Ein Briefkasten wird aktiv ...
Von
tastifix
Donnerstag 12.05.2022, 11:34 – geändert Montag 23.05.2022, 08:46
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tastifix
Donnerstag 12.05.2022, 11:34 – geändert Montag 23.05.2022, 08:46
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Es war einmal ein Briefkasten. Gut erzogen, stand er aufrecht an der Straßenecke. Gelb war er und, noch sehr jung, deshalb im Sonnenlicht eine strahlende rechteckige Schönheit. Nur bewunderte es keiner.
Nein, die Menschen schlurften, manchmal echt schwer bepackt, oft missmutig herzu und lächelten erst dann wieder, wenn sie den Briefkasten mit ihrer raschelnden Last zwangsernährt hatten. Leider rissen sie meist ziemlich grob an seiner Klappe und ließen sie genauso rücksichtslos zufallen. Erbost hielt der arme Kerl jene dann nicht mehr und bei Überfütterung protestierte er sogar laut klappernd. Die war nämlich als hemmungsloses Ausnutzen eines hilflosen Metallkastens zu bewerten!
So vergingen die Monate, aus denen wurden Jahre. Der einstmals strahlend gelbe Briefkasten sah schmutzig gelbgrau aus und erntete nur noch abfällige Blicke. Es tat verflixt weh und er grübelte traurig, was er denn dagegen unternehmen könnte.
Petrus oben im Himmel bekam es mit, hatte Mitleid mit ihm und ließ öfters rauschenden Regen zur Erde prasseln. Der schwemmte alle Dreckrunzeln auf der Haut des Briefkastens weg, Jener sah danach wieder aus wie ein metallener Dressman. In alter Schönheit stand er dort, betrachtete sich in den großen Pfützen um ihn herum und sein Selbstbewusstsein erfuhr einen gehörigen Aufschwung. Jetzt würde ihn niemand mehr geringschätzig anschauen, nun dürfte er es wagen …
Er hatte nämlich seit geraumer Zeit eine Idee, wie er sich die Anerkennung der Menschen endlich erobern könnte. Schon oft hatte er davon geträumt und sich dabei sehr wohl gefühlt.
Wieder einmal wurde es Nacht, wieder einmal hatte der Briefkasten jenen schönen Traum:
Etwas weckte ihn. Es kribbelte und juckte. Statt der Datums- und Uhrzeitangaben der Leerungen saßen dort zwei große, pfiffig blickende Augen, mit denen er dann überrascht an sich herunter sah. Ihm wuchsen dünne Metallarme und eben solche Beine. Die Fast - Ähnlichkeit mit der Holzpuppe Pinocchio (abgesehen von dessen Nase) störte den Briefkasten nicht im Geringsten. Die Beine endeten in schmalen Füßen und die steckten in zitronengelben Schuhen. Mit den Armen ruderte er in der Luft herum und mit den Beinen machte er erst zögerlich ein paar Schritte, dann immer sicherer.
´Juchuuh, ich kann ja rum laufen!`
Mutiger geworden, überquerte er die Straße. Auf die Ampelanzeige brauchte er nicht zu achten, denn den Autofahrern plumpste bei seinem Anblick dort auf dem Zebrastreifen automatisch der Unterkiefer runter und dann der Fuß aufs Bremspedal. So Mancher fragte sich, ob die feuchtfröhliche Runde mit den Freunden etwa doch zu feuchtfröhlich ausgefallen war. Dagegen marschierte der Briefkasten unbekümmert voran, stand bald vor dem ersten Haus und - schellte.
Eilige Schritte warten zu hören, die Tür wurde geöffnet, jemand schrie auf und knallte sie wieder zu. Er klingelte nochmals, durch den schmalen Türspalt starrte ihn eine Frau verunsichert an.
„Guten Tag!“, klapperte der Briefkasten höflich. „Ich wollte nur fragen, ob ich für Sie Post mitnehmen soll? Dann müssen Sie nicht extra zur Straße kommen!“
„G..Guten T..Tag!“, stotterte sein Gegenüber. „Entschuldigen Sie bitte, aber mich hat noch nie ein Briefkasten besucht!“
„Kein Problem! - Und, haben Sie Briefe?“
„Ach, das ist aber nett! Würden Sie diese zwei mitnehmen? Prima, dann komm ich doch noch rechtzeitig los. Hab nämlich einen Termin!“, erklärte sie. „Dankeschön auch!!“
"Wenn Sie wollen, komm ich jeden Tag vorbei?“
„Wirklich? Also, das nenne ich mal einen Service! Klasse!!“, strahlte sie ihn an.
„Ja, dann bis morgen!“
Kaum war der Briefkasten verschwunden, hing die Frau am Telefon und rief die beste Freundin an:
„Stell Dir vor: Ist das nicht zuvorkommend? Der Briefkasten … Nee, ich hab nix getrunken. Der war wirklich hier und kommt morgen wieder! So ein netter Kerl!!“
Wenige Minuten später wusste es der ganze Stadtteil und die Hausfrauen überlegten, wie sie nun ihrerseits dem ehemals verschmähten Briefkasten eine Freude machen könnten. Jedes Mal, wenn es wieder klingelte, freuten sie sich, übergaben dem Briefkasten ihre Post und putzten ihn dann dankbar blitzblank. Die Menschen und der Briefkasten waren echte Freunde geworden.