Der obdachlose Spiegel
Von
tastifix
17.07.2022, 13:32 – geändert Montag 18.07.2022, 08:07
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tastifix
17.07.2022, 13:32 – geändert Montag 18.07.2022, 08:07
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In einem Luxusbad hing, eingefasst in einen breiten Goldrahmen, ein prachtvoller großer Spiegel. So edel, wie er wirkte, war es eine Freude, ihn zu betrachten.
Bereits nach zehn Minuten des Überlegens hatte der Bankdirektor ihn erstanden. Genau so hatte der sich seinen Spiegel vorgestellt. Der sehr eitle Mann prüfte jeden Morgen sein Aussehen. Leider war er, bedingt durch die meist sitzende Bürotätigkeit, etwas übergewichtig. Seit er sich dazu durchgerungen hatte, abzunehmen, missfiel ihm sein Konterfei im Spiegel von Tag zu Tag mehr. Ständig unzufriedener kehrte er morgens dem Bad den Rücken.
Einige Tage später ertrug er es nicht länger. Seine Bemühungen, schlanker zu werden, brachten nicht den gewüsnchten Erfolg, was er aber nicht wahrhaben wollte.
´Eine Unverschämtheit! Ich lasse mich nicht von meinem eigenen Spiegel verhöhnen!` - “Entweder, Du spurst oder ...“
„Was oder ...?“, blitzte der Spiegel zurück.
„Oder Du landest auf dem Sperrmüll!!“
„Nur, weil Du die Wahrheit nicht erkennen willst. Überleg` besser mal, warum des wohl so ist!“
Wütend nahm der Bankdirektor den einst geliebten Spiegel vom Haken und stellte ihn zu anderem Trödel an die Straße.
„Was machst denn Du hier? Bist Du etwa kaputt?“, fragten neugierig zwei alte verbeulte Schubläden.
„Pööh!“, antwortete der Spiegel.
Denen würde er doch nicht von der erlittenen Schmach erzählen.
„Bist wohl verdammt eingebildet!“, brummelten die Schubläden.
Der Spiegel schwieg.
Gegen Abend fuhren im Halbdunkel zwei LKWs vor. Die Fahrer durchsuchten den Sperrmüll nach verwertbaren Dingen. Es stand ja eine Menge herum und sie luden fleißig ein. Dabei entdeckten sie den Spiegel.
„Nee, hat keinen Zweck. Wer will denn schon ein denn solch protziges Ding haben?“
„Ist ja scheußlich!“, meinte der Andere.
„Solche Spiegel zeigen nur das, was man sehen möchte!“, ergänzte der Erste.
Und sie ließen ihn am Straßenrand zurück.
„Ach, wenn ich denen nur hätte sagen können, wie es wirklich ist!“, seufzte der Spiegel.
Er vermisste das warme Badezimmer, ja, selbst den grantigen Herrn Bankdirektor, denn es hatte auch Zeiten der Harmonie zwischen ihnen gegeben. Traurig beschlug sein Glas, als er sich daran erinnerte, wie sehr er von dessen Gästen bewundert worden war. Und jetzt? Nun zählt er zu dem, das die Menschen entsorgt hatten.
„Wenn doch jemand kommen würde, der mir ein neues Zuhause gibt!“
Es wurde Abend, es wurde Nacht, niemand kam. Inzwischen hatte der Spiegel die Hoffnung, noch einem Menschen zu finden, fast aufgegeben. Anderntags lehnte der Spiegel immer noch an der kalten Mauer, allein und einsam. Selbst die verbeulten Schubläden hatten einen Abnehmer gefunden. Doch früh des Morgens näherten sich auf einmal zwei junge Frauen. Die eine gestylt und geschmückt wie ein Mannequin, die andere schlicht gekleidet und ganz ohne Make up.
„Mönsch, ein bisschen Schminke und flottere Klamotten täten Dir auch gut!“
„Nein, lass mich. Ich will das nicht. Wer mich nicht mag, wie ich bin, soll bleiben, wo der Pfeffer wächst!!“
„Versteh ich nicht!“, murmelte die Freundin.
Der Blick der schlicht gekleideten Frau streifte den Spiegel.
„Guck mal! Der gefällt mir und beschädigt ist er auch nicht!"
Der Spiegel freute sich.
Aber ihr schlichtes Outfit täuschte. Sie war reich und wohnte in einer Villa mit genau dem Ambiente, in das der Spiegel mit seinem tollen Rahmen passte. Das Bad war groß und vornehm eingerichtet. Wertvolle Mosaikkacheln schmückten die Wände. Neben einem Whirlpool gedieh eine weit ausladende Palme, deren charmante Wedel sich dem Tageslicht entgegen streckten, das durch das große Fenster den Raum in wunderbare Helligkeit tauchte. Die junge Frau platzierte den Spiegel an die Wand neben die Palme. Deren Wedel spiegelten sich in dem Glas und es wirkte, als ob dort noch solch schön gewachsene Pflanze stehen würde. Es ließ den Spiegel noch extravaganter ausschauen. Er passte so gut in dieses Bad, dass man hätte meinen können, er hätte schon immer dort gehangen.
Am nächsten Tag musterte die junge Frau kritisch im Spiegel ihr Outfit. Dieser wartete bange. Würde er sein neues Zuhause wieder verlieren? Denn ihr schaute ein blasses, kaum attraktiv zu nennendes Gesicht entgegen. Auch die Figur war völlig anders als die eines Mannequins.
„Endlich mal ein Spiegel, der die Wahrheit zeigt!“
Zufrieden löschte die junge Frau das Licht und verließ das Bad. Sie stand zu ihren Fehlern, war eben sie selber. Genau wie der Spiegel, der nicht gewillt war, etwas zu verfälschen, nur um zu gefallen. Auch er wollte nicht nach seinem Aussehen beurteilt werden, sondern akzeptiert werden, wie er war - nämlich ehrlich!