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Die Diagnose -

Von Feierabend-Mitglied Montag 15.02.2021, 10:35 – geändert Dienstag 16.02.2021, 12:36

Es war wieder eine jener schlaflosen Nächte, die mich in letzter Zeit plagten und an meinem Verstand zweifeln ließen. In meinem Kopf tummelten sich Erinnerungen an die vielen privaten Karnevalspartys vor Jahrzehnten, zu denen die Gäste in selbst genähten Kostümen erschienen und irgendetwas Tolles zum Besten gaben. Ach, was war das immer ein Spaß!
Beim Gedanken an diese Zeit tauchten Ideen auf, die ich fast bereit war, auf der Stelle umzusetzen. Meine Klamotten waren ja alle noch da, im Koffer oben auf dem Dachboden.
Ob Frank noch einmal mit mir einen Tango aufs Parkett legen würde? Für sein Alter ist auch er noch ganz schön fit. Dazu würde ich das kleine Schwarze mit den roten Blumen und die knallrote Strumpfhose tragen. Oder auch das andere mit dem roten Kragen.
Ach nein, die Klamotten würden mir nicht mehr passen. Und überhaupt frage ich Frank lieber nicht, er würde mich auslachen.

Aber vielleicht könnte ich das karierte Küchenmädchen-Outfit anziehen, um noch einmal das alte Küchenlied vorzutragen, in dem das unglückliche Mädchen ihr Haupt auf Schienen legte, bis dass der Zug aus Barmbeck kam.



Toll wäre auch der grüne Umhang mit der Geistermaske, vor der nicht nur die Kinder davon laufen würden.


Im Koffer würde ich auch noch den bunten Clown-Anzug finden, könnte mich schminken und wieder mal völlig unerkannt durch die Straßen tanzen. Herrlich!



Und während ich überlegte und tatsächlich nahe daran war, dies alles noch einmal zu wiederholen, brach mir der Schweiß aus. Vor lauter Aufregung begann mein Herz zu rasen, was mich andauernd aus dem Bett trieb. .
Das Ganze schien sich immer mehr zu einem krankhaften Syndrom zu entwickeln, denn beim Gedanken an das Schmücken der Wohnung, das Essen, die Einladung der Gäste und Vieles mehr, bekam ich Angstzustände und noch mehr Herzrasen.
Ich glaube, ich muss einen Arzt aufsuchen und beschloss, zunächst einmal mit einem Kardiologen zu reden. Als ich ihm von meinem Problem mit dem Koffer erzählte, begannen seine Mundwinkel gefährlich zu zucken. Immerhin kontrollierte er den Blutdruck und stellte fest, dass alles in Ordnung sei.

Aber vielleicht spielen ja die Hormone verrückt. Ach ja, ich war eine Ewigkeit nicht mehr beim Gynäkologen. Aber auch der schüttelte ungläubig mit dem Kopf und meinte, ich müsse unbedingt einen Neurologen in Anspruch nehmen, der mit einem Psychiater zusammenarbeite.
Himmel nein, dachte ich, der schickt mich womöglich noch in die Klapse.

Unsicher, welchen Arzt ich noch aufsuchen könnte, fiel mir ein, dass in der Waldstraße noch so ein ‚Ologe‘ wohnte. Könnte ja sein, dass der vielleicht eine Lösung meines Problems findet, denn irgendwie musste ich doch meine schlaflos-nervösen Nächte in den Griff kriegen.
Gedacht, getan. Auf dem Schild an seiner Tür las ich:
Dr. Falko Specht, Ornithologe.

„Bitte nehmen Sie Platz“, sagte Dr. Specht und wies auf den Stuhl ihm gegenüber.
Sein Spitzbärtchen und das knallrote Hemd unter dem grauen Jackett fand ich irgendwie amüsant.
Auf seinem Schreibtisch fiel mein Blick direkt auf die ausgestopfte Eule.
„Das Symbol der Weisheit …“, erklärte Dr. Specht und lächelte vielsagend.

„Und nun zu Ihnen, was führt Sie hierher?“
Ich berichtete vom inhaltsschweren Koffer auf dem Dachboden, meinem Vorhaben und dem furchtbaren Herzrasen in schlaflosen Nächten.
Dr. Specht sah mich irritiert an, hielt mich für geistesgestört und griff zu seinem Hämmerchen. Damit klopfte er mir erst auf die linke, dann auf die rechte Schläfe und meinte:
„Der Fall ist klar. Sie haben einen Vogel. Dieser Vogel ist in der Lage, Sie auch im fortgeschrittenen Alter noch zu Albernheiten zu verführen.
Sie sollten diesem Vogel endlich den Garaus machen, denn diese Albernheiten passen nicht mehr zu Ihnen. Schenken Sie den Koffer ihren Enkeln. Die werden einen Riesenspaß mit den Klamotten haben, und Sie haben endlich Ihre Ruhe.“
Dabei zitterte sein Spitzbärtchen verräterisch, weil auch er sich ein Grinsen nur mühsam verkneifen konnte.
Ich stand auf, bedankte mich freundlich und ging mit einem ebenso verstohlenen Lachen zur Tür hinaus.
(A.B. 2017/2021)

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