Debring
Von
speedygonzalez
Dienstag 19.10.2021, 16:32
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speedygonzalez
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Zufällig wurde in diesem Jahr meiner Erstkommunion auch noch in der Oberen Pfarre in Bamberg zu deren Sprengel wir gehörten, die Firmung erteilt und ich hatte dann alle Segnungen der Mutter Kirche aufeinmal weg. Unter dem Kirchensprengel versteht man Ableger einer Gemeinde. Das heißt, als die Kirche in Stegaurach noch nicht gebaut war, daß alle Katholen aus Wildensorg, Debring, Unteraurach, Neuaurach und Hartlanden jeden Sonntag über zweifelhafte Wege, oft 2 Stunden bis nach Bamberg zur Oberen Pfarre hinein mußten. Adam Schubert, der "äußere" Schubert, wurde mein Firmpate und wir konnten das Mittagessen draußen auf dem Schuberthof einnehmen. Ein Festessen, was die Üppigkeit anging und dem Schuberthof, als Selbstversorger gerecht wurde, bei uns als Lebensmittelmarken-empfänger aber nicht auf den Tisch kam.
In dem Jahr nach der Währungsreform kam Heinz auf die Welt. Wir waren mittlerweile von Debring und Frizino weg nach Neuaurach umgezogen und wohnten beim Baltasar Messingschlager in 93¼. Damals waren die Häuser dort, ohne Straßennamen, noch durchnummeriert. Wir hatten eine Wohnküche, ein Schlafzim-mer mit den Betten für Vati und Mutti, die über Eck standen, weil das Zimmer zu klein war und ein Zimmerchen mit einem Bett für Hansjosef und mich. Ein Klumpsklo gab es unten im Flur für alle Hausbewohner und im Garten eine Wasserpumpe, von der Hannes und ich immer das Wasser heraufholen mußten. Häufig mußte 10-15 mal gepumt werden, bevor das Wasser aus dem Wasserspeier gurgelte und dann durften wir, sommers wie winters diese 10ltr nach oben schleppen.
Ich erinnere mich noch, wie Mutti im Mantel die Treppe heraufkam und mir zeigte, was sie aus dem Krankenhaus mitgebracht hatte. Brüderchen Heinz, richtig nach dem hl. Kaiser Heinrich, der ja in Bamberg residiert hatte. Die Zeit vorher ist mir in sehr sehr schlechter Erinnerung, denn zuerst war Oma Maus bei uns und versuchte uns zu verpflegen, drei Jungens von 12, 8 und 6 Jahren, sowie Vati, aber irgendwie klappte das nicht, denn sie fuhr wieder nach Essen. Und so wurden wir von Vati eher solala verpflegt, wobei ich mich sehr häufig an Eier erinnere. Ich esse auch heute noch sehr gern Eier, in jeder Form. Aber ich war sehr froh, als Mutti wieder da war.
In diesem Sommer sah man auf den Feldwegen in gesamten Gesichtskreis eine ganze Herde von Mädchen mit Kinderwägen herumziehen. Es hatte tatsächlich in jedem gebärfähigen Haushalt Nachwuchs gegeben. Das Lächeln auf den Gesichtern der Erwachsenen wußte ich erst 30 Jahre später zu bewerten. "Frau Maus derf i mit dem Heinz spazierefahre?" Uns war es nur zu recht, dass uns die Mädchen diese Pflicht abnahmen, denn inzwischen waren wir durch die Stellungsrangeleien inner-halb der Horde von Neuaurach akzeptiert, es sei denn Sibbi kam mal wieder vorbei. Es gab ja sooooviel zu entdecken. Von Mutti existierte noch ein Album "Aus Deutschlands Vogelwelt". Spätere Ausgaben mit anderen Inhalten auch bekannt als Sanella Album. Aber dieses war schon vor dem Krieg vollkommen gefüllt und diente uns im Allgäu z.B. als Vorlage, zum Spiel "Vogelverkaufen". Dann kam ich zu Wolfgang und kaufte diesen oder jenen Vogel aus dem Album. Was wir noch nicht lesen konnten, erklärte uns Magdalene. Oder Wölfchen kaufte bei mir.
Die Bilder der Vögel waren uns also recht geläufig und so erlebten wir eine Welt, wie wir sie später nicht mehr fanden. Wir fingen Grillen, eine Feldmaus und setzten diese in einem großen Einmachglas beim Abendessen mitten auf den Tisch und sahen zu, wie sie possierlich ein Getreidekorn nagte. Dann hob Vati den Deckel etwas an und ließ ein Schnipselchen Speck hineinfallen. Sofort hob die Maus ihren Kopf, schnupperte und fraß dann den Speck auf. Wir haben einen jungen Kauz aus dem Nest geholt und ich habe ihn mit zur Schule genommen. Lehrer Zapf, der Idiot, meinte gleich es sei eine Waldohreule. Ich konterte und blieb dabei, dass es ein Käuzla wäre, wir hatten ja die Eltern fortfliegen sehen und das Vogelalbum. Aber ab dann hatte ich meinen Spitznamen "Käuzla" weg. Desgleichen habe ich eine Fledermaus, die sich in unsere Wohnung verirrt hatte, mit zur Schule genommen. Und einmal haben wir eine junge Zwergrohrdommel gefangen. Für die mussten wir zuerst sogar einen Käfig mit geflochtenem Netz als Käfigwand bauen. Aber die Maschen waren zu groß und sie büxte uns aus, in ein Maisfled hinter dem Holz-schuppen. Eine junge Bläßralle haben wir auch gefangen, aber bald wieder zu ihren Geschwistern in den Weiher gelassen.
Die Weiher in der Umgebung waren natürlich im Sommer unsere Hauptatraktion. Wir gingen trotz des Verbotes immer wieder im Kreuzweiher schwimmen. Dort am Ablaß war er ca 2m tief und man konnte so schön im Kopfsprung hinein. Vermutlich haben wir dadurch, dass wir die Karpfen etwas in Wallung brachten, sogar zu besserer Qualität verholfen. Warum sonst setzt man Hechte in Karpfenteiche? Kam der Besitzer Gaismeier und Inhaber der Gaststätte "Krug", hörten wir das vom weitem schon am Klang seines Motorrades und waren weit hinter dem Weiher, wo er uns mit der Maschine nicht nachkommen konnte. Häufig kamen auch Amis heraus und schossen nach den Wildenten auf dem Kreuzweiher. Eine davon viel so dicht vor uns ins Schilf, daß Hansjosef schneller drin war und mit ihr unterm Hemd das Weite suchte. Ich glaube die Amis haben das gar nicht gemerkt.
Die Manöver der Amis, wo lange Kolonnen von Panzern, Jeeps und LKW's an uns vorbeirollten, waren auch immer eine Sensation und häufig konnten wir etwas von den GIs abstauben. Beliebt war natürlich Schokolade, "Cadburry" glaube ich und einmal suchten wir ein verlassenes Camp durch und fanden ein großes Paket Kaffee. Das war eine Riesenfreude für Mutti und Vati.
Aus dem Schilf, das in den Weihern meterbreit in der Uferzone wuchs, ließen sich hervorragende Pfeile machen. Etwa 40-50cm lang, unten hinter einem Bund eine Kerbe eingeschnitten, um die Bogensehne aufzunehmen und oben am jüngeren Ende ließ man ca 5cm über einem Bund stehen. Dort wurde ein Stück Holunder, mit seinem weichen Mark draufgedreht. Den Bogen machten wir uns aus Haselstecken. Das wuchs hier ja alles. Und dann wurde "Indianerles" gespielt, aber frag nicht nach Pardon. Es grenzt an ein Wunder, daß dabei keiner ein Auge verloren hat, denn die Bögen hatten schon einen rechten Zug. Diese spielten sich fast immer im Greggewäldla ab. Dahinter schloß sich nach einem Acker das Fuchsewäldla an. Dann kamen viele Felder und dann war man in Wildensorg. Kam man mit Pfeil und Bogen, so gab's Randale. Kam man am Sonntag Nachmittag, so wollte man gesittet zur Altenburg hinauf, die die Bergspitze zwischen dem weiten Tal der Aurach und Bamberg bewacht. Dort war vor allen Dingen der Schwarzbär wichtig, der in seinem Gehege, von einem tiefen Graben und hoher Mauer vor den Besuchern geschützt war. An der Wand des Bergfrieds hing immer noch der Feuerkorb, mit dem man in den damaligen Zeiten nötigenfalls die Bewohner der Giechburg am östlichen Horizont des fränkischen Juras zur Hilfe rufen konnte. Die Krönung war dann immer ein "Schapeso". Was immer es war, es sprudelte und hatte Geschmack.