Ein Stalagmit in der Menschenwelt
Von
tastifix
Mittwoch 05.01.2022, 12:53
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
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tastifix
Mittwoch 05.01.2022, 12:53
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In der Tropfsteinhöhle wird es unruhig. Deckenstrahler tauchen die unterirdische Welt in ein fahles Licht, alles wirkt wie verwunschen. Aus verborgenen Lautsprechern trägt eine Stimme Gedichte vor, getragen von einer leisen Melodie.
Karbo, mit erst dreihundert Jahren noch ein sehr junger Stalagmit, beobachtet aufgeregt die Gruppe fremder Wesen, die sich seiner Höhlenkammer nähert und schließlich an der Absperrung davor stehen bleibt.
„Wer sind sie?“
„Menschen. Sie kommen aus der Oberwelt!“, antwortet die alte Säule neben ihm ernst.
„O..Oberwelt??“
„Ja, dort ist alles völlig anders als hier.“
„Wie - anders?“
„Helligkeit und Dunkelheit wechseln sich ab, still ist es nur selten und die Menschen führen ein sehr unruhiges, anstrengendes Leben.“
Karbo plagt die Neugierde:
´Was es dort wohl alles zu entdecken gibt?`
Als ob die alte Säule seine Gedanken erraten hätte, seufzt sie:
„Uns jedoch ist es vorbestimmt, für immer hier in der Höhle zu stehen und zu wachsen. Mehr gibt es für uns nicht.“
Karbo schweigt bedrückt. Da hört er, wie sich die Menschenkinder unterhalten.
„Hier ist es langweilig. Ich will lieber auf die Kirmes.“
„Au ja! Dann fahren wir mit der Achterbahn!“
„Oder wir gehen zum Schwimmen!“, schlägt ein drittes vor.
„Och nee, lieber in den Zoo. Da war ich schon so lange nicht mehr.“
Es macht Karbo noch neugieriger und er wünscht sich
sehnlich, jene fremde Welt kennenzulernen.
„Ich will nach oben!“
„Es ist unmöglich!“, weist ihn die Säule zurecht.
„Ich will aber!!“, quengelt Karbo.
Inzwischen ist die Führung zu Ende. Die miteinander flüsternden Menschen steigen die Treppen hinauf zurück in ihre eigene Welt. Die Lichter in der Höhle verlöschen und es herrschen wieder Dunkelheit und Stille wie zuvor. Erschöpft schlummert Karbo ein.
Die dunkle Stimme der ältesten Säule in der Höhle weckt ihn. Sie ist bereits dreitausend Jahre alt, gilt als sehr weise und es heißt, dass sie zaubern kann.
„Karbo!“
„W..Was ist d..denn?“
„Ich hab ein großes Geschenk für Dich. Du darfst die Menschenwelt besuchen!“
Sofort ist Karbo hellwach.
„Aber, ich kann hier doch nicht weg.“
„Doch, Du kannst es. Mach Dich auf den Weg!“
Karbo verspürt ein starkes Kribbeln.Verunsichert sieht er an sich herunter. Es wachsen ihm tatsächlich Arme und Beine, solche, wie sie die Menschen haben. Noch zögerlich wedelt er mit den Armen in der Luft herum, trippelt vorsichtig umher. Er strahlt.
„Und nun viel Glück!“, ermuntert ihn die Säule.
Gespannt klettert Karbo die Treppen hinauf. Draußen blendet es ihn.
„Die haben hier auch eine Lampe, die Sonne!“
Zuversichtlich marschiert der kleine Stalagmit umher. auf den Der Zauber bewirkt, dass ihm die Wärme hier oben nichts anhaben kann. Erschrocken wegen des lärmenden Trubels in den Städten meidet er sie möglichst und wandert lieber über bunte Blumenwiesen, wogende Felder, durch dichte Wälder wie auch über felsige Berge. Er lernt die Tiere und die Pflanzen kennen und freut sich an ihnen.
Schlimm dagegen bedrückt ihn das Traurige, das Schlechte und das Grausame in der Oberwelt. Verstört beobachtet er die Menschen, wie sie sich gegenseitig das Leben schwer machen, die Tiere quälen oder umbringen und alles um sich herum ohne jedes Nachdenken zunehmend verändern und zerstören. Entsetzt sieht er das Elend verhungernder Kinder und das Leid der Verletzten in den furchtbaren Kriegen.
„Wenn sie so weitermachen, wird es bald weder noch Menschen und Tiere und auch keine tollen Wiesen und Wälder mehr geben.“
Schwer enttäuscht von der Menschenwelt schaut er abends hinauf zu den Sternen. Überall um ihn her ist es still geworden. Er seufzt:
„Fast wie zu Hause! Ach, wenn ich doch wieder daheim wäre. Dort gibt es nichts Lautes und Böses.“
Ermüdet von all den Eindrücken schließt er die Augen.
Karbo schreckt hoch, blickt einen Moment verwirrt um sich und findet sich an seinem angestammten Platz in der Tropfsteinhöhle wieder. Neben ihm steht seine Freundin, die alte Säule.
„Uund wie war`s?“
„Nie wieder!“, entgegnet Karbo. „Jetzt weiß ich erst, wie gut ich es hier habe!“
Die Säule lächelt weise.