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Ein kleiner – musikalischer – Rückblick

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 28.11.2023, 12:41

Als ich begann, mich für Musik zu interessieren, hörte ich nur noch Radio Luxemburg. Es war DER Sender für die jungen Leute. Jochen Pützenbacher, Frank Elstner, Dieter Thomas Heck, Helga Guitton, Camillo Felgen, Achim Graul, Rolf Röpke...
Das war meine Musik, das waren meine Themen.

Im Jahre 1963, im September wurde ich 11 Jahre alt, war „Manuela“ mit dem Song „Schuld war nur der Bossa Nova“ sieben Wochen in den deutschen Charts.
Nur der Bayerische Rundfunk hat es damals nicht gespielt. Er setzte es wegen der folgenden Liedzeile auf die schwarze Liste: "Als die kleine Jane grade 18 war, führte sie der Jim in die Dancing Bar, doch am nächsten Tag fragte die Mama, Kind, warum warst Du erst heut' Morgen da?"
Ein junges Mädchen, 18 Jahre alt, durfte in Bayern doch nicht erst am Morgen nach Hause kommen. In den anderen Bundesländern hatte man damit kein Problem.

Im Oktober 1965 erfreute uns Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Jeder kannte den Song, jeder konnte mitsingen. In Deutschland und in Österreich war Drafi auf Platz 1 in den Hitparaden, in Amerika konnte man den Song in einer englischen Version hören. Nur der Bayrische Rundfunk wollte nicht mitsingen. Denn korrekt müsste es ja heißen „Marmor, Stein und Eisen BRECHEN“. Und dieser Song, den heute immer noch so viele Leute kennen und lieben, wurde auf den Index gesetzt.

Ebenfalls im Jahre 1965 kaufte ich mir „Satisfaction“ von den Rolling Stones, der zweideutige Text schockierte die ältere Generation und wir waren begeistert. Nur gut, dass meine Uromi, bei der ich lebte, die englische Sprache nicht beherrschte. Was hätte sie zu meiner neuen Schallplatte gesagt?

Ein Jahr später, 1966, erschien in Frankreich „Lamour avec toi“ von Michel Polnareff , mein Lieblingssong von ihm. Im Radio spielte man ihn aber erst nach 22 Uhr, da es zu der damaligen Zeit ein Tabubruch galt, Sexualität offen anzusprechen. Er ist sehr direkt, sagt dem jungen Mädchen ganz klar, dass er mit ihr schlafen will.

Und dann hörte man 1969 das Gestöhne von Serge Gainsbourg und Jane Birkin. Serge hatte diesen Song zunächst mit Brigitte Bardot aufgenommen, die nach der Trennung aber ihre Zustimmung zur Veröffentlichung nicht mehr geben wollte. „Je t'aime moi non plus“ ist wohl einer der bekanntesten Skandal-Songs überhaupt und wurde von den meisten Radiosendern boykottiert und der Vatikan verlangte sogar, dass die Verantwortlichen der Plattenfirma verhaftet werden sollten!!!
Als ich von dem Gerücht hörte, dass die Platte nicht mehr verkauft werden sollte, stand ich am nächsten Tag im Geschäft und verließ es mit dem Gestöhne von Serge und Jane.

Einige Jahre später zog es mich vom Ruhrgebiet nach Paris. Und mehrmals saß ich vor dem Fernseher, wusste nicht, ob ich über den angetrunkenen Serge nun lachen oder weinen sollte. Wir sahen zu, als er vor laufender Kamera einen Geldschein (500 Francs) verbrannte. Und wir fragten uns, ob wir richtig gehört hatten, als er 1985 Whitney Houston und den Moderator in der Livesendung in Verlegenheit brachte. „I wonna f.. her“. Der Moderator versuchte die Situation zu retten, aber der gute (mit Sicherheit nicht nüchterne) Serge wiederholte diesen Satz gerne noch einmal, sehr viel lauter. Im selben Jahr sang er mit seiner damals zwölfjährigen Tochter Charlotte das Duett „Lemon Incest“, es geht um den Inzest zwischen Vater und Tochter. Im Video liegen sie zusammen im Bett, das Mädchen im Nachthemd, er mit nacktem Oberkörper. Wie alle seine Songs, wurde es ein großer Erfolg.

Wäre das auch in Deutschland der Fall gewesen?

Serge wurde heiß geliebt. Als er 1991 starb, trauerte die ganze Nation. Seit September diesen Jahres kann man das Haus besichtigen, in dem er 22 Jahre gelebt hat. Seine Tochter Charlotte hat daraus ein Museum gemacht.

Unsere Welt hat sich verändert. Und die Musik und unsere Einstellung dazu natürlich auch.
 

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