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Die eigene Wahrnehmung stärken

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 13.05.2021, 13:41

Sophie war ein quirliges Mädchen in meinem Kindergarten. Sie war vier Jahre alt, ich mochte sie sehr, sie war offen, kreativ und hatte ein ausgeprägt konstruktives Sozialverhalten. Die Mutter war nicht so einfach, sie war aufbrausend, oft dem Alkohol zugeneigt und hielt sich morgens mit anderen Müttern noch lange in der Einrichtung auf, bis ich sie freundlich aufforderte, mit anderen Müttern in einem Kaffee weiter zu plaudern.

An einem Morgen geriet sie im Gruppenraum mit einer anderen Mutter in eine heftige Diskussion, Sophie wollte etwas von ihr, aber Sigrid schob sie weg und sagte laut; “Lass mich!” Sophie klammerte sich an ihre Hose und wollte unbedingt auf den Arm, entnervt nahm Sigrid sie hoch. Das Mädchen war nicht zu bremsen und redete auf die Mutter ein. Plötzlich sah ich, wie Sigrid ihre Arme von dem Kind nahm, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen, und es einfach ganz bewusst fallen ließ. Ich traute meinen Augen nicht, nahm das schreiende Kind auf dem Arm und ging mit ihm in die Küche. Sophie weinte, saß auf meinem Schoß und legte schluchzend ihren Kopf an meine Schulter. Immer wieder stammelte sie: "Mama hat mich fallengelassen, sie hat mich einfach fallengelassen. Ich schwieg erst einmal und drückte sie an mich.

Stimmt's Gitti, du hast es gesehen, sie hat mich einfach fallengelassen und du hast mich aufgehoben.Nun war ich einen kurzen Moment im Konflikt. Es ging um Wahrhaftigkeit und in Sekunden gingen mir Bilder durch den Kopf, wie meine Wahrnehmung als Kind immer wieder als Lüge oder Einbildung negiert wurde. Ich hatte lange gebraucht, bis ich lernte, meiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und mich nicht mehr verrückt machen ließ. Und so sagte ich: “Ja Sophie, sie hat dich fallengelassen!" Keine Entschuldigung, keine Erklärung, ich wollte nur, dass dieser Satz in dem Kind Wurzeln schlägt. Die Kleine atmete mehrmals tief aus; “ Sie hat mich wirklich fallengelassen?” “Ja Sophie!” “Aber ich habe mir nicht wehgetan!” Sie sprang von meinem Schoß und ging zu den Kindern spielen. Sigrid war inzwischen gegangen, ohne sich von ihrem Kind zu verabschieden. Am Nachmittag versuchte ich mit der Mutter noch ein kurzes Gespräch, aber sie blockierte. Nach diesem Erlebnis legte ich einen neuen Schwerpunkt in meine Kinderarbeit: “Aufmerksam sein und die Wahrnehmung der Kinder stärken!”

Nach 30 Jahren traf ich Sophie zufällig in der U-Bahn mit ihrem drei Jahre alten Sohn. Ich erkannte sie nicht, aber sie rief zweimal ganz laut “Gitti!” und kam auf mich zu. Wir gingen zusammen Kaffeetrinken, sie war inzwischen Ärztin geworden. Wir erinnerten uns an ihre Kindergartenzeit, sie sprach über die Konflikte mit ihrer Mutter, wir waren uns erstaunlich vertraut nach diesen vielen Jahren. Sophie sagte, sie würde viele Geschichten, die ich damals erzählte an ihren kleinen Sohn weitergeben und erinnert sich gerne an diese Zeit. Solche Begegnungen machen mich immer sehr froh, zeigen sie mir doch, dass ich Spuren hinterlassen habe.

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