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Eine sehr lebendige Gesellschaft

Von Reineke1794 Dienstag 20.12.2022, 19:03


Eine sehr lebendige Gesellschaft

Es ist kurz nach 16 Uhr. Draußen fällt schon die Dämmerung ein. Etwas Schnee liegt auf den Dächern und Reste davon sind auf dem Bürgersteig zu sehen. Auf Weihnachten geht es zu. Ein Jahr nähert sich wieder seinem Ende.

Angelika hat eine Schallplatte aufgelegt.

„Und een Zimmerchen irjendwo, Koks im Ofen ja licherterloh... und warme Beene, oh...oh....oh, wäre dit nich wunderscheen, wunderscheen, wunderscheen?“ klingt es aus den Lautsprechern. - Da sieht Angelika, dass der Heidi ein paar Tränen über die Wangen laufen. „Hey, Heidi, was ist denn los?“ fragt sie völlig überrascht. „Du hast doch eine so schöne Wohnung mit Zentralheizung. Unter kalten Füßen dürftest du nun wirklich nicht zu leiden haben“. - Angelika ist nicht alleine. Auf der Couch im Wohnzimmer sitzen Rainer und Regina und neben ihnen Heidi, die sich gerade die Tränen abwischt. Auf dem anderen Teil der Eckcouch sitzen Gerlinde und Susanne. Alle Blicke richten sich jetzt auf Heidi, die sich bemüht, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. „Mann eye, eigentlich müsste ich jetzt lachen, denn dieses Stück ist doch aus dem Musicle „My fair Lady“. In den 60er Jahren habe ich es im Theater des Westens gesehen, zusammen mit meinem Uwe, der vor drei Jahren gestorben ist. Mein Gott, das war so eine schöne Zeit. Wir waren so sehr verliebt der Uwe und ich und dann diese Musik in dem Musicle mit Paul Hubschmied als Professor Higgins und Karin Hübner als Eliza, ach, diese Musik ist mir schon damals so unter die Haut gegangen. Ich hatte im Berlin-Kolleg, wo ich zu jener Zeit das Abitur nachholte, wo Uwe und ich uns auch kennen gelernt hatten, das Amt für das „Theater der Schulen“ übernommen, was mir natürlich einen häufigen, sehr preiswerten Besuch in Konzerten und Theatern möglich machte. Ich glaube 2 DM kostete eine Schülerkarte. Mit meinem Uwe war ich somit auch in My fair Lady. Ich erinnere mich, im 3. Rang, also ganz oben haben wir gesessen oder eher gestanden mit einem Opernglas in der Hand, weil die Bühne schon arg weit weg war. Aber, es war so scheen so wundascheen“ und nun muss Heidi selbst lächeln, als sie in der Erinnerung in den Berliner Dialekt verfällt.

Mittlerweile ist das Stück beendet und aus den Lautsprechern erklingt die mitreißende Melodie zum dem Text „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen - Mein Gott jetzt hat sie`s, mein Gott jetzt hat sie`s“ von Paul Hubschmied als Professor Higgins gesungen. - In diesem Moment springt Gerlinde auf, greift nach der Hand von Heidi und zerrt sie am Couchtisch vorbei auf die freie Fläche des Raumes, um zu der flotten Musik zu tanzen. Heidi strahlt jetzt geradezu, als die beiden Frauen den Takt aufnehmen und mit viel Schwung sich zu der Musik bewegen. Da springt auch schon Regina auf, packt Susanne ebenfalls an der Hand, um gleiches zu tun, nachdem Susannes Versuch, Reginas Freund Rainer zum Tanz aufzufordern - eigentlich schon erwartungsgemäß - fehlgeschlagen war. Die beiden Paare betonen den Text zur Melodie, indem sie teilweise kräftig bei bestimmten Passagen mit den Füßen aufstampfen. - Ja, es wird laut gelacht, durch den Raum gewirbelt, ist die Lebensfreude der Menschen auf der kleinen Tanzfläche überdeutlich zu beobachten. Als auch dieses Stück verklungen ist, setzen sich alle wieder, um sich jetzt lebhaft über „My fair Lady“ zu unterhalten und dann über weitere Musicals, die sie gesehen haben, während aus den Lautsprechern wiederum ein Song aus „My fair Lady“ ertönt: „Hei, heute morgen mach ich Hochzeit“.
Und dann überschlagen sich die Erinnerungen geradezu, als die sechs Personen im Raum fast schon alle durcheinandersprechen, vor lauter Begeisterung. Angelika berichtet dann über ein Missgeschick, das ihr bei einem Theaterbesuch widerfahren ist, welches sogleich ein heftiges Lachen der Zuhörer zur Folge hat. Selbst Rainer, der sich bisher eher zurückgehalten hat, trägt mit einem passenden Witz zur Unterhaltung bei, so dass die Stimmung immer mehr angeheizt wird. Susanne steht sogar auf, um pantomimisch einen Beitrag zu untermalen, über den sie gerade erzählt. Da ihr dies dermaßen gut gelingt, können sich die Zuhörer kaum mehr halten vor lauter Lachen. Dies animiert nun wiederum Rainer, ebenfalls aufzustehen und unter viel Gelächter einen Vortrag über einen ehemaligen Lehrer zu halten, besser gesagt, dessen Ausdrucksweise und Gestik, gelungen nachzuahmen.

Als es dann etwas ruhiger wird im Raum, bittet Angelika zum Abendtisch, den sie vorbereitet hat. Die kleine Gruppe wandert in den Nebenraum. Der Tisch ist hübsch gedeckt und alle nehmen Platz, um nun in eine ruhigere Form der Unterhaltung überzugehen.

Kurz vor 20 Uhr dann der Aufbruch. Ungewöhnlich, möchte man als Beobachter meinen, doch hat dies einen besonderen Grund. Morgen, am Montag werden sich die fünf Frauen der Runde wiedersehen, so zwischen 13 und 14 Uhr werden sie sich nach und nach im Dialysezentrum im Gesundbrunnen, einem Stadtteil in Berlin Wedding, wieder treffen, werden sie für mehr als 4 Stunden, jede an ein Gerät angeschlossen sein, mit dem ihr Blut gewaschen wird, weil sie alle unter einem Nierenversagen leiden, das sie sich wegen verschiedener Grunderkrankungen zugezogen haben. Sie werden anfangs, wie so häufig, mit Gesprächen diese elend lange Zeit an den Geräten zunächst zu überbrücken versuchen, werden dann in der Zeitung lesen oder über einen Kopfhörer einen Radiosender aus dem Handy empfangen, in einem Buch lesen oder einfach nur dösen, wenn im Laufe der Stunden die Gespräche zum Ende gekommen sind. Mehr oder weniger ungeduldig werden sie schließlich auf das Signal aus dem jeweiligen Gerät warten, das das Ende dieses zeitraubenden, quälenden Vorganges endlich anzeigt, um dann so nach und nach abgekoppelt zu werden von den gehassten und dennoch unabdingbaren Apparaten, die ja in Wahrheit sie alle nur am Leben erhalten. An jedem zweiten Tag ist dies erforderlich, damit die Giftstoffe, die normalerweise die Nieren herausfiltern, nun dank der Geräte ihre Körper verlassen können. Rainer gehört nicht zu der Gruppe der Dialysebedürftigen. Dennoch wäre er, wie diese Frauen, gar nicht mehr unter den Lebenden, hätte die moderne Medizin nicht Wege gefunden, ihm und diesen Menschen, die hier bei Angelika zu Besuch sind, am Leben zu bleiben. Nach einem Herzinfarkt vor einem Jahr hatte man ihn gerade noch retten können, lebte er heute beinahe uneingeschränkt mit ein paar Bypässen glücklich und mehr als zufrieden. Ja, wenn er genau darüber nachdachte, waren sie alle irgendwie zu Untoten geworden, zu Zombies sozusagen, denn ohne die ärztliche Kunst dieser Zeit gäbe es sie gar nicht mehr, die Angelika, die Susanne, Gerlinde, Heidi, Regina und ihn selbst. Und dann muss er schmunzeln, als er den Gedanken zum Ende führt. Daran gemessen, sind wir doch eine ausgesprochen lebendige Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes.

Die kleine Gruppe verabschiedet sich herzlich und dankbar von Angelika. Leicht getrübt scheint die Stimmung, denn der Gedanke an den morgigen Tag hat wenig Aufmunterndes. Fünf bis sechs Stunden Lebenszeit werden außer bei Rainer bei jedem dieser Menschen wieder benötigt, rechnet man die Hin- und Rückfahrt, den Anschluss an die Geräte, die ja nicht immer gleich völlig einsatzbereit sind, die Zeit am Gerät selbst und dann die Abkoppelung, also alles zusammen. Sich auf den nächsten Tag einzustimmen, gewollt ist das nicht, doch jede dieser Frauen kann diesem Phänomen nicht ausweichen, gehört es doch seit Monaten und bei dreien der Anwesenden seit Jahren zur Woche. - Montag, Mittwoch, Freitag – Montag, Mittwoch, Freitag und wieder Montag, Mittwoch, Freitag. Rainer ist insgeheim so dankbar, „nur“ mit Bypässen leben zu müssen. Zugegeben, zu den Glücklicheren kann er sich im Vergleich zählen. Über seine Regina hat er über eine ihm bisher fremde Welt erfahren. Ein Teil davon zu werden – welch furchtbarer Gedanke.


Am Leben zu sein, trotz alledem ein Geschenk, das konnte er heute aber auch wieder sehen und erleben!


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