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Erinnerungen

Von speedygonzalez Montag 17.05.2021, 10:34

Carora, Venezuela

Wenn man von Barquisimeto in Landesinneren nach Maracaibo will oder nach Valera in den Anden, gibt es nur eine Strecke. Die ist man zu fahren gezwungen.
Diese Strecke führt durch das Bergland von Carora. Nicht, dass es wild und hoch wäre, oder vielleicht sogar pittoresk, nein es war ein Hügelland, mit Hügeln, die dicht bei dicht lagen.
Der Film "Lohn der Angst" wurde hier gedreht. Die Straße, die hindurch führt läuft immer regelmäßig an den Hügelflanken entlang in halber Höhe, also ca 200m über dem Grund. Der Himmel über einem ist sehr gut zu sehen, interessiert hier aber keinen, denn die Straße fordert kompromiss-los alle Aufmerksamkeit, wie einige Autofracks auf der Talsohle bestätigen können, denn alle 300-400m gibt es eine neue Kurve, die zu durchfahren ist. Die zermürbende Monotonie und Melancholie liegt in der absoluten Eintönigkeit, der kahlen Hügel mit nichts als Mesquitegestrüpp, die den Fahrer fertig macht.
Jedem, der sagte, dass er grade aus Carora gekommen sei, galt sogleich unbedingte Anteilnahme.
Diese Straße wurde gebaut, als im 19. Jahrhundert Sträflinge zu beschäfti-gen waren und so wurde nicht an Brücken und zügige Straßenführung ge-dacht, sondern an Beschäftigung der Zuchthäusler. Auch wenn die Strecke durch dieses Hügelland nur 52km lang ist, wenn man nach Valera muss, es gibt nur diesen Abzweig, dann dreht man den Lenker nur 254x durch die Nullstellung, muss man nach Maracaibo, so sind es nur 356x.

Ich bin die Strecke einmal – freiwillig – nach Maracaibo gefahren, weil ich es einfach nicht glauben wollte. Damals hielt ich die Einheimischen noch für Analphabeten im Autofahren und dachte, das müsse man doch etwas sportlich angehen können. Ein mechanischer Kilometezähler sollte es mir möglich machen, die Gesamtzahl der Kurven festzuhalten.

Also morgens bei Tagesanbruch in Barquisimeto, drüben immer um 6.30, schwang ich mich hinters Steuer und nach 15 km ging es dann los: Linkskurve, 40km/h, nächste im Blickfeld, abbremsen, Rechtskurve, grad aus, 40km/h, nächste im Blickfeld. Alle 300m mußte der Lenker durch die Nullposition.
Nach 79 Kurven hätte ich auf Knien für das Ende gedankt. Dann kamen aber noch ca 290, bis ich durch war.
Durch die lange Besatzung durch die Spanier im 16. + 17. Jahrhundert, die Holz für ihre Segelschiffe brauchten, ist die ganze Gegend abgeholzt. An Aufforstung hat damals niemand gedacht und heute, wo das ganze Land elend dürr ist, auch niemand. Geht auch nicht mehr so einfach.
Hin und wieder sieht man abseits, wenn es grade vor einem im Blickfeld liegt, einen Rancho mit einigen Ziegen. Dann findet man an den auch Straßenrändern Ziegenfelle zum Verkauf aufgehängt. Und geflochtene wunderschöne Chinchorros, indianische Hängematten, jede mit einem andern Flechtmuster.
Da die Indios hier, anders als die Waikas am Orinoco quer in ihren Chinchorros lagen, auch meistens zu mehreren, sind die viel breiter und waren dekorativ mit Stäben aufgespannt, dass man das Flechtmuster gut sehen konnte.

Das Einzige, was sich mit jeder Kurve änderte, war der Gesang der Chi-charas, wie die Zikaden hier heißen. Man hörte sie von Sonnenaufgang bis um ca zehn Uhr nachts. Und mit jedem Seitental, das sich seitwärts von dir öffnete, schwoll der Gesang an und dann wieder ab.

Auf der Weiterfahrt nach Maracaibo kam man dann durch eine Gegend, die sich durch den Araguanei, Wappenbaum Venezuelas, bemerkbar macht. Ein Baum mit hellgelben Blüten, ganze Wälder, ein hellgelbes Blü-tenmeer. Ein einmaliger Anblick.

Ich bin nur noch einmal durch Carora gekommen. Unfreiwillig, denn davon hatte ich die Nase voll.
Von Mérida kommend wollte ich nach Valera, einer anderen Stadt in den Anden, wo ich im Krankenhaus zu tun hatte.
Dazu mußte ich mit dem Wagen über einen Pass von 4100m, was abge-sehen von der Aussicht, die ich - kaum - genießen konnte, obwohl es bestes Wetter war. Auch hier war die Kurbelei erbärmlich und der fehlende Sauerstoff in der Höhenluft machte das Ganze, besonders für das Auto nicht grade zum Vergnügen.
OK, ich hab den Auftrag im Krankenhaus erledigt und war zum Flughafen.
Den Wagen abgegeben, um draußen "im warmen Sönneken" dem Ein-schweben der Allison aus Mérida zuzusehen. Als die Maschine aufsetzte gab es ein paar Donnerschläge, die Maschine trudelte und kam auf der Piste zum Stehen. Echt Machete, der Pilot! Mir war sofort klar, als man sah, dass einige der Reifen am Hauptfahrwerk geplatzt waren, dass diese Maschine so schnell nicht, oder heute gar nicht mehr starten würde, weder nach Barquisimeto noch sonst wohin.
Sofort war ich am Schalter, holte meine Reisetasche, schnappte mir drau-ßen ein Taxi, denn die Autovermietung gab es nur in der Stadt und sauste los.
Ich bekam auch den VW 1600 wieder, den ich grade noch über die Anden geknüppelt hatte und fuhr los, Richtung Barquisimeto, um den letzten Flug um 21 Uhr von dort nach Caracas zu bekommen.
Anrufe an meine Frau, um ihr zu sagen, was los ist: ausgeschlossen. Es hätte zwar Telefone gegeben, aber die Verbindung: oh jehh. Also ab die Post, raus aus dem Bergland in Richtung auf Carora, denn da mußte ich durch, um nach Barquisimeto zu kommen und das diesmal bei Nacht.

Man kann sich nicht vorstellen, wie das ist. In größter Dunkelheit, beschie-nen allein durch den Sternenhimmel sich durch dieses Kurvenlabyrinth zu fummeln. Die Scheinwerfer reichen grade mal bis zur halben Strecke, also kann man auch kein Tempo entwickeln.
Immer wieder hatte man mir eingeschärft, niemals anzuhalten, auch bei Unfällen mit offensichtlichen Personenschäden nicht. Denn das könnte ein Falle sein und das mindeste, was man verliert, wäre das Geld, ev. das Auto oder gar noch mehr.
Und genau das passierte mir in dieser Nacht.
Grade, als ich eine Linkskurve ansteuern wollte, sah ich plötzlich ein Auto aus der Dunkelheit kommend ungebremst vor mir rechts in die Böschung hinein knallen. Da sogleich alle Türen aufgingen, nahm ich an, dass alle weit genug waren sich selbst helfen zu können, zirkelte mehr, als ich fuhr, meinen Wagen hinter dem Heck des Wracks durch und war weg.
Es tut mir jetzt noch leid, aber so wurde aus einem hochherzigen Volk durch die Machenschaften einiger Gangster, Menschen gemacht, die keine Hilfe mehr leisten können. Aber die Druchfahrt durch Carora ist un-erbittlich

Den Flieger nach Caracas habe ich noch erreicht und meine aufgelöste Frau am Flughafen gefunden. Mein Sohn, der dauernd fragte: „Mama und wenn ...“ hat auch nicht zu ihrer Beruhigung beigetragen.
Nach meiner Schilderung konnte sie nicht mehr nach Hause fahren, das musste ich auch noch übernehmen.

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