Ein Rentier muckt auf, aber dann ...
Von
tastifix
Mittwoch 09.11.2022, 17:19 – geändert Mittwoch 16.11.2022, 18:19
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tastifix
Mittwoch 09.11.2022, 17:19 – geändert Mittwoch 16.11.2022, 18:19
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Bereits seit Tagen ahnte Mucki, dass etwas auf ihn zukam, was ihm gar nicht gefallen würde.
´Hoffentlich täusch` ich mich!`, knirschte er mürrisch mit den Zähnen.
Und weil Rentiere sehr große Zähne haben und auch recht viele davon, gab dies ein ziemlich unangenehmes Geräusch. Eigentlich hätte er sich dafür schämen müssen, denn für Himmelstiere geziemte sich sowas nicht.
„Mir egal! Die Engel in der Himmelsbackstube motzen ja auch, wenn ihnen die Arbeit vor Weihnachten zu viel wird ...“
Tja, und heute erfuhr Mucki dann, dass ihn seine Ahnung nicht betrogen hatte.
„Muhuucki!“
Ach herrjee, das klang verdächtig nach Nikolaus.
´Hm, die Geschenke sind doch schon alle unten ...`
„Was ist denn, Nikolaus?“
Energischen Schrittes spazierte der in den Stall.
„Guten Morgen Mucki!“
„Hi!“, quetschte der zwischen Zähnen und Haferhalm heraus. ´O je!`
Plötzlich fühlte er sich irgendwie relativ unbehaglich in seinem Rentierfell.
„Es nutzt alles nichts. Du musst nochmals los und zwar sofort!!“
„Waaas!! Wieso denn das??“
„Tja, Eilauftrag vom Chef!“
´Pööh, er hat was vergessen und ich muss jetzt darunter leiden!`
„Hat das nicht wenigstens Zeit, bis ich zuende gefrühstückt hab`?“
„Nein, leider nicht. Sonst kommt`s Geschenk zu spät an!“, erklärte Nikolaus unnachgiebig.
Wehleidigen Blickes nahm das Rentier von dem leckeren Haferbüschel in seinem Trog Abschied und trottete missmutig hinter Nikolaus her.
„Aber den Schlitten, den kann ich hier lassen, oder?“
´Keine Lust, den jetzt auch noch zu ziehen!`, murrte Mucki.
„Na, ich denke mal, das schaffst Du auch ohne den!“, war die Antwort und Nikolaus sattelte ihn, der deswegen doch recht zweifelnd guckte.
„Keine Bange!“, lachte er. „Ich bind Dir nen Korb um und leg das Paket hinein.“
„Was ist denn da drin?“ - ´Werd` ich ja wohl noch fragen dürfen. Wird ja schon die dritte Überstunde für mich!`
„Keine Ahnung, aber bestimmt etwas Wichtiges!“
´Tolle Antwort!!`
Mucki war kurz davor, eine patzige Bemerkung zu machen. Offensichtlich sah man es ihm an, denn der daraufhin strenge Blick seines Vorgesetzten verriet nichts Gutes.
Nikolaus verschwand im Haus und kehrte mit einem kleinen Päckchen unterm Arm zurück.
´Nee, nich?? Und deswegen soll ich nochmals los??`
Sicherheitshalber verkniff er sich noch Weiteres.
„So“, meinte Nikolaus. „Jetzt aber fix: Und verlauf Dich nicht. Du weißt ja, wo jenes Dörfchen liegt.“
Er flüsterte ihm die Adresse ins Ohr und gab dem Rentier einen aufmunternden Klaps aufs Hinterteil. Mucki schielte ihn sauer an, fügte sich dann aber brav und trabte los.
„Wird lange dauern. Wahrscheinlich werd ich das einzige Rentier sein, das noch arbeitet … Die Anderen haben ja längst Urlaub. Mist!`
Kurz darauf erreichte er die nahe gelegene Himmelsgaloppprennbahn, schaute kurz nach links, dann nach rechts und sauste los. Weil außer ihm niemand unterwegs war, hing er brummelnd sauren Gedanken nach:
´Wieso immer ich? Der hätte doch auch mal nen Engel schicken können!!`
Aber nein, die saßen ja nun in der Backstube, buken tolle Kuchen und Plätzchen und futterten sich garantiert nebenbei frech den Bauch voll mit all den Köstlichkeiten.
´Und kriegen deswegen nicht mal ´nen Anpfiff!!`
Eindeutig ging es im Himmel genauso ungerecht zu wie auf Erden. Die Engel besetzten halt wichtigere Positionen als Rentiere, obgleich die viel schwerer schufteten als die geflügelten Diener des Chefs. Tja, diese Ungerechtigkeiten kannte Mucki ja schon von früheren Ausflügen zur Erde. Diejenigen, die die Fäden in der Hand hielten, saßen sich in ihren Büros meist den Po platt, hielten ein paar pseudo-kluge Reden und ließen die Anderen für sich arbeiten. Jene waren dann manchmal froh, überhaupt über die Runden zu kommen. Ihre Arbeitgeber dagegen gammelten herum und vergnügten sich auf mehr oder weniger seriösen Partys und wenn sie etwas ausgefressen hatten, regelten sie es recht oft zu ihrem Vorteil mit größeren Geldsummen, spendeten oder bestachen. Selbst dann, wenn sie nicht ungestraft davon kamen … Im Gefängnis wars dann meist nur eine Stippvisite und schon wurden sie wieder entlassen.Wenn aber deren Arbeiter und Angestellte das Gleiche auf dem Kerbholz hatten, dann wanderten diese eventuell für Monate hinter Gittern.
Eigentlich hatte das Rentier keine Lust, sich die Reise mit solchen Gedanken noch zusätzlich zu vergällen, aber, weil Mucki so sauer war, schaffte er es nur kurz, mal an etwas Angenehmes wie sein Weihnachtshaferbüschel droben im Stall zu denken. Doch leider meldete sich dann prompt sein Magen:
„Huuuunger!!“
Ja, Mucki litt, hatte aber trotzdem erst seine Aufgabe zu erledigen.
´Bin bald da!`, tröstete er sich und passte genau auf, dass er sich nicht vergaloppierte. Überall um ihn her leuchteten große und kleinere Sterne.
„Immerhin! Soo viele Laternen wie wir hier haben die auf der Erde nicht!“
Unwillkürlich erinnerte er sich, wie er auf einem der früheren Reisen zur Erde auf einsamen, vollkommen dunklen Landwegen entlang der Felder über dickere Stöcke gestolpert und fast gefallen war und wie oft er Stunden gebraucht hatte, bis er sein Ziel gefunden hatte ...
´Grausam wars! Weit und breit keiner, der mir den Weg hätte zeigen können. Konnte froh sein, dass ich mir nicht die Beine brach!`
Auf einmal erhellte sich seine Miene, er hatte eine Idee:
„Au ja! Ich werd` Nikolaus bitten, mit demnächst ´ne Taschenlampe umzubinden!“
Aber jetzt würde er noch ohne eine solche auskommen müssen.
Die himmlische Galoppstrecke führte nun steil nach unten und bald erkannte Mucki schon die ersten Häuser des Dorfes. Als er mit einem kleinen Ruck auf der Hauptstraße landete, musste er angestrengt mit den Augen blinzeln, um sich im Dunkeln zurecht zu finden. Jedes Mal, wenn er im Schein einer Funzellaterne feststellen durfte, dass die Richtung noch stimmte, pustete er erleichtert auf. Weil die Zeit drängte, trabte er noch schneller und im Korb auf seinem Rücken rumpelte es noch lauter.
´Muss etwas Schweres drin sein!`
Mucki ärgerte sich nämlich, dass er nicht wusste, was es war.
Noch war es ziemlich düster. Es begegneten ihm also keine Autos und auch sonst war alles vollkommen still.
´Wenigstens kein Stau und ich hab es gleich hinter mir! - Hm, Haus Nr.2 hat Nikolaus gesagt ...`
Kurz darauf hatte er das Häuschen gefunden. Mucki hockte sich hin, drehte den Kopf so weit wie möglich nach hinten, erwischte treffsicher das Band, mit dem das Päckchen festgezurrt war und knabberte es fix durch.
´Puuh, geschafft!`
Deshalb schon besserer Laune trug Mucki das Geschenk bis auf die Stufe vor der Haustür und legte es dort ab. Inzwischen zeigte sich am Horizont bereits ein heller Streifen …. Der Tag kündigte sich an.
´Eigentlich könnte ich jetzt nachhause starten ...`
Aber es plagte ihn die Neugierde, vielleicht doch noch mitzubekommen, was jenes Päckchen enthielt. Darum versteckte er sich seitlich des Hauses und wartete. Es dauerte nicht lange, ein kleiner Junge stürmte heraus und entdeckte die Gabe. Die bittere Kälte draußen kümmerte den Kleinen nicht. Aufgeregt riss er das Papier ab und hielt genau das Feuerwehrauto in der Hand, dass er sich so sehr gewünscht hatte - mit einer richtigen Leiter und einer Glocke mit Band. Zog er daran, dann klingelte es laut.
Das Rentier beobachtete, wie der Junge das Feuerwehrauto an sich drückte und strahlend wieder im Haus verschwand. Auch Mucki machte sich auf die Heimreise. Doch all der Unmut wegen der zusätzlichen Überstunde war vergessen. Er sah immer noch den Kleinen vor sich, wie er sich gefreut hatte und dies machte nun auch ihn glücklich.
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