Ein Gepäcklaufband und ich ...
Von
tastifix
Samstag 08.05.2021, 12:14 – geändert Samstag 08.05.2021, 16:25
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tastifix
Samstag 08.05.2021, 12:14 – geändert Samstag 08.05.2021, 16:25
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Nach einem fast halbjährigen Auslandsaufenthalt kehrt meine Jüngste nach Hause zurück. Wir, der Rest der Familie, düsen zum Flughafen, um der jungen Dame einen überschwänglichen Empfang zu bereiten. Mit voller Absicht treffen wir dort eine Viertelstunde zu früh ein, sicher ist sicher. Bereits wenige Minuten später verrät uns die Anzeigetafel, dass die Maschine gelandet ist und schon flanieren Passagiere strahlend an uns vorbei. Nur von unserer Tochter ist nichts zu sehen.
"Sie kommt bestimmt gleich!"
Wir üben uns in Geduld, aber vergeblich.
Als sie nach zwanzig Minuten immer noch nicht auftaucht, packt mich die Unruhe.
"Und was ist, wenn sie gar nicht mitgeflogen ist?"
"Quatsch! Sie hat mir ausdrücklich gesagt, dass sie diesen Flug gebucht hat!"
Ich schweige dazu, werde aber ständig nervöser.
"Ich halte diese Ungewissheit nicht mehr aus. Ich suche sie jetzt!"
"Bist Du verrückt? Warte, wo willst Du denn bloß hin!??"
Ich warte nicht, sondern kämpfe mich durch die ankommende Schar der Fluggäste durch und flitze durch das Ankunftsportal.
"He Sie, Sie dürfen dort nicht rein!!"
Für lange Erklärungen erübrige ich keine Zeit, sondern renne zur Gepäckausgabe.
´Vielleicht hats dort ja etwas länger gedauert!`
Bereits von weitem erkenne ich den Menschenauflauf. Aber selbst dann aus der Nähe ist der Blondschopf meiner Tochter nicht auszumachen. Ich quetsche mich bis in die zweite Reihe vor und mustere forschend die vorüber gleitenden Gepäckstücke.
´Es könnte ja sein ,dass ... `
Und tatsächlich:
´Da ist ihr Koffer ja!`
Ich atme auf, doch dann rätsele ich:
´Wo in aller Welt steckt nur sie!?`
Derweil verschwindet der Koffer bereits wieder in der Versenkung, um kurz darauf seine zweite Runde zu drehen.
´Den schnappe ich mir jetzt!`, sage ich mir.
Schon reist er auf der anderen Seite an den Wartenden vorüber und meistert, ohne etwa vom Band zu plumpsen, brav die Kurve. Hinter einem Buggy nähert er sich mir allmählich.
"Entschuldigen Sie bitte. Der dort ... Es ist meiner!"
Solch ein Gepäckband läuft erstaunlich schnell. Ehe ich den Koffer noch fix greifen kann, schubst mich jemand zur Seite und zieht mit einem kräftigen Ruck den Buggy zu sich. Inzwischen macht sich der Koffer auf und davon und startet seine dritte Runde.
´Mist!!!`
Jetzt reichts mir. Kurz entschlossen übe ich mich im Fast-Stabhochsprung hinauf aufs Band und lasse mich eingequetscht zwischen all den Reiseuntensilien ein bisschen spazierenfahren. Dabei hangele ich mich auf allen Vieren weiter nach vorne und damit immer näher ans Ziel meiner Wünsche heran. Gerade, als ich den Koffer greifen will, biegen wir in die Kurve. Ich verliere die Balance und lande unter dem Gelächter der Umstehenden im Innenkreis des Bandes auf dem Boden.
´Au!!`
Am Ellenbogen zeigt sich ein imponierender blauer Flecken.
"So nicht mit mir!", meckere ich das Gepäckband an und springe wieder auf.
Diesmal umklammert meine linke Hand den Griff eines Regenschirmes und die rechte den einer Reisetasche. Leider ruckelt das Band ziemlich heftig und ich stoße mich am Metallrahmen eines Designerkoffers, was mir auf meiner Wange ein blaulila Luxus-Makeup einbringt. Verzweifelt versuche ich, weiteren metallischen Anschlägen auszuweichen und robbe ein paar Zentimeter zur Seite. Dummerweise hab ich die falsche gewählt.
Während der mehr als ungemütlichen Karusselfahrt sammele ich deshalb blaue Flecken wie andere Leute Briefmarken. Erst im letzten Moment, bevor der Koffer erneut meinen Blicken entschwindet, bekomme ich ihn zu fassen. Geistesgegenwärtig ihn an mich drückend, klettere ich mühsam vom Laufband herunter. Mir tropft der Schweiß von der Stirn und meine Gehwerkzeuge wackeln vor sich hin. Schwer atmend lasse ich mich auf einen Stuhl fallen. Per Zufall schaue ich auf eine Metallfläche. Mir sieht ein blau-weiß gesprenkelter Streuselkuchen entgegen.
Plötzlich höre ich eine mir sehr vertraute Stimme:
"Mama, was machst denn Du hier? Und, wie siehst Du überhaupt aus!?"
Meine Tochter steht vor mir.
"W..Wo kommst Du d..denn jetzt h..her? Wir h..haben uns schon S..Sorgen gemacht!", stottere ich und umarme sie.
"Vom Klo!!", erklärt sie prustend.