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Erinnerungen

Von speedygonzalez Samstag 02.10.2021, 09:58 – geändert Samstag 02.10.2021, 10:03

Wenn die Großen, meistens TG, Hansfriedel und Fredi, Tante Idas Söhne, und Magdalene mit Hansjosef zum Einkauf nach Oberstaufen mussten, war das eine Strapaze ohne Ende. Einmal mussten sie sogar mit den Skiern zur Dachluke hinaus, so tief waren wir eingeschneit. Die Tenne über die Rampe hinten hinaus zu verlassen war nicht möglich, also nach vorne durch eine Luke. In der Regel dauerte so ein Marsch einen halben Tag oder mehr, bis sie wieder ab-gekämpft daheim waren.
Mutti hatte derweil als gelernte Schneiderin immer gut zu tun, denn die Bauern der Umgebung brachten ihr die ganze Wäsche, die geflickt werden musste, und sie wurde mit Milch, Käse und Brot bezahlt. Anfänglich ging das ja wohl nur bis zum Einbruch der Dämmerung, doch dann hat Mutti sich in Oberstaufen dafür eingesetzt, dass Hinterreute, wie der Weiler hieß, ans elektri-sche Netz angeschlossen wurde und dann konnte sie auch etwas länger arbeiten.

Für Unterbrechungen wurde von uns selber schon gesorgt. Häufig kamen wir von einem Spa-ziergang durchs Moos und die Wiesen zurück und Mutti musste sich mit "zuenen Augen" hin-setzen und die Schürze aufhalten. Zuerst kamen Wölfchens Blumen, von mir bekam sie einen Frosch, der hatte auf dem Rücken ein Muster wie ein "M" und hieß darum "Miale", aber bei Mut-tis Schreckensschrei war ihn nicht mehr so wohl und er wollte davon. Dabei kam er aber nicht weit. Bei Hansjosefs Mitbringsel, einer Feldmaus, gelang die Flucht besser, die, kaum dass er seine Hand geöffnet hatte, durch Muttis Schürze sauste und gleichzeitig mit ihrem Schrei mit einem Satz verschwand. Magdalenes Geschenk, was immer es war, ging dabei im Tumult unter. Aber Mutti hat sich mit der Zeit an unsere Mitbringsel gewöhnt, besonders ge¬wap¬pnet, wenn sie die Augen zumachen musste.

Hansjosef und ich waren für das Feuerholz zuständig, was bedeutete, dass wir sehr häufig, "der ewige Hacker" spielten. Er hatte das Beil und hackte in einem fort und ich musste ihm das Reisig hinschieben. Einmal lag ein Zweig so schräg, dass ich ihn geschwind noch gradeschie¬ben wollte und hatte plötzlich das Beil in den Fingern. Hansjosef hat sich wohl noch mehr er-schreckt, als ich, denn gleichzeitig fiel ein Hölzchen vom Hauklotz und er dachte, das sei ein Stück Finger. Die waren zwar alle noch dran, bluteten aber wie Sau. Bei so etwas war Mutti dann echt eine Koryphäe. Kein Geschrei, keine Schelte, sofort das Handgelenk abgebunden, die Wunden ausgewaschen und verbunden. Mein linker kleiner Finger ist hernach etwas krumm geblieben und die Narben, quer über alle vier Finger sind heute noch zu sehen. Vati wollte an-lässlich eines Besuches dann den kleinen Finger etwas richten und hat ihn geschient, aber das hat nur wehgetan und nichts gebracht. Ein anderes Mal bin ich mit dem linken Fuß in eine Glas-scherbe getreten und habe mir die Fußsohle quer rüber tief aufgeschnitten. Auch das hat sie meisterhaft verbunden. Vatis Besuche habe ich überhaupt nicht in guter Erinnerung. Ir-gendwie brachte er Unruhe in ein eingespieltes System. Einmal haben Vati und Onkel Erich, den wir ja von Altkirch her schon kannten, die Bahnreise von Kulmbach nach Oberstaufen zu-sammen gemacht. Den größten Teil der Reise auf den Puffern zwischen den Wagons und dann mit 6 weiteren Männern im Bremserhäuschen eines Güterwagens. Ein anderes Durchkommen gab es nicht mehr. Es war so eng dabei, dass Vati die ganze Zeit die Kurbel der Handbremse in der Seite hatte. Dabei hat die Handkurbel sich durch seine Aktentasche gescheuert und das halbe Kommissbrot verkümmelt, was bei dem Fahrtwind auch noch wegflog. Die Aktentasche aus Kunstleder mit dem Ersatzflecken, größer als eine Kinderhand, hat ihn durch den ganzen Krieg begleitet.
Im Sommer hörte ich von weiter oben beim Kennerknecht dann mal ein Pfeifen, was mir doch bekannt vorkam. Und da kamen auch zwei Männer den Fußweg herab. Ich sagte zu Mutti, dass Vati da wohl käme. Zuerst wollte sie es nicht glauben, aber dann gab es rauchende Hacken.

Eine Schaukel an einem starken Ast hinter dem Haus war für die Großen sehr attraktiv, beson-ders für Hansjosef, der gern mit seinen Füßen durch die Kuhfladen strich. Die waren ja so an-genehm warm, wenn sie grade gefallen waren. Und zum Waschen gab es im Brunnen Wasser genug. Unten im Moos gab es eine Viehtränke, an der an den Sommerabenden immer Rehe aus dem gegenüberliegenden Wald herauskamen und tranken. Das und die Kuhglocken auf den Matten ringsum und die friedliche Stille, die es vermittelte, ist mir sehr gut in Erinnerung. Auch der Geruch nach Kuh, Milch, Heu und dem Duft der Wiesen habe ich nie vergessen.
Als Wolfgang und ich 1958 per Anhalter auch hierher kamen, habe ich gleich nach dem Verlas-sen des letzten Autos in solch einer Abendstimmung sofort diesen unvergleichlichen Duft wahr-genommen und wusste – jetzt bist du zuhause, das ist es. Und wenn ich heute das tiefe Verlangen nach Abschalten und Ruhe spüre, ist dieses eines der Bilder, die ich mir in Erinne¬rung rufe und alles wird gut.
1962 habe ich einmal meine Arbeitskollegen bei Krupp überrascht, als ich einem anderen Mann, der grade aus dem Urlaub zurückkam, auf den Kopf zugesagt, er wäre im Allgäu gewe¬sen. Obwohl er schon am Samstag heimgekehrt war, auch das obligatorische deutsche Wan¬nen¬bad genommen hatte und hier am Montag drauf in seiner Arbeitskleidung hereinkam, ich habe es sofort gerochen.

Das Wetter war nicht immer so harmonisch. Es gab auch sehr heftige Gewitter und das Don-ner¬grollen in diesen Tälern wirkte sich schlimmer aus, als im flachem offenen Land. So spielten wir einmal "Vater, Mutter, Kind" im leeren Kuhstall, mit Tisch, Stühlen und Mittagessen. Mag-dalene hat das für uns Kleinen immer sehr gut inszeniert. Zu dem Zeitpunkt war auch Onkel Willi Acht, Irmchens Vater zu Besuch, mit der Folge, dass später noch ein "Williken" dazukam. Er und wir im Kuhstall und draußen tobte ein Gewitter, während Magdalene mit uns (wie üblich vor dem Essen) betete. Das hörte sich dann wie: an und wir, mit gefalte-ten Händen, waren alle feste mit dabei, als es einen Blitzschlag und gleichzeitig einen ohrenbe-täubenden Donnerschlag gab. Irmchen schrie, Wölfchen machte mit und mir rutschte das Herz in die Hose. Magdalene und Onkel Willi rannten zur Tür, deren obere Hälfte offen stand und sa-hen unten am Waldrand auf der gegenüberliegenden Seite des Mooses eine Tanne, die lichter-loh brannte, bis der starke Regen sie löschte. Später waren wir drüben und haben gesehen, dass der Blitz ein 3-4m langes Stück von der Tanne abgeschlagen hat. Monatelang konnte man das weiße Holz sehen.
Als ich Anfang der Achtziger einmal mit Hanna und Georg dort vorbeikam und auch zufällig die Schwärzlers am Haus waren, bin ich hingegangen und habe gefragt, ob ich es mit Benedikt Schwärzler zu tun hätte, denn das Gesicht kam mit bekannt vor. Fragend schüttelte er den Kopf, meinte aber ja, das sei er. "Dann habe ich gesehen, wie sie aus dem Kriege nach Hause kamen." Noch fragender das Gesicht. "Ich bin Dieter Maus, wir haben damals hier gewohnt." und da fiel bei ihm der Groschen. Nun, mit uns hatte er auch nichts weiter zu tun gehabt. Ich vermute, dass er direkt nach der Kapitulation entlassen wurde und sein Heimweg nicht allzu weit gewesen sein konnte. Aber Georgs große Augen, als ich meiner Familie im Stall dann von meinen Erlebnissen, auch das mit der Tanne, erzählte, vergesse ich nicht. Er sah mich auch genau so komisch an, wie ich Vati, wenn er mit gesenktem Kopf, um nicht an die Decke zu stoßen, herumging. Was blieb mir jetzt auch anderes übrig, bei meinen 188 und einer Deckenhöhe von 185.

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