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Die Schindstiege

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 08.06.2021, 19:14

Die Schindstiege

Geht man bei uns im bayrischen Wald hinter Frauenau über den Zametzer Steig durch den Mauther Forst so steigt der Weg unaufhörlich an. Er endet kurz vor einem natürlichen Wasserreservoire, das vom Reschbach gespeist wird und klares, eiskaltes Quellwasser für die zahlreichen Wildtiere bereithält im Lusenweg. Selbst im Hochsommer, bei brütender Hitze ist das Wasser des Weihers eiskalt, höchstens acht bis zehn Grad wird es haben. Hat man den kleinen Weiher passiert, stößt man auf dem Lusenweg auf eine uralte steinerne Treppe. Sie wurde einst von den Holzknechten der königlich bayrischen Forsten angelegt, um zum höher gelegenen Hochplateau vor dem Lusen zu gelangen. Im Volksmund heiß die Treppe „die Schindstiege“. Die Männer, die sie immer wieder mit Äxten, Sägen und sonstigen Gerätschaften hochsteigen mußten, haben ihr den Namen gegeben.
Zahlreiche Male bin ich auf meinen Fotoausflügen diese Stiege hinauf und hinab gestiegen. Ich erinnere mich noch gut, wie leichtfüßig ich das erste Mal vor Jahren hinaufgelaufen bin. Die Jahre gingen dahin. Letztens bin ich zum ersten mal mit meinem Sohn über den Zametzer Steig zum Lusenweg gegangen. Er kannte sie nicht, die Schindstiege. „Ganz schön hoch“ sagte er “wieviel Stufen sind es?“ Ich hatte sie noch nie gezählt. Ich wußte es nicht. „Na, dann zählen wir mal“ sagte er und ging laut zählend voran. „Ganz schön buckelig und wackelig“ rief er mir zu.
Ich gab keine Antwort, ich brauchte die Luft zu Atmen. „Fünfundsechzig, sechsundsechzig“ zählte er und ich rief „Stop, bleib stehen ich brauche eine Pause!“ Er wartete auf mich. „Ist ja nicht mehr weit“ sagte er, man kann schon das Ende sehen!“ Er lachte. „ Laß dir Zeit für den Endspurt!“ „Es geht schon wieder, den Rest schaff ich auch noch.“ sagte ich und wir gingen los, langsam zwar, aber doch Stufe um Stufe. „Vierundsiebzig, fünfundsiebzig, sechsundsiebzig, geschafft!“ rief mein Sohn. Die letzten zehn Stufen waren mir ganz schön in die Beine gegangen. Ich war oben und schaute zurück. Die Stiege war keine glatte, polierte Marmortreppe. Die Stufen waren grob behauen, rissig, manche gebrochen und doch, sie brachten einen ans Ziel.

Ich stand neben meinem Sohn und während ich langsam wieder zu Atem kam sagte er: „Sechsundsiebzig Stufen! Ist doch anstrengend mit allem, was wir im Rucksack mit uns hinaufgeschleppt haben!“

Ich gab keine Antwort. Sechsundsiebzig Stufen dachte ich, soviel wie die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes an Jahren. Ich schaute zurück, sah den langen Weg der Stiege und das kurze Stückchen der letzten zehn Stufen.

„Laß uns weitergehen“, sagte ich „für ein Stückchen hab‘ ich ja wieder Luft!“

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