Ein ungewöhnlicher und unbequemer Lehrer
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Feierabend-Mitglied
Freitag 30.04.2021, 07:38
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1983 fand in Berlin eine Demonstration für einen Lehrer statt, der an einer Gesamtschule mit Jugendlichen zwischen 13 und16 Jahren arbeitete. Er war bei Kollegen, Eltern und Schülern sehr beliebt, weil er engagiert und mit etwas ungewöhnlichen Methoden die Lernmotivation der Kinder förderte und intensiven Kontakt zu den Eltern hielt. Dieser Lehrer wurde von seinem alten und konservativem Direktor an eine andere Schule versetzt, was eine enorme Protestwelle und einen Arbeitsprozess zur Folge hatte.
Der Lehrer ist mein Bruder, ein Kämpfer für die Sache und hochsensibel, wenn es um Gerechtigkeit geht, und mit einer großen Portion Humor ausgestattet. Was war geschehen? Es war der Tag der Zeugnisverteilung, die Schüler waren an diesem Tag besonders angespannt. Die Schule lag in einem sozialen Brennpunkt. Der Lehrer besorgte für jeden Schüler CocaCola, stellte Schüsseln mit Knabberzeug auf die Tische, hielt eine witzige Ansprache und das alles im Frack und Zylinder. Nun las er mit liebevoller Satire jedes Zeugnis vor, ließ aber darüber abstimmen, ob es auch allen recht wäre. Begeisterung bei den Jugendlichen, klatschen, lachen, also ein richtig lautes Zeugnisfest. Der Direktor hörte den Lärm, riss die Tür des Klassenzimmers auf, sah meinen Bruder im Frack, war fassungslos und brüllte laut: “Sie sind sofort entlassen!”
Was tat mein kreativer Bruder? Er ging auf die Knie im Frack und Zylinder, legte bittend die Hände zusammen und rutschte dem Direktor bis zu dessen Zimmer hinterher, immer mit dem lauten weinerlichem Ruf: “Bitte Herr Direktor, tun Sie‘s nicht! Tun Sie’s nicht!”Da war bei den Schülern kein Halten mehr, sie waren außer sich vor Begeisterung. Der Direktor war nicht mehr zu sehen. Der Lehrer beendete die Stunde, verabschiedete seine fröhlichen Schüler und fuhr grinsend nach Hause. Während der Ferien bekam er den Bescheid der Versetzung an eine andere Schule. Als die Kollegen, Eltern und Schüler davon erfuhren wurde besagte Demo organisiert, mein Bruder legte Klage beim Arbeitsgericht ein und wartete gelassen diesen Tag ab. Nie wieder wollte er sich einer Autorität beugen, die er nicht achtete
Beim Gerichtstermin schilderte der Schulleiter diese Zeugnisverleihung und meinte empört, dieser Lehrer hat sich wie ein Clown aufgeführt, verkleidet und den Ernst einer Zeugnisverleihung lächerlich gemacht. Der Richter vernahm einige Zeugen, Kollegen und Eltern. Er gab sich Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen, dann nahm er die Schulordnung zur Hand. Laut las er einen Absatz vor: “Die Zeugnisse sollen vom Lehrer in angemessenem feierlichen Rahmen den Schülern übergeben werden"! Er machte eine Pause und sagte: " Was könnte feierlicher sein, als dies im Frack und Zylinder zu tun. Damit bekam mein Bruder sofort seine Stelle wieder und trat am nächsten Tag zur Freude aller Schüler und Lehrer seinen Dienst wieder an. Der Direktor ließ sich versetzen, weil er mit diesem Lehrer nicht mehr zusammenarbeiten konnte.