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Eine Schneefigur namens Mathilde

Von tastifix Samstag 17.12.2022, 11:31

Wenn ich so an sie zurückdenke, dann ...

Die Fensterscheibe trägt einen dichten weißen Mantel.
„Toll!"
Staunend öffne ich das Fenster. Die Zweige der Bäume und Büsche im Garten sind von Schnee verhüllt.
„So etwas habe ich hier noch nie erlebt!“
Begeistert sage ich zu meiner Tochter:
„Das musst Du Dir unbedingt ansehen!"
Sofort schnappt sie sich ihre Kamera und knipst begeistert drauflos.
„Komm, wir bauen eine Schneefigur!“

Die Strickhandschuhe sind nicht wasserdicht. Wri wollen erfrorene Finger vermeiden und stülpen Gefrierbeutel darüber.
„Die rutschen garantiert sofort runter!"
„Abwarten!!"
Grinsend verpasse ich dem Beutel an der linken Hand eine braune Paketbandschleife.
„Und wie willste den Beutel rechts festzurren, wenn die linke Hand schon eingepackt ist?"
Unbeirrt lege ich das Band auf den Tisch, presse die rechte Hand darauf, klemme mir das eine Bandende zwischen die Zähne, das andere zwischen die Gefrierbeutelfinger der linken Hand und wickele das Band ums rechte Handgelenk, ein echter Geschicklichkeitstest. Erst nach mehreren Versuchen sind die Hände Gefriertruhen bereit eingekleidet.

Zunächst pappt die weiße Wonne nur unzureichend und das Möchtegern-Schneemädchen ähnelt einem Alien. Seinem eher einem Würfel mit einigen Beulen daran ähnelndem Kopf macht die Schwerkraft zu schaffen. Mehrmals bewahren wir unser Schneemädchen vor einem tiefen Diener vor uns. Den hässlichen Beulen rücken wir mit heißem Wasser zu Leibe.
Wenig später trägt es einen hübschen Kugelkopf mit Knopfaugen, Möhrennase und lachendem Stockmund.

Meine Tocheter grübelt:
„Mama: Ihm fehlt noch eine Frisur!“
„Wiiee?"
„Wir gönnen ihr Bandhaare!"
Sie schneidet eine Kordel in verschieden lange Stücke und hält eines davon dem Schneemädchen prüfend ans Gesicht.
„Hm, ich würde sagen, einen Mittelscheitel ... Was meinst Du, Mama?"
Stimmt, der Mittelscheitel kleidet die Kleine vortrefflich und dazu noch ein kurzer Fransenpony. An der Stirn pappen dann zwei kurze, seitlich jeweils zwei und hinten vier lange Bänder.
„Mama, und wie nennen wir sie jetzt?“
Und wir rufen wie aus einem Mund:
„Mathilde! Den Namen hat bestimmt kein anderes Schneemädchen!!“
Mathilde strahlt dankbar.

Mittlerweile ist Mathilde drei Tage alt. Sie kann sich zwar nicht bewegen, führt aber dennoch ein abwechslungsreiches Dasein. Mit den Bäumen, Sträuchern, Hecken und dem weiß gepuderten Zaun hat sie sich mit spitzbübischem Lächeln und ihrer hellen Stimme gut angefreundet. Jene wetteifern dabei, Mathilde mit drolligen Berichten aus vielen Jahren im
Garten möglichst gut zu unterhalten. Sie soll sich auf keinen Fall langweilen. So erfährt Mathilde auch viel über uns.
„Sie haben uns liebevoll eingepflanzt und während des heißen Sommers regelmäßig erfrischende Gartenschlauchduschen gegönnt. So litten wir keinen Durst und konnten uns abkühlen“, erzählen die Pflanzen.
„Mir haben sie sogar zusätzlich ein ständig wachsendes grünes Kleid geschenkt“, lobt der Zaun stolz.
„Ja, glaub ich Euch sofort! Um mich haben sie sich ja auch sehr bemüht. Sogar schick frisiert worden bin ich“, erwidert Mathilde.

Rasch schaut sie in den Küchenfensterkosmetikspiegel direkt vor ihr und erschrickt.
„Neeiin!! W..Wo ist denn mein viertes langes Haar?“
Gestern noch hat es lustig im Wind geflattert. Nun ist dort nur ein Loch. Geknickt bittet das Schneemädchen:
„Lieber Zaun, siehst Du mal auf Deinen Spitzen nach, ob es vielleicht dort klebt?“
Der überprüft eilig sämtliche Latten und knarrt bedauernd:
„Du, hier ist es nicht. Tut mir leid!“
Mathilde ists zum Heulen zumute, aber weinen können Schneemädchen nur, wenn sie tauen. Laut jammernd wendet sie sich an die Pflanzen:
„Und Ihr? Seht Ihr zufällig mein Haar irgendwo?“
Auch die Bäume und Sträucher kontrollieren ihre Zweige und wenden sogar jedes Blatt zweimal um. Nichts.
„Arme Mathilde!“, rascheln sie sich zu. „Wie nur können wir ihr jetzt helfen?"
Zum Glück fällt ihnen das Richtige ein. Eilig rufen sie alle Mieter des Zaunkleides zusammen. Sofort fliegen und hüpfen das Elsternpaar, die Amselfamilie, die Meisenschar und auch ein Rotkehlchen herbei.
„Hat jemand Mathildes Haar zum Spielen geklaut?“
Die Elstern plustern sich empört auf:
„Wir mopsen nur glitzerndes Zeug.“
„Ja, das stimmt!“, nicken alle.
Die Amseln verteidigen sich, dass sie erst wieder im kommenden Frühjahr Material für eine Kinderstube benötigen werden.
„Trifft ebenfalls zu!“, urteilt der Zaun.
„Und Ihr?“, fragt er die Meisen.
„Wir? Wir polstern unsere Nester mit weichen Blättern und als Spielzeug bevorzugen wir kleine Stöcke!“

Aller Blicke richten sich nun aufs Rotkehlchen.
´Es ist ja immer so orange-rot gefärbt. Sonst würde ich jetzt denken, dass es errötet ist, weil es sich schämt!“, grübelt der Zaun.
Aber nein, kann nicht sein, denn es hat sich in all den Jahren, die es jetzt im Garten wohnt, noch nie etwas zu Schulden kommen gelassen. Doch verdrängt er den Gedanken wieder, denn es hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen.
Das Rotkehlchen schweigt, hüpft hinter Mathildes Rücken und pickt eifrig im Schnee herum. Auf einmal reckt es sich zu voller Größe. Triumphierend trägt es das vermisste Haar im Schnabel. Prompt erklären es die Anderen zum Helden des Tages. Doch der kleine Vogel achtet gar nicht darauf, flattert auf Mathildes Schulter und stupst das Haar wieder an die Stelle zurück, an die es hingehört.
„Dankeschön, Rotkehlchen!!“, strahlt Mathilde. „Wirklich toll hast Du das gemacht!“
Und sie ist wieder so schick wie zuvor.

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