Der Baum
Von
Reineke1794
Montag 02.08.2021, 08:31
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Reineke1794
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Diese Geschichte widme ich einer starken Frau da irgendwo im Norden.
Egalis nennt sie sich. Elke nennen sie ihre Freunde.
Nein, um Gottes Willen, ich hole jetzt nicht weit aus, komme nicht auf den Lebensbaum zu sprechen, nicht darauf, dass er als Symbol des Lebens gesehen wird, spreche nicht über seine Verbindung von Himmel, Erde und Unterwelt, für die er steht, sondern spreche über einen ganz, ganz normalen Baum.
Ein Apfelbaum ist es. Ein Boskop, um genau zu sein. Es gab ihn schon, als ich den Garten übernommen habe. Er war noch relativ jung, blühte jedoch im Frühling kräftig und im Herbst erfreute er uns mit seinen sauersüßen Äpfeln. Alle siebe Jahre trieb er es üppig, hatte er so viele Früchte, dass wir Mühe hatten, für die Lagerung einen geeigneten Platz zu finden. Als die Tochter alt genug war, bekam sie auf seine kräfigen Arme ein Baumhaus gestellt. Nun, Haus ist übertrieben. Es war eher ein Nest im Baum. Einige Bretter und Stangen mit Schnüren verbunden und fertig war das große Glück für die Kleine. Als die Zeit des Kletterns vorbei war, hatte er wieder seine Ruhe, erfreute er uns mit seinen Blüten im Frühjahr, seinen Früchten im Herbst und spendete Schatten mit seinem Laub an heißen Sommertagen. Später war er dann eine Stütze für die eine Seite der Hängematte. Die Jahre gingen ins Land. Die Tochter war ausgezogen, wir hatten graue Haare bekommen und der Baum fing an zu mickern. Ein Pilz hatte ihn befallen. Erst waren es nur einige Zweige, dann Äste und schließlich seine dicken Arme, die die vielen Zweige versorgt hatten. Jedes Jahr wurde er kahler, hatte er immer weniger Blätter an den verbliebenen Zweigen. Dann war es so weit. Aus Gründen der Sicherheit mussten die dicken Arme entfernt werden. Übrig blieb sein Stamm. Enkel kamen ins Haus und der traurige Stamm sollte wieder ein wenig lebendig werden. So bemalte ich ihn mit grellen Farben, so dass er freundlich wirken konnte und besonders im Winter ein Augenfang war. In diesem Jahr dann die traurige Erkenntnis, dass seine Wurzeln mürbe waren, vom Pilz derart zerfressen, dass seine Standfestigkeit nicht mehr gegeben war. Um ihn zu stützen, besorgte ich eine lange Metallhülse, die ich knapp neben ihm in den Boden trieb. Ein Vierkantpfosten dort hineingestellt, sollte ihm Halt geben, indem eine violette Nylonschnur etwa 50 Mal um den Baum und den Pfosten gewickelt worden war. Nun steht er da, todkrank, alt, jedoch bunt mit Krücke. Die Kinder lieben ihn, den alten Herrn und ich, ich mag ihn auch. Meine Freude habe ich an ihm, denn er lebt noch – irgendwie. Er ist zwar nicht mehr fest verwurzelt, seine ursprünglichen Aufgaben kann er schon lange nicht mehr erfüllen, doch er existiert noch, dieses Symbol für die Verbindung zwischen der Erde und dem Himmel. Es bedarf nur ein wenig Fantasie.