Erinnerung an meine Großmutter
Von
tastifix
Dienstag 19.10.2021, 10:02 – geändert Dienstag 19.10.2021, 10:05
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tastifix
Dienstag 19.10.2021, 10:02 – geändert Dienstag 19.10.2021, 10:05
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Sie war die Mutter meines Vaters und die Einzige, die ich von meinen Großeltern noch kennenlernen durfte. Die Großväter und die Mutter meiner Mutter kannte ich nur von alten Fotos. Von jenem Foto blickt mir eine junge, hübsche, sehr elegante Frau entgegen. Oft betrachte ich das Bild und frage mich, ob sie und ich uns wohl verstanden hätten. Es ist eine Frage, die ins Leere gehen muss, die für immer unbeantwortet bleiben wird.
Dagegen darf ich mich auch heute noch darüber freuen, zu meiner Großmutter väterlicherseits ein sehr gutes Verhältnis gehabt zu haben. Wir wohnten in Bochum und sie in Borghorst im Münsterland. Deshalb sah ich sie nur sehr selten, aber sie ließ mich dann immer spüren, wie gern sie mich hatte. Sie zeigte es weniger durch Umarmungen, sondern ganz anders. In dem großen Fachwerkhaus mit dem verwunschen wirkenden Garten fühlte ich mich sehr wohl. Kein Wunder, denn er war wunderschön angelegt, überall sah man auf Blumen und Sträucher. Es war ein Garten nach meinem Geschmack. Meine Großmutter wusste es und wir bewunderten gemeinsam all die Kleinode.
Aber ich mochte sie aus einem anderen Grund noch viel mehr: Sie war sehr warmherzig, hatte viel Humor und konnte wunderbar selber erdachte Geschichten erzählen. In der Erinnerung sehe ich ihr liebes Gesicht vor mir, wie sie dann strahlte und wie entrückt zu sein schien. Es hatte etwas Besonderes auf sich mit diesen Geschichten. Sie hatte sie nicht nur erfunden, sondern sie glaubte sie sogar selber.
Etwas werde ich nie vergessen: Ich war etwa 12, mein Bruder bereits 19 Jahre alt. Wieder erzählte sie im Brustton der Überzeugung, doch diesmal ging eindeutig die Fantasie mit ihr durch. Meine Eltern begannen zu schmunzeln, wir Kinder denn auch:
"Also, Ihr seid eigentlich adelig. Ja, Kinder, wir sind mit dem Fürstenhaus XY verwandt ..."
Meine Eltern grinsten immer breiter. Doch meine Großmutter war nicht mehr zu bremsen und erklärte dann ausführlich, wie denn die Verwandtschaftsverhältnisse denn so seien.
"Aber Mama!!"
Darauf folgte der Ausspruch des Tages, mit rauchiger Stimme und in einem Tonfall, der keinen Zweifel an ihren Eröffnungen mehr eine Chance geben sollte:
"Doch, doch, Kinder! Das hab ich mir nicht ausgedahaacht!!!"
Auf der Heimfahrt haben wir noch sehr gelacht.
"Also ..., meinte meine Mutter zu meinem Bruder. "Da dem so ist, darfst Du jetzt um die Hand von Prinzessin Anne von England anhalten!"
Er enthielt sich einer Antwort. Vielleicht entsprach sie ja nicht so ganz seinen Vorstellungen von einer Heiratskandidatin.
Ja, so war meine Großmutter, sehr charmant und fröhlich. Jeder mochte sie.