Erinnerungen
Von
speedygonzalez
26.09.2021, 10:33
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speedygonzalez
26.09.2021, 10:33
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Allgäu
Zur Situation. Ich muss vier Jahre alt gewesen sein, als wir ins Allgäu auf den leer stehenden Hof von Schwärzler kamen. Das heißt, so leer war der gar nicht, Tante Gertrud mit ihrem Töchterchen Irmchen lebte schon dort und erst viel später habe ich gehört, dass Tante Gertrud sich dafür stark gemacht hat, dass Mutti mit ihren vier Kindern, Magdalene, Hansjosef, Dieter und Wolfgang aus dem Flüchtlingslager von Tuttlingen ins Allgäu in dieses "ündere Hüs", wie es auch genannt wurde, verlagert wurde. Zwei Höfe weiter rechts den Hang hinauf hinter Schwärzler war Tante Ida, auch aus der Heimaterde, Mülheim a.d. Ruhr mit ihren Söhnen Hansfriedel und Fredi. Mir waren sie unbekannt, denn aus der Heimaterde sind wir ja schon wegen der Kriegseinwirkungen nach Heiligenstadt in Thüringen verlagert worden, als ich 15 Monate alt war. Aber an dem Verhalten von Mutti und meinen älteren Geschwistern, Magdalene war wohl schon über neun und Hansjosef um sieben herum, merkte ich, dass es so etwas wie weitläufige Familie sein musste. Jedenfalls waren alle in der Lage, mir Dinge anzuordnen, die ich zu tun oder zu lassen hatte. Immer das gleiche!
Auch der alte Kennerknecht, der links oberhalb vom ündere Hüs seinen Hof hatte, mit seinem langen weißen Bart war für mich ein Anblick des, nun Schreckens nicht grade, aber viel Respekt auf jeden Fall.
Der leer stehende Hof der Schwärzlers, auf dem wir nun zusammen lebten, war noch nicht elektrifiziert und außer dem Herd in der Küche gab es noch den großen Kachelofen in der großen Stube, der dort schöne Wärme verbreitete, wovon auch noch die Schlafstube dahinter profitierte. Nach oben, wo die anderen Schlafstuben lagen drang kaum noch etwas.
Der Hof lag mit dem Rücken zum Hang, so konnte die Tenne mit einer leichten Rampe von den Pferdefuhrwerken erreicht werden. Diese Tenne zog sich über die ganze Hausbreite. Unter der Rampe lag, halb in den Hang gebaut der Schopf und nach vorne hinaus kam man in den Stall und die Wohnräume. Rechts außerhalb des Schopfes war das Brunnenhaus, wo ein Brunnen mit dumpfem Gemurmel und Geplätscher unendlich viel Wasser gab, was aus dem Berg dahinter abgezapft wurde. In tiefen Wintern kam es vor, dass man nach dem Beiseiteschieben des Tores in eine weiße Wand starrte. Dann waren erst mal TG, Magdalene und Hansjosef an der Reihe mit Schneeschaufeln, um einen Zugang zum Brunnen freizuschaufeln. Wir Kinder, Wolfgang, Irmchen und ich bekamen nichts davon mit, dass TG und Mutti erst den Herd anschüren mussten um warmes Wasser zum Waschen für sich und uns zu bekommen.
Hansjosef und Magdalene gingen schon im Moos unten auf der anderen Seite der Alpenquerstraße zur Schule, eine Zwergschule, wo alle schul-pflichtigen Kinder der Umgebung zusammen gefasst und in einem Raum unterrichtet wurden.
Einmal meinte ich dann, dass ich auch dort zur Schule gehen sollte. Hatte man mir ja auch schon so gesagt und ich fand es sei an der Zeit. Mutti und TG haben mir einen Kinderrucksack fertig gemacht, mit was weiß was alles drin und so bin ich losgezogen. Es war wohl grade Religionsunter-richt, als ich herein kam und der Vikar von Steibiß (ob das nun der Ort am Fuße des Hochgrades oder sein Eigenname war, weiß ich nicht) nahm mich auch ernst genug und ließ mich herein. Er fragte auch, was ich denn alles dabei hätte für die Schule und ich habe ihm alles gezeigt. Magdalene hinten hat sich in Grund und Boden geschämt, aber der Vikar wollte alles wissen und so zeigte ich ihm auch noch einen dicken Ring mit Unterleg-scheiben, den ich in der Hosentasche mit herumschleppte. Den Vikar habe ich dann öfters noch bei uns gesehen, denn der Kommunionsunterricht für Magdalene musste besprochen werden. Da er gut Gitarre spielte, gab es bei uns häufiger Hausmusik, da Magdalene auch schon recht gut darin war. Bei dem Gottesdienst war ich nicht dabei, aber ich weiß noch, dass am Freitag vor Weißensonntag die Wiesen schon grün und voller Himmelsschlüssel waren. Und nach dem Gottesdienst am Weißensonntag durften wir sie als Tischdekoration unter 1m Schnee heraus graben.
Noch eine Anmerkung zum Kirchgang. Später habe ich einmal von Mutti gehört, dass sie vom Pfarrer in Oberstaufen in der Beichte angeblafft wurde, weil sie und TG nicht zur Messe gekommen waren. Dabei hatten die beiden sich schon eine Stunde durch den tiefen Schnee bis zu Kennerknecht hoch gewühlt, durch Schnee der ihnen bis an den Bauch ging und immer noch in Sichtweite unseres Hofes lag. Ein sommerlicher Spaziergang von 10 Minuten, aber so hätten sie den Gottesdienst niemals erreicht und Skier gab es für die beiden noch nicht. TG hat später welche gehabt.
Wenn der Winter kam, meldete er sich zuerst mit einigen Hagelschauern an, so zwei, drei hinter einander und dann fing es an zu schneien, mal aus dieser mal aus der anderen Richtung, je nachdem, wie der Wind um die Hausecke pfiff. So sah es durch das Fenster aus. Das Schneetreiben hielt dann an bis zum nächsten Tag und die Welt war weiß. Bis an die Treppe, die vorne zur Küche hinausführte, manchmal auch noch höher. Häufig haben die Größeren auch in der Küche schon die Skier angeschnallt und sind dann von dort mit Anlauf hinaus ins weiße Vergnügen. Doch das Vergnügen war noch nicht für mich, denn in meiner Größe gab es keine Schier. Und ohne im Schnee von 1bis 1,5m machte es wenig Vergnügen. Und Mutti konnte gern auf das Vergnügen, mich und meine Sachen dann jedes Mal wieder trocken zulegen, gern verzichten. Das begann erst, als man für mich ein paar Bretterl auftreiben konnte, aber keine Stöcke dazu. So musste ich es mit Muttis Waschknüppeln versuchen – Ach du Jeh – und baute eine Badewanne nach der anderen den Hang vom ündere Hüs bis ins Moos hinunter. Aber bald war ich fit und die anderen liefen mir auf den Hängen ringsum nicht mehr davon. Bis auf ein¬mal, als ich dem Pfahl eines Weidezaunes, die normalerweise im Herbst umgelegt wurden, nicht mehr ausweichen konnte und ihn zwischen die Beine nehmen wollte. Aber er hat es besser gewusst und ich blieb hängen. Fürchterliches Geschrei, ein Bein nach innen, das andere nach außen verdreht. Magdalene kam heran geschwungen und versuchte es zu richten, und verdrehte das eine Bein glatt in die falsche Richtung. Schöne, heile Welt für ein paar Tage. Aber Wölfchen und Irmchen waren ja auch noch da.