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Es tropfte! (Nicht ganz ernst zu nehmen!)

Von tastifix 11.07.2021, 12:49 – geändert 11.07.2021, 15:01

Ich gehe in mich. Es lässt mir keine Ruhe. Was für ein Mensch bin ich eigentlich? Zumindest darf ich mir sagen, dass ich einer bin. Ist doch toll, ja?
Was die detaillierteren, mich betreffenden Charakterisierungen angeht, lasse ich mal alle bis auf die unter den Tisch fallen, die ich noch nie habe verstecken können und die zu verheimlichen ich auch niemals imstande sein werde.

Also: Dass ich gerne schreibe, weiß hier jeder. Dass ich bestimmt auch gerne lese, vermutet jeder. Aber, was ich gerne lese, verlangt nach Aufklärung. Ich lese gerne Ernstes, ich lese sehr gerne Amüsantes und ich schäme mich nicht, es zuzugeben: Ich schwärme für Schmalz! Der muss allerdings so dick aufgetragen sein, dass mir nach spätestens fünf Minuten die Tränen rollen. Dies dann jedoch nur vor Lachen, weil alles so köstlich dämlich ist und darin so unwahrscheinlich leicht durchschaubar. Andernfalls ist es in meinem Dafürhalten nur niveauloser Schmalz.

Eine Zeitlang saß ich eher vor der geliebten Glotze, die ja mehr als genügend Schmalzthemen offerierte. Diese sprangen mit ihren mehr als naiven Titeln beim Durchblättern der Fernsehzeitung sofort ins Auge. Ich benenne sie jetzt nicht, denn sonst würde ich vielleicht deswegen noch Ärger bekommen können. Jenes vielfachen Blödsinns wegen noch Nervenkraft einzusetzen, weigere ich mich ganz ausdrücklich. Eine Zeitlang lang ließ ich mich tatsächlich von dem Quatsch berieseln, wie es gleich mir wohl für eine Weile so Manchem erging. Nach der 445. Folge einer allseits mehr als bekannten Serie jedoch ... :
„Nicht mehr mit mir!"

Notgedrungen suchte ich mir ein anderes Betätigungsfeld, um mich auf ähnliche Weise zu betätigen, nämlich, mir tropfenden Schmalz einzusaugen bis in den hintersten Winkel meines ach so nach Romantik süchtigen Herzens. Tapfer sagte ich jener irren Serie Lebewohl und verzichtete damit auf die unbezweifelbar lebenswichtigen Informationen der betreffenden Folge und auch der aller noch zu erwartenden Fortsetzungen. Ich hoffte inständig beziehungsweise war mir eigenartigerweise dessen ziemlich sicher, dass meine eigene Lebensroute deswegen keine Umwege nehmen würde.

Zu meinem Segen kam mir vage die Erinnerung daran und diese manifestierte sich dann recht fix, dass ich ja des Lesens mächtig war und eigentlich wieder einem Buchgeschäft einen Besuch abstatten könnte. Eine recht große Buchhandlung sollte es sein, denn in den kleinen würde ich garantiert nicht fündig werden.

Weil Düsseldorf eine Stadt mit sehrgutem Kulturangebot ist, musste ich nicht lange, bis ich fand, was mein Herz begehrte. Bald schon stand ich inmitten von Regalen bis unter die Decke. Klassiker schauten mir entgegen und auch die gesamte Literatur der Moderne. Ein bestimmtes Regal zog mich magisch an. Die Buchtitel ließen mein Herz klopfen, bis es dann schließlich zu rasen begann. Ich war am Ziel meiner Träume, ich hatte sie gefunden, die Schmalz-Autorin, deretwegen anfangs des letzten Jahrhunderts sich garantiert zahllose Frauen unter den Tisch geheult und so der Taschentuchindustrie zu ungeahnter Blüte verholfen hatten: Hedwig Courts-Mahler, meiner Meinung nach in jenem Genre eine wahre Zauberin!

Wie hypnotisiert starrte ich auf die Cover, deren Outfit allein mich schon in die Träume der heilen Welt entführte. Ich bremste mich nicht länger, klaubte mir einen Band heraus, schlug ihn auf und sofort war es um mich geschehen. Ich tauchte ein in jener Welt voller Lieblichkeit und Rosen, identifizierte mich mit den Helden der Geschichten, litt sowie freute mich mit ihnen und verschlang gierig die schwülstigen Liebeserklärungen, die in schöner Regelmäßigkeit auf jeder zwanzigsten Seite zu lesen waren.

Ach, seuufz! Ich schwamm innerlich weg, "wegger" ging es gar nicht. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dann leider nicht nur innerlich hin und futsch war, als ich jene, der Heldin begegnende, bedeutungsschwangere Situation mit durchlebte. Dort stand:
´Sie schaute in seine tiefblauen Augen, Augen, so tief wie das Meer, die vor überschäumender Liebe zu ihr strahlten wie die gleißende Sonne am Sommerhimmel. Sein inbrünstiger Blick versengte sich in den ihrigen, usw. ... `
Den Rest möchte ich Ihnen ersparen.

Was ich Ihnen aber nicht erspare, ist meine Reaktion darauf: Erst bahnte sich nur ein schüchterner Tropfen den Weg über meine Wange. Dem allerdings folgten ganz viele, alles andere als schüchterne Tränen, die ungehemmt und weithin für jeden sichtbar, über mein Gesicht rollten. Sie vereinigten sich zu einem Wasserfall und ich war mitnichten mehr fähig, dem auch nur im Ansatz etwa Einhalt zu gebieten. Oh, welch` eine Wonne! Es war ja noch schmalziger als im Fernsehen!!

Ich erwarb dieses Buch, raste anschließend fix zu Aldi und kaufte dessen gesamten Taschentuchvorrat auf - für alle Fälle!

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