Ein Strichmännchen kauft ein (2)
Von
tastifix
Freitag 16.04.2021, 18:47
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tastifix
Freitag 16.04.2021, 18:47
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Tja, etwa eine halbe Stunde später passiert es dann: Mir tippt jemand auf die Schulter.
„Ach, das gibt’s ja gar nicht, nach der langen Zeit! Wie geht es Ihnen denn?“
Ich freue mich ebenfalls, denn vor mir steht eine ehemalige Nachbarin, die jetzt schon mindestens fünf Jahre in einem anderen Stadtteil lebt.
´Hm, sie ist auch älter geworden!`
Wir quatschen und quatschen. Und kauen die üblichen Themen wie ´Nachwuchs` und ´ehemalige gemeinsame Nachbarn` durch. Plötzlich sieht sie mich prüfend-besorgt an:
„Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich noch dünner geworden? Waren Sie krank??“
Richtig herzlich fragt sie es.Wie man sich eben nach der Gesundheit eines anderen Menschen erkundigt.
„Eigentlich nicht“, entgegne ich, ein wenig verunsichert. „Nein, ich habe ziemlich aufregende Wochen hinter mir. Vielleicht bin ich deshalb ein wenig blass.“
„Ach so! Das kann dann ziemlich mitnehmen, ja?“
Damit möglichst keine tiefer bohrende Frage folgt, stimme ich eilig zu und habe Glück, denn sie muss noch einen wichtigen Termin wahrnehmen. Wir verabschieden uns freundlich voneinander und jede geht ihrer Wege.
Nun, das kommt davon, wenn man so schlank ist wie ich. Mittlerweile spule ich dann einen zwischenzeitlich auswendig gelernten Text fließend ab. Die Verantwortung für schlaflose Nächte all jener um mein Wohl bemühten Mitmenschen möchte ich nicht übernehmen müssen. Doch es soll noch spannender werden. Wenig später treffe ich Nachbarin Nr.2, die ich gleichfalls schon lange nicht mehr gesprochen hatte:
„Ja hallo, wie geht´s Ihnen denn? Und den Kindern??“
Sie ist wohl sehr sensibel und hat mit Bedacht das gefährliche Thema umschifft. Oder??
„Mein Güte, Frau S.,wie schlecht Sie aussehen! Waren Sie krank?? Ich würde an Ihrer Stelle mal zusätzlich Multivitamintabletten nehmen. Das baut auf. Essen Sie denn auch tüchtig?“
O je, also doch! Der Kelch hat es sich anders überlegt und kommt in voll gefülltem Zustand zu mir zurück.
Ich atme tief durch:
„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin weder krank noch hab ich etwas an der Schilddrüse, ich bin ganz gesund!“, erkläre ich freundlich, aber genauso nachdrücklich. Ob damit der Fürsorgefimmel gestoppt ist?? Manchmal winkt ja auch mir Glück. Ja, tatsächlich, sie guckt erleichtert. Eindeutig hat es geholfen und wir wechseln rasch das Thema. Gerettet!
Zu früh gefreut! Völlig in die unbedingt als äußerst interessante, weil als höchst informativ zu wertende Unterhaltung vertieft, habe ich das Getümmel um mich herum vergessen und erschrecke heftig, als mich von der Seite her jemand unerwartet anspricht. Es ist eine intelligent wirkende ältere Dame, sich auf ihren Rollator stützend. „Entschuldigen Sie, dass ich sie anspreche“, beginnt sie verlegen, „aber das muss ich Ihnen einfach sagen ...“ Erstaunlich schnell aber weicht deren Verlegenheit, konnte also nicht allzu echt gewesen sein. Relativ forsch eröffnet sie mir nämlich, was sie mir eigentlich so unbedingt mitzuteilen habe und schaut mich dabei strahlend an:
“Also, wirklich! Das sieht man selten. Von hinten haben Sie eine Figur wie ein junges Mädchen!“
Vorsicht! Dieser Satz kommt mir arg verdächtig vor. Den habe ich doch heute schon mal zu hören bekommen. Bitte nicht schon wieder! Ich hebe an zu einer beeindruckenden, hervorragend formulierten Rede. Als Ritterrüstung gedacht gegen den sonst garantiert fälligen Mitleidsanfall plus der von mir mittlerweile wahrlich heißgeliebten Antispargeltherapievorschläge. Hastig, damit mein Gegenüber mir nicht zuvor kommen soll, merke ich also an:
„Das ist aber nett von Ihnen. Dankeschön.“
Der alten Dame gefällt dies anscheinend auch sehr und sie wird sogar noch netter.
„Wie machen Sie das bloß?“
Ich habe es ja vorher gesehen. Da ist sie schon, die bekannte fürsorgliche Miene.
„Aber, Sie sind doch nicht etwa krank?“
„Nein, ich bin immer so schlank gewesen, habe nichts an der Schilddrüse und bin auch nicht magersüchtig. Ich futtere mich durch den ganzen Tag hindurch(´Vielleicht sollte ich sicherheitshalber zusätzliche Details anbringen, um glaubwürdiger zu klingen??)`.“
„Einfach unglaublich. So schlank!!!“
In Erwartung der Fürsorgestufe 2 vervollständige ich meine Auskünfte mit dem zweiten Teil meines zwischenzeitlich auswendig gelernten Vortrages:
„Es setzt nichts an. Wissen Sie, ich habe vier Kinder, drei Hunde großgezogen und ein Haus versorgt.“
„Waaaas?? Und soo eine Figur?? Da kann man Sie aber nur beneiden!“
Ich atme auf. Leider ein wenig zu früh. Denn jetzt folgt doch noch der Klops, den ich bangen Herzens die ganze Zeit erwartet habe. Es wäre ja auch ein Wunder, wenn ein dermaßen heikles Gespräch für mich harmlos enden würde. Die alte Dame hat sich bereits schwerfälligen Schrittes ein paar Meter entfernt, will sich augenscheinlich höflich zurückziehen. Allerdings interpretiert wohl jeder Mensch das Wörtchen „höflich“ auf seine eigene Weise. Sie dreht sich noch mal kurz zu mir um, als ob sie etwas Wichtiges vergessen habe.
„Ja, wirklich eine tolle Figur. Aber, sagen Sie mal ...“
Sie fasst sich tatsächlich von unten an ihren Busen, als ob sie sich vergewissern will, ob er noch dran ist. Und meint herzlich lächelnd äußerst fürsorglich:
„Nur,, sehen Sie, dort ein bisschen mehr, wäre schon schön, ja??“
Ich bin diesem wunderbaren Beispiel an Taktgefühl wahrlich ausgesprochen dankbar, dass sie mich jener doch schwer wiegenden Überlegung auf dermaßen rücksichtsvolle Art und Weise enthoben hat. Fast bin ich versucht, deren besorgte Tastprobe nachzuahmen. Doch dort ist kaum etwas, was ich festhalten könnte. Bh´s würden frustriert sein. Darum trage ich die auch nicht.
Die Episode mit jener reizenden Dame baut mich wahrlich enorm auf. Die Hochstimmung ist zum Teufel. Ich marschiere beschleunigten Schrittes laut vor mich hin meckernd gegen Heimat. Dort wenigstens erwartet mich Ruhe. Keine ehemaligen Nachbarinnen und erst recht keine solch liebenswerte alte Dame. Gleich werden mich meine beiden Hunde, Knödel und Quinny überschwänglich begrüßen. Wieder gut gelaunt erreiche ich mein Haus. Ja, wie erwartet gibt’s eine stürmische Begrüßung. Frauchen ist immerhin fast 2½ Stunden außer Reichweite gewesen. Und hat - wie gemein - vor ihrem Abmarsch beide Küchentüren fest verschlossen, so dass sie sich die Langeweile noch nicht mal mit dem kleinen Bio-Eimer hinter der einen Tür haben vertreiben können. Darum freuen sie sich jetzt doppelt, dass ich endlich zurück bin. Selig knuddele ich die Zwei ab. Mein Ärger ob des Krankenschwestersyndroms der weiblichen Hälfte der Menschheit dort draußen ist verflogen ...