Die „Hartfüßler“
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 15.06.2021, 08:06 – geändert Dienstag 15.06.2021, 09:24
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Die „Hartfüßler“
Das nördliche Saarland, auch schwarzwälder Hochwald genannt, grenzt im Westen an Frankreich, im Norden an Luxemburg und im Osten an die Mosel und an Rheinland - Pfalz. Bis in die späten 60-ger Jahre war das Bauernland. Aber kein typisches Bauernland, das von Vollerwerbslandwirten bewirtschaftet wurde. Nein, es war das Land der Nebenerwerbslandwirte. Die Berg- und Hüttenarbeiter waren fast ausnahmslos noch nebenher Bauer. Die typische Nebenerwerbslandwirtschaft bestand aus 2 - 3 Schweinen, ein oder zwei Ziegen und ein paar Hühner. Angebaut wurde auf meistens 8 - 10 Morgen Land alles, was für den Eigenverbrauch und für das Viehfutter benötigt wurde. 4 Morgen sind ein Hektar. Ein Morgen hatte seinen Namen daher, daß man mit einem Ochsen und einem Wendepflug diese Fläche an einem Morgen umpflügen konnte.
Traditionell blieb der größte Teil der täglichen Haus- und Hofarbeit den Frauen und Kindern überlassen. Die Frauen waren für heutige Begriffe unglaublich belastet. Kinderarbeit war selbstverständlich.
Die Männer schufteten die ganze Woche über in den Kohlegruben und Stahlwerken im südlichen saarländischen Industriegürtel entlang der Saar. Die größten Stahlwerke standen in Dillingen, Völklingen, Burbach und Neunkirchen. Rund 180.000 Hüttenarbeiter gab es in der Blütezeit. Heute existiert nur noch Dillingen. Die Kohlegruben mit ebensoviel Bergarbeitern lagen dazwischen. Bis etwa 1950 fuhren die Berg- und Hüttenarbeiter aus dem Nordsaarland nicht täglich zur Arbeit und wieder nach Hause sondern sie wohnten im sogenannten Schlafhaus. Das Schlafhaus in Völklingen, das zu den Röchling'chen Stahlwerken gehörte, hatte etwa 20 große Schlafsäle mit je 30 - 40 Schlafplätzen. Außerdem gab es eine riesige Kantine, wo die Männer verpflegt wurden. Das Essen war kostenlos.
Doch nun zu den "Hartfüßlern". Diesen Spitznamen hatten die Männer aus dem Hochwald. Und das kam so:
In den Vorkriegszeiten waren die meisten Straßen gepflastert. Und die Männer trugen hohe, geschnürte Schuhe. GENAGELTE SCHUHE!!! Wenn sie dann zu Schichtbeginn zu Hunderten vom Schlafhaus zur Hütte gingen, krachten und klapperten die "Genagelten" mit Getöse über das Kopfsteinpflaster.
Und die feinen Stadtleute standen am Fenster, hielten sich die Ohren zu und stöhnten: Oh Gott, diese "HARTFÜSSLER"!
Der Name ist im Sprachgebrauch bis heute erhalten geblieben und obwohl ich kein Berg- oder Hüttenarbeiter geworden bin, zähle ich mich dennoch stolz zu den "Hartfüßlern".