Die verlorene Bommelmütze
Von
tastifix
Montag 13.12.2021, 13:29 – geändert Freitag 07.01.2022, 17:30
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tastifix
Montag 13.12.2021, 13:29 – geändert Freitag 07.01.2022, 17:30
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Stöhnend kämpfte sich der Weihnachtsmann durch den Schnee. Die Landschaft mit ihrer weißen, im Sternenlicht glitzernden Decke sah zwar toll aus, aber leider pfiff ein unangenehmer Wind. Mit der einen Hand hielt der Heilige, nach der langen Reise bereits ziemlich entkräftet, eisern den Geschenksack, mit der anderen die rote Mütze mit dem für ihn typischen weißen Bommel fest. Um seinen Bauschebart musste er sich keine Sorgen machen. Der war reißfest angewachsen.
´Wenigstens das!`, murmelte er.
Der Schnee knirschte unter den gottlob wasserdichten Stiefeln, so dass er denn weder mit nassen Füßen, keinem nachfolgenden Schnupfen noch gar etwas Ärgerem rechnen musste. Tapfer stapfte er weiter auf die kleine Stadt zu. Dort pressten sich die Kinder garantiert schon die Nasen an den Fensterscheiben platt und warteten sehnlich auf seine Gaben.
´Wenn sie mich dann sehen, quietschen sie bestimmt los in Lautstärke 300! Tja, bin bei denen eben fast so beliebt wie das Jesuskind!`
Gut nur, dass er noch ´fast` gedacht hatte. Sonst wäre jenes eventuell sauer geworden.
Kurz darauf war nichts mehr vom klaren Sternenhimmel zu sehen. Schwere schwarze Wolken zogen am Himmel und der Wind blies stärker.
´O je!!`, dachte der Weihnachtsmann.
Der Wind wurde zum Sturm. Der wurde ständig heftiger, riss ihm plötzlich sein Markenzeichen, die tolle Bommelmütze, vom Kopf und wirbelte sie weit fort. Bestürzt versuchte der arme Mann, mit den Händen den Kopf vor der ungewohnten Kälte zu schützen. Denn er war nicht mehr der Jüngste, das letzte Haupthaarhärchen hatte sich bereits vor geraumer Zeit verabschiedet und ihn zierte stattdessen eine Glatze.
Der Sturm wurde heftiger, entwickelte sich zum Orkan. Zusätzlich begann es zu schneien. Ständig dichter wirbelten die Flocken zur Erde, das Weiß wurde allmählich zur beinahe undurchdringlichen Schneewand. Von allen Seiten peitschte der Schnee dem Weihnachtsmann ins Gesicht. Verzweifelt, wischte der, um sich noch den Durchblick zu bewahren, mit der Hand, die den Sack festhielt, über die Augen. Dabei verlor er erst jenen, dann die Orientierung und stolperte halbblind umher. Sich noch gegen den Sturm zu stemmen, war unmöglich geworden.
Auf einmal packte ihn eine besonders wilde Böe. Der Weihnachtsmann blinzelte noch nach Halt suchend in den weißen Nebel, aber beim Versuch, sich gar an einer Schneeflocke festzuklammern, wäre er ausgesprochen haltlos geblieben und so ließ er es bleiben. Wehrlos so dem Unwetter ausgeliefert, verlor er den Boden unter den Füßen und ward hoch in die Luft gerissen. Vom tosenden Sturm nach vorne, nach hinten, noch höher hinauf und dann ruckartig wieder tiefer geschleudert, drehte sich der Weihnachtsmann mehrmals um sich selber. Ab und an machte er gar einen Kopfstand, weshalb er denn nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Schwer geschockt entfuhr ihm noch nicht mal mehr ein „Hilfe!“ Aber in dem Tosen hätte es sowieso keiner gehört.
Doch irgendwann flaute der Orkan ab. Der nachlassende Wind trug den heiligen Mann nicht länger und ließ ihn in irrem Tempo gen Boden sausen. Leider besaß er ja nicht die Errungenschaft der modernen Technik, ein Navi, mit dem er wenigstens seine Flugroute hätte beeinflussen können.
Entsetzt erkannte er unter sich einen See. Zu spät! Im nächsten Moment platschte es gewaltig, Gischt spritzte nach allen Seiten, der heilige Mann tauchte unter und dann wenige Sekunden später Wasser ausspuckend und total undiszipliniert mit Armen und Beinen rudernd aus der Eiseskälte wieder auf.
Kälteschocks machen bekanntlich wach und erhöhen dann das Denkvermögen:
„Ich hab ja mal ´Seepferdchen` gemacht!!". fiel ihm ein.
Sofort besseren Mutes, erreichte er denn auch mit wenigen Schwimmzügen das rettende Ufer. Dort lehnte er sich, mit den Kräften am Ende, keuchend nach Luft schnappend, in seinem klitschenassen Outfit doppelt so stark wie zuvor mit den Zähnen klappernd und sich auf den wackelnden Beinen kaum mehr aufrecht haltend gegen einen Baum.
„Wenigstens kein Schneesturm mehr, puuh! - Und nu … !??“
Es war grausam, aber er erinnerte sich wieder seiner Glatze:
´Nee! Ohne schlohweiße Lockenpracht? Geht gar nicht. Menschen wollen einen agilen, munteren, kraftstrotzenden Weihnachtsmann und keinen elenden vor Nässe triefenden Jammerlappen ohne Bommelmütze und - gar noch ohne Gaben!! - Fällt mir jetzt nicht ganz fix was ein, fällt das Fest buchstäblich ins Wasser!!!`
Obwohl schrecklich bibbernd, riss er sich zusammen und schickte ein flehendes SOS an seinen obersten Chef. Der rief sofort nach dem Wäscherei-Oberengel:
„Ist dessen Bommelmütze fertig?!“
„Ja, Chef! Sogar gleich dreimal gewaschen!!“
„Gut so: Schnapp` Dir den Schlitten und bringe sie und genau das,was ich Dir jetzt nenne, zu ihm hinunter. Beeil Dich, sonst erfriert der uns noch dort unten!!“
Der Engel tat, wie ihm geheißen, zog, damit er selber nicht auch jenes Schicksal erlitte, seinen strahlend weißen Wollmantel über sowie die passende Mütze dazu und machte sich auf den Weg. Sanft schwebte der Schlitten zur Erde und landete auf einem kleinen Pfad nicht weit von der Stelle, an der der Weihnachtsmann mittlerweile furchtbar vor sich hin zitterte.Tief frustriert stand er kurz davor, den Gedanken an ´Geschenke` und ´leuchtende Kinderaugen` aufzugeben - und sich selber genauso, als er denn plötzlich aufhorchte. Es bimmelte und knirschte leise. Das Bimmeln kam näher und im nächsten Augenblick schon sah er den Engel auf dem Schlitten heran gleiten. Und hinter ihm ...
„Der Sack! Und auch meine geliebte Bommelmütze!!“
Schon stoppte der Schlitten direkt vor ihm. Schnell griff der Engel hinter sich und reichte ihm ein riesiges flauschig-weiches, himmelblaues Badetuch.
„So, rubbele Dich rasch trocken! - Und hier: ´Ne wollene Leggins und ein neuer Mantel für Dich! Der alte ist ja endgültig hinüber!“
Der neue war im modernen Maxi-Look geschneidert und herrlich warm gefüttert. Schicke Stiefel gabs auch noch dazu. Als der Weihnachtsmann die Mütze aufsetzen wollte und dabei über seine Glatze strich, fühlte die sich eigenartig stoppelig an.
„Haare! Da sprießen Haare!!!“
Froh spürte er, wie sie zu einer tollen Lockenpracht wuchsen. Endlich, endlich schaute er wieder aus, wie es sich für einen echten Weihnachtsmann geziemt.
„Das ist noch nicht alles ...“, verriet ihm der Engel.
„N..Noch nicht a..alles??“
„Nein, dieser kleine Beutel ist auch noch für Dich!“
„F..Für m..mich??“
Der Beutel sah genauso aus wie der große Geschenksack, nur zusätzlich mit einer hübschen blauen Schleife versehen. Neugierig öffnete ihn der Weihnachtsmann. Kein Wort kam über seine Lippen.
„Es ist nämlich so ..“, erklärte der Himmelsbote. „Also, dem Chef tut so leid, was Dir widerfahren ist. Vor lauter Vorweihnachtshektik oben hat er glatt versäumt, dem Sturm zu verbieten zu stürmen, solange Du unterwegs bist!“
Gerührt schaute der Heilige auf die riesige Tafel Schokolade in seinen Händen und dann auf sein winziges, schokoladiges Schoko-Konterfei an einem roten Band. Während die Beiden dann gemeinsam eilig sämtliche Geschenke verteilten, stärkten sie sich an der köstlichen Tafel Schokolade. Doch die kleine Figur rührten sie nicht an. Jenen Mini-Weihnachtsmann hing sich der große Weihnachtsmann als Schmuck um den Hals und schickte dabei im Stillen ein inniges ´Danke!!` zum Himmel.
Das Fest war gerettet. Überall schauten strahlende Kinderaugen erst auf den gleichfalls strahlenden Weihnachtsmann und danach noch begeisterter auf die wunderschön verpackten Geschenke.