Das Häuserl
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 18.05.2021, 19:20
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Das Häuserl
1964 war der große Umbau. Mein Elternhaus war ein Dreiseit - Bauernhof und das Wohngebäude seit ca. 1820 unverändert. Da wurde es Zeit zu modernisieren. Meine Mama war die Haupttriebfeder, sie wollte endlich ein neues, modernes Badezimmer. Und so kam es auch. Die alte Futterküche wurde in ein niegelnagelneues Bad verwandelt. Mit Badewanne, Dusche, zwei Waschbecken und einer Toilette. Das war die am meisten herbeigesehnte Neuerung. Bis dahin gab es hinter dem Haus in der hintersten Ecke neben dem Garten auf der Wiese ein Plumpsklo, ein Häuserl eben mit Herzl in der Tür, ganz so, wie eben alle Häuserl zu der Zeit aussahen. Wir Kinder kannten es ja nicht anders und wir waren gewohnt, bei Wind und Wetter zum Häuserl zu laufen. Am unangenehmsten war es in der Dunkelheit, bei Regen oder bei Schnee. Und natürlich in der Winterzeit immer eisig kalt.
Im Häuserl hing links an einem Nagel Zeitungspapier, daß der Opa zugeschnitten hatte. Immer Samstags hatte er vor sich auf dem Tisch die Zeitungen der Woche liegen und schnitt das Klopapier zurecht. Jede Seite ergab sechs Blatt Papier. Da war der Opa genau so akkurat wie bei allem, was er anpackte. In eine Ecke des Papiers wurde mittels eines kräftigen Nagels ein Loch gebohrt und ein Seil durch alle Blätter gezogen. Dann wurde der neue Pack Klopapier im Häuserl an den Nagel gehängt. Mit diesem uralten Brauch war jetzt endlich Schluß! Im neuen Bad gab es keinen Nagel mit Zeitungspapier, dafür hat Mama gesorgt, da hat jetzt Hakle – Toilettenpapier Einzug gehalten. Alle, wirklich alle und auch den Opa hat es gefreut, daß endlich das alte Häuserl abgerissen wurde und die eisigen Klozeiten vorbei waren.
Jetzt lese ich, daß in Coronazeiten wieder Toilettenpapier gehamstert wurde. Ich mach diesen Unsinn nicht mit. Weiß ich doch, daß aus jeder Seite unserer Tageszeitung sechs Blatt Toilettenpapier werden können. Mag ein Lockdown kommen, ich bin, zumindest was das Toilettenpapier angeht, ganz gelassen. Zeitungen haben wir noch genug.