Ein Strichmännchen kauft ein (1)
Von
tastifix
Freitag 16.04.2021, 15:00 – geändert Freitag 16.04.2021, 15:12
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tastifix
Freitag 16.04.2021, 15:00 – geändert Freitag 16.04.2021, 15:12
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Ich möchte mir einen Einkaufsbummel gönnen,denn den habe ich nach Erledigung sämtlicher Haushaltpflichten wirklich verdient. Also kleide ich mich fix um. Es wird ziemlich stressig, denn es erfordert schwerwiegende Entscheidungen. Ich bin nur 1.61m und habe 55 kg, ein echtes Fliegengewicht mit Größe 34/36. Tja, meine vier Töchter tragen zwischen 36-40 und plündern nach Herzenslust die Geschäfte. Nur zum Monatsende hin verwandeln sich deren Wunschklamotten der Not gehorchend in eine Packung „tuc“ bei Aldi. Ich dagegen kann mich glücklich schätzen, wenigstens ab und an mal fündig zu werden. Ja ja!
Ich wähle ein schwarzweißes Outfit. Passend dazu Halstuch und Handtasche. Was mir aus dem Spiegel entgegen sieht, gefällt mir ausnehmend gut.
„Für 69 Jahre eine super Figur. Ich kann mich sehen lassen!“
Aber dann verfliegt die Euphorie auf extrem fiese Weise. Denn ich muss mir wieder mal eingestehen, dass ich dem berühmten Strich in der Landschaft ausgesprochen ähnlich sehe. Doch zur Bewahrung der guten Laune verdränge ich jenen deprimierenden Gedanken, greife mir die Handtasche und ziehe los. Werde ich bei der Hitze draußen nicht etwa die City, sondern nur die Boutiquen im benachbarten Stadtteil heimsuchen.
Nach der kurzen S-Bahn-Fahrt stehe ich in der Einkaufspassage. Erst in die Boutique und danach zu Aldi, oder doch umgekehrt? Ich entscheide mich für ´umgekehrt`. Selbst Aldi führt heute Kleidung als Sonderangebot. Über mangelnden Rummel kann ich nicht klagen. Es ist trotz Hitze irre voll. Garantiert haben auch die Anderen sich für die Boutiquen am Stadtrand entschieden. Deshalb beeile ich mich, damit ich nicht total frustriert und mit leerem Einkaufsbeutel wieder nachhause komme.
Ich brauche dringend eine elegante Jeans, am besten in „Nachtblau“ oder „Schwarz“. Eilfertig spurtet mir eine Verkäuferin entgegen.
´Ungefähr mein Alter! - Und hat einen ähnlichen Geschmack wie ich. Die dreht mir bestimmt keine Hippie-Hose an.
„Darf ich Ihnen helfen?“
„Das wäre gut. Ich finde nichts. Alles zu groß.“
„Ja, Sie sind aber auch schlank. Meine Güte, waren Sie schon immer so dünn?“
Aus den Erfahrungen eines langen Klappergestell-Lebens lernt man.
„Ich bin immer so schlank gewesen. Und ich futtere den ganzen Tag, aber nichts setzt an!“
Insgeheim lobe ich mich, denn mit ´Magersucht` oder so kann sie mir auf diese Erklärung hin nicht kommen. Nein, sie vertritt ja Geschäftsinteressen und geht nicht das Risiko ein, damit vielleicht endgültig eine Kundin zu vergraulen. Sie guckt nur zweifelnd auf meine zwar recht langen und geraden Beine, die sich aber dünn wie Bohnenstangen präsentieren. Aufgeben gilt nicht und sie durchforstet ernster Miene die Regale, auf denen sich Hosen aller Farben und auch Größen tummeln. Doch nicht in meiner, wie so oft! Die meisten Geschäfte kennen kein Mitleid mit mir Strichmännchen. Denn ich sehe aus wie Pinoccio, die sympathische, extra schlanke Holzpuppe aus dem Fernsehen.
„Hören Sie“, möchte mich die Beraterin trösten, „haben Sie schon in den Kinderabteilungen geguckt? Die führen auch Markensachen, die sogar eine selbst für Erwachsene durchaus akzeptable Qualität haben.“
Vor mir läuft im Zeitraffertempo folgender kuriose Kurzfilm ab: Mama in lila Stretchhose mit bunten Fransen unten dran, Glitzersteinen (ebenfalls kirmesbunt drauf genäht!) quer über die Hosenbeine und dann als I-Tüpfelchen eine der entzückenden schwarzen Aufschriften. Wie z.B.: ´Kiss me, darling`. Und dann daheim die vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen meiner Töchter. Die vage Befürchtung, denen könnten wegen meines nicht so ganz vornehm-zurückhaltenden Outfits jene aus dem Kopf und der geschockte Nachwuchs anschließend in Ohnmacht fallen, darf ich denn doch ad acta legen.Wenigstens das bliebe mir erspart.
Teenageraugen blitzen zwar wütend, betören Kavaliere oder auch den Papa, wenn Kutschierfahrten zur Schule oder sonst wohin erhofft werden bzw. vor allem dann, wenn es um zusätzliche finanzielle Spritze geht). Jedoch habe ich noch nie beobachtet, dass Teenagern beim Anblick ihrer supermodern gekleideten Mama (Outfit wie eine Kirmespuppe!) geblendet oder im Extremfall sogar erblindet wären. Dafür waren deren Augen zu viel des schreiend grellen Farbsalates gewohnt. Sie erklären ihre Mutter einfach für Irrenhaus reif und entledigen sich so jeglicher Verantwortung. Die würden sich dort ja aufmerksam um ihr entartetes Mamaexemplar kümmern.(s.Zwangsjacke, um weitere ähnliche Einkaufsideen gleich zunichte zu machen!). Und geläutert würde jene dann nach Hause zurück kehren und sich zukünftig nur noch in Sack und Asche kleiden ...
Doch zurück ins Geschäft und zu der wirklich reizend um mich bemühten Verkäuferin. Ich bin bereits ziemlich frustriert:
„Wissen Sie, ich bin jetzt 69 Jahre. Ich kann doch nicht in Indianerklamotten ´rum rennen.Töchter 1-4 verleugnen mich!“
Sie versteht sofort und bringt wirklich eine Hose, die vielleicht sogar mir Spargel passen wird. Hm, dezent ist die Farbe ja, ein schönes gedecktes Anthrazit. Doch diese Hose hat außer der üblichen Seitennähte noch Nähte mittig vorne und hinten. Zudem schaut sie an den Knien aus, als ob jemand stundenlang mit ihr über den Teppich gekrochen sei. Weiß durchgerutscht ist wohl modern.
„Ist das nicht zu jugendlich?“ wagte ich schüchtern zu fragen. „Ich bin doch keine 17 Jahre mehr.“
„Aber auch keine 70 Jahre. Und bei ihrer Figur. Sie können sich das doch erlauben,“ erwidert sie schlagfertig.
Der Mut der Verzweiflung und des Ich-bin´s-schon-wieder-leid-wie-dicke-Tinte geben den Ausschlag. Mein Widerstand schmilzt dahin. Ich erkläre mich zur strahlenden Freude meiner Beraterin bereit, die Gefahr eines Schocks in Kauf zu nehmen und verschwinde samt Nahthose in der Umkleidekabine.
Mit zitternden Händen halte ich das gute Stück vor mich hin und steige hinein. Puuh, ist die eng! Vielleicht sogar für mich zu knapp? Ich ziehe und ziehe. Endlich, die Beine sind drin und der Po dann auch.
„Die sitzt ja wie angegossen und wirkt sehr elegant trotz Durchrutschweißes!“
Je länger ich mich im Spiegel betrachte, umso schicker finde ich mich.
„Na?“, kommt von draußen die Frage.
„Ja!“, jubeliere ich.
Der Verkäuferin fällt sichtlich ein Stein vom Herzen. Uff, Fall gelöst und sie darf davon ausgehen, dass ich garantiert wiederkommen werde. Überglücklich stecke ich meinen Einkauf in den Beutel, bedanke mich bester Laune bei der in meinem Augen nun geflügelten Verkäuferin und wünsche ihr noch einen angenehmen Nachmittag.
In Hochstimmung wandere ich durch die Einkaufspassage. Doch kurz darauf soll mir die gute Laune bereits vergehen.
„Warum denn schon wieder!??“
Noch jedoch tummele ich mich im 6.Kleiderhimmel und aale mich in der offenkundigen Bewunderung der entgegen kommenden Fußgänger. Zu meinem wahrlichen Bedauern kann ich, selbstverständlich nur wegen der Enge, es nicht vermeiden, so einige Gesprächsfetzen aufzuschnappen, die ich mir nur zu gerne hinter meine gespitzten Ohren schreibe.
„Hast du die gesehen? Mensch, ist die chic?!“
Stolz vernehme ich noch das sich anschließende dicke Kompliment, dass mich in den Himmel der Eitelkeit aufsteigen lässt:
„Die hat eine Figur, wie ein junges Mädchen!!“
Ich, jenes junge Mädchen, reiße mich derweil mit hochrotem Kopf verzweifelt am Riemen und tue beschämt so, als hätte ich denn doch nicht zugehört. Jetzt bin ich nämlich wirklich kurz davor, vor Stolz zu platzen ...