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Freundinnen

Von Feierabend-Mitglied Samstag 29.05.2021, 07:38

Nach langem Missbrauch in meiner Kindheit und einer unglücklichen Ehe verliebte ich mich in eine Frau und damit bekam meine Welt ein anderes Gesicht, ich lernte die Liebe kennen. Unbekannte ganz neue Gefühle, Situationen und das Leben als alleinstehende Mutter zu einer Zeit, als so etwas noch im Geheimen gelebt wurde, das stellte mein Leben völlig auf den Kopf. Der Spagat zwischen dem, was die Gesellschaft erwartete und dem, was ich fühlte und lebte war zu dieser Zeit noch sehr schwierig. Wir zogen in eine größere Wohnung und lebten 5 Jahre zusammen, meine Töchter sind damit aufgewachsen und hatten plötzlich zwei Mütter. Am Ende dieser Beziehung wurde es schwierig, weil ich das Bedürfnis hatte, unsere Verbindung auch nach Außen offen zu leben, meine Freundin dies jedoch konsequent ablehnte. Ich begann, politisch zu arbeiten, Alice Schwarzer zu lesen und so folgte schließlich die Trennung. Ich engagierte mich in Frauengruppen, erkannte gesellschaftliche Zusammenhänge, die Suche nach mir selbst begann. Mit meinen Töchtern war ich viel im Gespräch, wir führten ein offenes Haus, sie liebten unser unkonventionelles Leben und wurden dabei sehr selbstständig.

Sie konnten Freunde und Freundinnen mitbringen, auch über Nacht, oft kochten wir gemeinsam, manchmal hatte ich politische Frauengruppen bei uns. Meine inzwischen pubertierenden Mädchen wurden mit gesellschaftlichen Themen konfrontiert, hatten ein hohes Maß an Freiheit, aber auch an Verantwortung und an festen Absprachen. Oft war ich sehr erschöpft, denn ich war voll berufstätig. So blieb mir zum Glück nichts weiter übrig, als mit ihnen zu wachsen und zu reifen.

Meine große Tochter zog mit 17 Jahren in ihre erste eigene Wohnung, erste Beziehungen zu Männern begannen und diese wollte sie nicht bei ihrer Mutter leben. Es war ein friedlicher Abnabelungsprozess. Ich habe ihnen immer gesagt, dass es nicht wichtig ist, mit wem, sondern wie sie eine Beziehung lebten.

Meine Zweite zog sich mit 19 Jahren für zwei Wochen zurück und kam kaum noch aus ihrem Zimmer. An einem Sonntag machte sie für uns Frühstück und sagte, sie müsste mit mir reden. Ich bekam einen mächtigen Schreck, weil ich dachte, sie ist schwanger. Aber sie eröffnete mir, dass sie sich in eine Frau verliebt hat und mit ihr zusammen leben möchte. Ich war erschrocken und sie war fassungslos über meine Reaktion. “Mama”, sagte sie: "gerade von dir hätte ich das nicht erwartet"! Ich nahm sie in den Arm und meinte nur, dass ich mir für sie ein leichteres Leben gewünscht hätte. Aber dann freute ich mich mit ihr. Ich schlug vor, wir feiern ein großes Fest, du mit all deinen Freundinnen und ich mit meinen, ein reines Frauenfest. Sie sagte: “vergiss es, ich feiere mit meinen und du mit deinen Freundinnen, aber nicht zusammen. Ich ziehe aus und will nun erst einmal herausfinden, wer bist du und wer bin ich!" Das tat zuerst weh, aber ihre Entscheidung war richtig, und ich war stolz auf sie. Beide Töchter sind starke Frauen geworden. Wir haben ein inniges Verhältnis zueinander, noch heute.

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