Das trotzige Tannenbäumchen
Von
tastifix
Dienstag 21.12.2021, 16:41 – geändert Dienstag 21.12.2021, 17:28
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tastifix
Dienstag 21.12.2021, 16:41 – geändert Dienstag 21.12.2021, 17:28
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In der Baumschule bemühte sich jedes Tannenbaumkind, möglichst so kerzengerade zu wachsen wie die älteren Freunde und wie sie die Zweige charmant zur Seite zu strecken. Es war gar nicht so einfach zu erlernen und sie raschelten leise seufzend.
„Und das alles nur für wenige Tage ...“. murmelte eines aus der zweiten Tannenbaumschulklasse.
„Wieso denn das?“, wollten die Jüngeren wissen und ein ganz Kleines sagte:
„Wir werden doch alle ganz groß und dann wunderschöne Weihnachtsbäume und dürfen dann zu den Menschen und die schmücken uns dann toll …“
„Und dann freuen sich alle Kinder und strahlen ...“, meinte ein anderes I-Männchen.
Mitleidig schaute das Ältere die Kleinen an:
„Ach, Ihr habt ja noch keine Ahnung! Klar stehen wir dann in toll geschmückten Zimmern und werden selber auch bunt verziert, aber ...“
Mit großen Augen hatten die Jüngeren zugehört.
„Was wird dann aber??“
„Viele von uns haben nach den Festtagen schon keine Nadeln mehr und sehen schrecklich aus. Die Menschen legen uns an den Straßenrand, von dort werden wir mit einem großen Auto eingesammelt und das wars dann!“
„Soll das heißen, dass sie uns wegwerfen und wir alle sterben müssen??“, fragte ein Bäumchen bange.
„Ja, leider Kleines!“
Trotzi, meist sehr keck, wenn sie in der Klasse über etwas raschelten, stellten sich die Nadeln hoch an den Zeigspitzen. Nein, es nahm sich vor, zuzustechen, wenn die Menschen zu ihm gemein wären. Dann würden die bestimmt jämmerlich weinen.
„Ich wehre mich!“
„Wiiieee? Aber es ist eine große Ehre, Weihnachtsbaum zu werden!!“
Trotzi wurde noch trotziger:
„Soll ich mich etwa freuen, wenn ich nach dem Fest sterben soll?“
Es überlegte kurz:
„Unser Pflegezwerg, der sich stets lieb um uns kümmert, kann doch zaubern. Icl werde ihn bitten, mich in einen Laubbaum zu verwandeln. Dann darf ich nämlich sehr alt werden.“
Die Anderen dachten:
´Oje, wie wird das nur enden!?`
Trotzis beste Freundin, eine Tannenmeise, hatte aufmerksam zugehört. Sie mochte dieses kleine Bäumchen besonders gern.
„Du, es ist zwar ziemlich unartig für einen Tannenbaum, keiner mehr sein zu wollen, aber, wenn Du es wirklich willst, dann rufe ich Zipfel!"
„Meisie, das würdest Du für mich machen?“
„Klar, wir sind doch Freunde!“
Schon schwang sie sich in die Luft und flatterte davon. Kurz darauf landete sie vor dem Zwergenhaus am Fuße des Hügels.
„Zipfel, Trotzi möchte Hilfe!!“
„Was ist denn passiert?“, fragte der erschrocken.
„Nein, nichts, es ist nur ...“
Und Meisie berichtete ihm, was denn nur wäre. Je länger sie erklärte, umso zweifelnder guckte Zipfel.
„Hat er sich das gründlich überlegt? Wenn die Menschen sehen, dass da plötzlich ein Laubbaum wächst und das in einer Tannenbaumschule ...“
„Ich mein ja auch, das ist viel zu gefährlich! Sprich bitte nochmal mit ihm, ja?“, piepte Meisi flehendlich.
„Ja, mach ich!“, versprach der Zwerg. „Trotzi ist zwar dickköpfig, aber vielleicht lässt es sich ja doch mal etwas sagen, wenn ich ...“
Froh wippte Meisie mit dem Schwanz:
„Danke, Zipfel! Tschühüüs, bis bald!“
Kopfschüttelnd schaute Zipfel ihr nach. Immer dringlicher erschien es ihm, mit Trotzi ein ernstes Wort zu reden, denn dessen Wunsch war ziemlich frech. So stieg er rasch hoch zur Baumschule. Es war gerade Pause.
„Du, Meisie hat mir alles erzählt. Bleib` besser, wer Du bist!"
„Nee, ich will aber ... !!“
„Aber dann beklag Dich haber später nicht , falls ... “
Eigentlich wollte Trotzi noch weiter nachhaken, aber die Freude darüber, dass der Zwerg ihm dennoch helfen wollte, überwog.
„Danke Zipfel!“
Der Zwerg murmelte etwas und schon stand dort statt des hübschen Tannenwinzlings ein noch winzigeres Laubbaumkind, das ein wenig verunsichert die umstehenden Bäume ansah.
„Ääh, hmm, bist Du etwa unser Trotzi?“
Da wedelte es stolz mit seinen zehn Laubblättern.
„Jahaah, bin ich! Wie gefalle ich Euch!“
Die Anderen sagten lieber nichts dazu..
Bald wurde es Winter und allmählich eisig. Obendrein zerrten fiese Stürme an den jungen Bäumen. Den Tannenbaumkindern machte es nicht so viel aus. Sie trugen ja ihr dichtes Nadelkleid. Trotzi dagegen litt jämmerlich. Auch die letzten Blätter hatte der Wind weggerissen und es stand dort völlig kahl und fror entsetzlich. Die Anderen hätten ihn gern ein wenig gewärmt, doch sie konnten sich ja nicht von ihrem Platz weg rühren. Obendrein kämpften auch sie selber gegen den Sturm. Allerdings kamen sie dabei viel besser zurecht als das Laubbaumkind.
„Ich will nicht sterben!“, knarrte das Kleine mit den Ästen, so laut es nur konnte. „Ach, wäre ich doch nur ein Tannenbaum geblieben!!“
„Stimmt! Das hättest Du Dir gründlicher überlegen müssen!“
„Bitte, wisst Ihr vielleicht Rat?“
Weil es dort so furchtbar vor sich hin zitterte und schon fast wie tot ausschaute, raschelten sich die besorgten Kameraden mit ihren Zweigen gegenseitig Ideen zu, die aber alle nicht passend zu sein schienen.
„Ganz einfach!“, meldete sich da eines der Älteren. „Wir rufen jetzt Zipfel. Der kann bestimmt helfen!"
„Bist Du aber klug!“, bewunderten ihn die Anderen.
„Wäre das schöön!“, knarrte Trotzi ganz schwach.
Sämtliche Tannenbaumkinder raschelten und ächzten alle gleichzeitig mit den Ästen. Es gab ein lautes Tosen, das dann tatsächlich bis zu Zipfel drang, der gerade am Fuß des Berges kleinere Pflanzen versorgte.
„Oje!“, erschrak er und sofort fiel ihm Trotzi ein.
„Hoffentlich ist er nicht umgeknickt worden!“
„Hört mal, ich muss dringend eben dort hinauf. Bin aber gleich wieder bei Euch!“, vertröstete er die Pflanzen und machte sich auf den Weg zur Baumschule. Dort angekommen, jagte ihm Trotzis Anblick einen Gänseschauder über den Rücken.
„Zipfel, hilf mir, ganz schnell. Ich kann nicht mehr. Ich bin so dumm gewesen!“
Der Zwerg sah es ernst an:
„Siehst Du, es hatte schon seinen Sinn, dass Du ein kleiner Tannenbaum warst!“
„Zipfel, bitte! Er hats ja eingesehen!!“, raschelten die Anderen.
Trotzi nickte schwach dazu und guckte flehend. Jener ertrug dies nicht länger. Schnell murmelte er einen Zauberspruch und sofort stand dort statt des armen Laubbäumchens wieder das hübsch gewachsene junge Tannenbäumchen in seinem dichten Nadelgewand.
„Zipfel, nie wieder werde ich so schlimm trotzen! Versprochen!!“
„Macht es ganz bestimmt nicht mehr!!“, unterstützten es die Anderen.
Daraufhin lächelte Zipfel geheimnisvoll.
Zwei Wochen später wurde der Weihnachtsbaummarkt eröffnet und die Menschen strömten herbei, um sich noch eine der schönsten Tannen zu sichern. Eine junge Familie hatte Trotzi entdeckt:
„Mama, ach Papa, ist der schön. Lasst uns den nehmen, ja?“, bettelte das kleine Mädchen.
„Ja, der sieht echt cool aus!“, meinte sein älterer Bruder.
„Und dann schmücken wir den toll. Dann haben wir den hübschesten Baum weit und breit!“, sagte die Kleine.
Der ältere Bruder, der plötzlich sehr ernst dreinschaute, wandte sich an seinen Vater:
„Papa, muss denn … ?“
Und er flüsterte ihm etwas zu.
„Du meinst … ?“
„Ja, Papa, bitte!!“
„Auja Papa!!!“ bettelte seine kleine Schwester, die eifrig gelauscht hatte.
Während der Feiertage stand Trotzi, mit Kugeln, Kerzen und Holzfiguren wunderschön geschmückt, stolz im Wohnzimmer. Als Weihnachten vorbei war, fand er wider Erwarten tatsächlich im Garten der Familie sein neues Zuhause und wuchs zu einer prächtigen Tanne heran. Viele Jahre später, als die beiden Kinder erwachsen und ausgezogen waren, verkauften die Eltern das Anwesen. Die neuen Besitzer versprachen ihnen, dass die schöne Tanne für immer dort bleiben würde. Und, weil sie sich so gut verstanden, luden sie sie ein, das nächste Weihnachtsfest bei ihnen zu verbringen.
Trotzi hatte zugehört und freute sich.
„Zipfel, jetzt weiß ich, weshalb Du damals so vor Dich hin gelächelt hast. Ich war so unglücklich. Du wolltest, dass ich wieder froh sein sollte und hast für mich wieder mal gezaubert. Danke, ich werde Dich nie vergessen!“