt die niedlichsten Meisenkinder der ganzen Welt.
Nach wenigen Tagen schon trugen sie ein weiches strubbeliges Daunenkleid. Von Tag zu Tag sahen sie putziger aus und Gelbbrüstchen und Blauflügelchen betrachteten sie stolz. So machte es ihnen fast nichts aus, pausenlos für den süßen Nachwuchs Futter heranzuschaffen.Tja, Vogelkinder wachsen rasch und werden, wie alle Kinder auf Erden, zunehmend kecker, vor allem dann, wenn sie dermaßen umsorgt und verwöhnt wurden wie diese Vier.
„Mama, Piep, aber den Regenwurm mag ich nicht. Ich will ´ne Mücke!“
„Mama, der hat mir die Fliege aus dem Schnabel geklaut, pieps, mecker!“
„Papa, der schubst mich immer!“
„Mach ich gar nicht, piepiep!“, empörte sich das Vierte.
Na, ab und an entfuhr ihren Eltern denn doch ein leiser Seufzer:
„Die benehmen sich ja nun fast so aufmüpfig wie einige Menschenkinder! O je!“
„Bald fliegen sie ja ihrer eigenen Wege!“, tröstete Blauflügelchen.
„Zum Glück!“,seufzte Gelbbrüstchen zurück. „Noch länger brauchen wir dieses Fitnessprogramm denn doch nicht!!"
Darin waren sie sich total einig.

Als die Vier sich jedoch dann, in nun fast so hübschem Federkleid wie ihre Eltern, zum ersten Male in die Luft erhoben, war all das Seufzen vergessen und jene platzten fast vort Stolz:
„Sieh mal, wie anmutig sie mit den Flügeln schlagen ...“
„Und sie üben schon ihre Liedchen!“
„Es gibt doch nichts Schöneres auf Erden als Kinder zu haben!“
Sie stiegen ebenfalls in die Luft, umkreisten die Kinderschar und dann konnte man beobachten, wie die Sechs fröhlich im Sommersonnenschein flatterten, wie bunte Pfeile von Baum zu Baum schossen und miteinander fangen spielten.

Allen Menschen, die zuschauten, ging das Herz auf.

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