Das durfte ich doch nicht erlauben!
Von
tastifix
Samstag 12.06.2021, 16:17 – geändert Donnerstag 24.06.2021, 10:38
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tastifix
Samstag 12.06.2021, 16:17 – geändert Donnerstag 24.06.2021, 10:38
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Eindeutig hatte sich mein Kind verliebt. Dabei war es dafür eigentlich noch viel zu jung. Dementsprechend ratlos registrierte ich sein verändertes Verhalten. Beobachtete ich es in seinem Kummer, zog sich in mir alles zusammen, so sehr litt ich mit. Dummerweise hatte es sich in eine 30cm große Ente verguckt. Es war nicht irgendeine Ente, sondern ausgerechnet eine von Firma Steiff. Es trug sie stundenlang spazieren, krümmte ihr aber keine einzige Feder. Stattdessen bekam sie sogar ein nachdrückliches Küsschen auf den Bauch. Mit feiner Stimme quietschte Entchen jedes Mal laut auf vor Vergnügen, was wiederum dann mein Kind aufs Innigste erfreute ...
Mir allerdings bereitete das Liebesspiel des ungleichen Pärchens arg Kopfzerbrechen. Ich lief mit Gewissensbissen herum, die jeden Tag quälender wurden. Bald ertrug ich den Stress nicht länger, denn die Sorge um die Ente raubte mir inzwischen nachts den Schlaf. Wieso eigentlich? Kinder spielen alle gerne mit Stofftieren. Welch ein Blödsinn, sich darum verrückt zu machen.
Dann fällte ich eines Tages eine schwerwiegende Entscheidung, sowohl für mein Kind als auch für die Ente. Es fiel mir wirklich nicht leicht. Ich überraschte es, wie es sich so hoch wie möglich reckte und den flehenden Blick aus großen Augen auf das Tier richtete. Vorsichtshalber hatte ich die wertvolle Steiff-Ente ins oberste Regalfach der Schrankwand gesetzt. Sie schien es zu genießen, sowohl dermaßen über uns erhaben zu sitzen als auch die tolle Aussicht. Jedenfalls hörte ich keinen Protest. Ein paar Etagen tiefer allerdings war Holland in Not. Mein Mini weinte mir die Ohren voll und hüpfte wieder und wieder vergeblich an der Schrankwand hoch. Das Weinen geriet zur Arie. Wie lange noch würde ich konsequent bleiben?
´Nein!`, sagte ich mir, ´das kann ich nicht erlauben. Unmöglich!`
Ich entschied ´unmöglich`, dabei blieb es auch und ich outete mich als eine Rabenmutter, die ihrem Kind noch nicht mal ein Spielzeug gönnt. Wenn nicht diese Ente ... Dann hatte ich Ersatz herbeizuschaffen, bevor das kindliche Herz brach.
Stundenlang lief ich am nächsten Tag durch die Geschäfte, ließ Enten aller Art, sogar Badetiere, auf Kommando quietschen. Keine quietschte so schön wie das gute Stück daheim. Mir fielen vom vielen Laufen schon fast die Beine ab, als ich im Schaufenster eines Kaufhauses ´sie` entdeckte. Von mir aus war es Liebe auf den ersten Blick. Die Ente schien auch nichts dagegen zu haben. Sie erschien mir als die einzige, möglicherweise konkurrenzfähige Konkurrentin für Ente Eins daheim. Auch 30cm lang, gleichfalls eine recht helle Stimme im Bauch und ebenfalls mit zitronengelbem, strubbeligem Gefieder.
Noch ein wenig unschlüssig musterte ich sie.
„Wie alt ist denn das Kind?", fragte mich hilfsbereit eine junge Verkäuferin.
Verlegen überlegte ich:
´Achherrjee, wie alt ist es eigentlich?`
Wegen des leicht verwunderten Blickes der jungen Dame wurde ich zunehmend nervöser und nestelte verzweifelt an den Mantelknöpfen herum.
´Was soll ich ihr nur sagen? Wenn ich nicht bald ´ne Antwort gebe, erklärt die mich für reif fürs Irrenhaus!`
Ich fing an zu rechnen. Hätte ich doch in Mathe früher besser aufgepasst. Aber nein, weil jene Stunden mich so gar nicht interessierten, hatte ich mich lieber Schnipselliebesbriefen gewidmet, die dann durch die halbe Klasse gereicht wurden. Nun bereute ich es bitter. Jetzt hatte ich den Salat und zudem den Taschenrechner nicht dabei.
´Wie alt ist es, verflixt …!?`
Zu meinem Glück wurde ich einer Entgegnung enthoben.
„Ist es für ein fremdes Kind gedacht?", hakte die ahnungslose Verkäuferin, noch freundlich, nach.
Ich grübelte.
„Fremd, hm!?", murmelte ich erst leise und erklärte dann lauter: „Wie man`s nimmt!"
Mein Gegenüber runzelte leicht die Stirn. Offensichtlich verstand es gar nichts mehr. Aber dann strahlte die junge Dame plötzlich:
„Handelt es sich vielleicht um ein Adoptivkind?"
Eindeutig gefiel ihr dieser Gedanke und sie wurde sehr gesprächig:
„Wissen Sie, ich finde es immer wieder bewundernswert, wenn Leute fremden Kindern ein Zuhause geben. Es zeugt von wirklicher Nächstenliebe. Und die Kleinen werden es ihnen später danken!“
Nur noch mit äußerster Mühe blieb ich ernst. Sie konnte ja nichts dafür. Sie war an diesem semantischen Problem gänzlich unschuldig. Bei der Überlegung, wie mir mein Mini am laufenden Band und erst recht in den vergangenen Tagen tiefe Dankbarkeit bewiesen hatte, amüsierte ich mich insgeheim köstlich. Dennoch hatte diese nette Frau endlich eine vernünftige Auskunft verdient:
„Wissen Sie, dieses Kind, um das es hier geht, hat riesige braune Kulleraugen, eine süße Schnute und vier Beine dran. Dieses Kind ist nämlich ein Hund!"
Fassungslos schaute sie mich an. Dann prustete sie los.
„Ach, ist das süß! Wie alt ist der denn?"
Überraschend für mich selber blieb ich nicht länger um die Antwort verlegen:
„Umgerechnet ist er etwa sieben Jahre alt!"
Offensichtlich war ich an eine Tierliebhaberin geraten. Denn auf dem hübschen Geschenkpapier, in das sie die Ente einwickelte, saßen ganz viele kleine Hundekinder. Mein eigenes lehnte die Ersatzente übrigens leider rigoros ab.