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Das Brieflein

Von tastifix 15.05.2022, 18:57 – geändert 15.05.2022, 19:54

Das Brieflein

An diesem Vortag eines für ihn wichtigen Ereignisses schlich ein 24-jähriges Mädchen ziemlich bedrückt einher.

Droben im Himmel prüfte Gott noch ein letztes Mal vor dem Schlafengehen das irdische Treiben, wobei ihm jenes traurige Menschenkind auffiel.
„So nicht!“
Eilig beförderte er dessen Schutzengel zum Schutzengelbriefträger.
„Du fliegst sofort zur Klein-Kleckersdorfer-Str.44 in Pusemuckel. Dort wartet ein Eilauftrag auf Dich. Los, aber fix!“
„Okay, Chef!“
Irre stolz bewies er seinem Meister, was eine solche Beförderung nach sich zieht. Mit rasanten 300 km/h düste er dahin und ließ die Himmelsverkehrsordnung total außer Acht. Zum Glück war kein zweiter Bote unterwegs ...

Immer wieder warf der Engel einen prüfenden Blick zur Sonne. Die blendete ihn aus Jux anhaltend und dies tatsächlich kurz vor ihrem eigenen Untergang. Anscheinend war deren Arbeitstag nicht sehr anstrengend gewesen, so dass sie hierfür noch genügend Kraftreserven aufbringen konnte. Für den Engel zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
„Verflixt!“, murmelte er leise.
Mehr nicht, denn Engel wagen nur zu fluchen, wenn sie während der Flügelerneuerungsphase – Mauser - einige wesentlichen Anteile ihrer Erkennungsmerkmale verlieren. Dann aber umso deftiger.

Endlich landete der Engel in Pusemuckel. Vor ihm in der Klein-Kleckersdorfer-Straße 44 stand ein bereits wartendes, in der eisigen Nacht vor Kälte schlotterndes weibliches Wesen, streckte ihm mit rot gefrorenen Fingern einen Umschlag hin und stotterte flehend:
„Bitte mach schnell. Sonst bekommt sie den zu spät!“
Den Engel rührte der seelenvolle Blick tief. Er ergriff den Brief, erhob sich in die Luft und rauschte davon. Neugierig schielte er auf den Papierfetzen.
´Wichtige Nachricht? Hm ...!`
Fix konzentrierte er sich erneut auf seinen Auftrag.
„Bitte, mach schnell!“, hatte das weibliche Geschöpf ja gebettelt.

Wie ein Düsenjäger dahin rasend, wirbelte der Engel ein paar Sterne durcheinander. Die reagierten sauer. Sie waren an Ordnung gewöhnt und bestanden auf ihre traditionelle Umlaufbahn.
„Eine Unverschämtheit, Strafe muss sein!“
Einer beherrschte wütend seine Glut nicht länger, zielte und erwischte mit den heißen Strahlen treffsicher des Engels linke Flügelspitze. Der Stern, darüber sehr zufrieden und darum bereits wieder besänftigt, grübelte:
´Und solch ein unmögliches Benehmen lässt mein Chef durchgehen? Ob dessen Arbeitspensum zu umfangreich war??`

„Aua!“
Besorgt beäugte der Engel die angesengte Feder. Weil es nicht um die Prestigefeder, sondern nur die zweite daneben ging. beruhigte er sich rasch wieder und kümmerte sich auch nicht weiter um die immer noch aufgebrachte Himmelslaternenschar. Für ihn gabs Wichtigeres zu tun. Leider ließ die Monduhr extrem unhöflich die Zeiger munter weiterlaufen, anstatt sie aus universeller Solidarität wenigstens für zehn Minuten zu stoppen.
„Hoffentlich komme ich noch rechtzeitig an! Sonst bin ich die Beförderung glatt sofort wieder los!“
Gott war ein sehr strenger Arbeitgeber.

Die Studentin blickte mittlerweile ziemlich genervt auf die Hefter. Am liebsten hätte sie den Kopf darauf fallen lassen und wäre eingeschlafen. Aber sie musste durchhalten.
„Morgen ists soweit! Ich rassele bestimmt durch die Prüfung!“
Ihre grauen Zellen hatten bereits seit Stunden Schwerstarbeit geleistet. Sie waren es ebenfalls leid wie dicke Tinte. Verärgert versuchten sie, ihre Auftraggeberin zu durchschauen.
´Sie will doch nicht etwa nooch länger … ?`
Sie wandten sich um Hilfe an Gott:
„Bitte, sorg` dafür, dass sie endlich aufhört. Wir rauchen schon!“
Dessen Meinung nach hatten sie für heute ihre Pflicht mehr als gewissenhaft erfüllt:
„Sie ist ja gleich fertig, will nur noch überprüfen, ob Ihr wirklich alles gespeichert habt!“

Ja, genau! Die Studentin stützte den Kopf in die Hand und riss sich am Riemen:
„Impressionismus ...“
Klasse! Und fuhr fort:
„Expressionismus ...“
Wie viele ´Nismusse` denn nooch … ? Sie seufzte.
„Immerhin: Es sitzt!“
Ihr Kopf brummte. Aber tapfer wiederholte sie alles nochmal:
„Impressionismus!“
Sehr gut! Dann:
„Expessimismus ... “
Auf einmal stutzte sie:
´Irgendwas stimmt nicht, nur was??`
Beinahe schon in Trance hub sie von neuem an:
„Expemismus …, ääh!“
Der Versuch einer Verbesserung folgte:
„Epemimus ... “
Sie konnte sich kaum mehr konzentrieren und dichtete drauflos:
„Impesmus … Epimus … Impressinus ... ??“

Aber - urplötzlich strahlte sie übers ganze Gesicht. Einen solch tollen Geistesblitz hatte bestimmt nicht jede Studentin kurz vorm Umfallen: Es war eine in ihrer Gewichtigkeit einmalige Eingebung. Ganz langsam ließ sie sich den Begriff auf der Zunge zergehen:
„Vul..ka..nis..mus!“
Juchuuh! Die Müdigkeit vergessend sprang sie auf, tanzte euphorisch eine Runde Tango Argentin um den nun heißgeliebten Schreibtisch herum - und berauschte sich am eigenen Tanz.
Doch dies war ihr nur kurz vergönnt. Während einer weiteren Drehung erstarrte sie zur Salzsäule. Nein, bloß das nicht! Der Verstand spielte ihr einen ganz fiesen Streich, sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Es gibt nämlich weder Epimus, Impressimus und, was noch viel krasser ist: Nirgendwo in der Kunst Vulkanismus. Der gehört völlig woanders hin!!!

Total groggy sackte die Studentin auf den Schreibtischstuhl, den sie nun am liebsten gegen die Wand geschleudert hätte. Dagegen ordnete sie noch, obwohl wieder hundemüde, mit einer kraftlosen Bewegung sämtliche Hefter penibel ausgerichtet auf der Arbeitsplatte an, rückte den Stuhl korrekt davor und löschte die Lampe. Danach allerdings verschwand sie heulend im Bad. wo sie sich frustriert abschminkte und im Spiegel ihre wachsende Ähnlichkeit mit einem kalkweißen Schlossgespenst registrierte.
´Augenränder bis fast zum Bauchnabel!`
Jetzt auch egal!! Sie streifte das schicke seidene Nachthemd über, fiel entkräftet ins Bett und schnarchte eine Sekunde später melancholisch vor sich hin.

Der Engel seufzte. In fünf Minuten schlug es Mitternacht. Wenn er es richtig einschätzte, dann war das dritte Haus in der Straße unter ihm sein Ziel. Aufatmend setzte er den Flug ein wenig gesitteter fort. Pünktlich eine Minute vor Zwölf faltete er in der Orchesterstraße in Essen vor Haus Nr.88 die Flügel ordentlich zusammen, die ramponierte Feder schamhaft unter der Flügelspitze verbergend. Danach knipste er den ihn umgebenden Strahlenkranz auf ´Blitzen!`, nahm eine soldatisch kerzengerade Haltung an und schellte nachdrücklich.

Wie eine Sturmsirene dröhnte die Klingel. Die Studentin schreckte aus dem Tiefschlaf auf, rieb sich die verquollenen Augen, krabbelte halbwach aus der Koje, griff sich den Morgenrock, wankte zur Tür und öffnete. Ein langes Gespräch aber war nicht drin. Selbst ein weibliches Menschenkind hat damit um Mitternacht diverse Schwierigkeiten! Die Ansprache des im gleißenden Himmelslicht leuchtenden Gegenübers ging zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus.

Doch nehmen Engel unsere verminderte Auffassungsgabe in solch ungewöhnlichen Situationen nicht übel. Das Mädchen nahm den sicherlich höchst bedeutsamen Brief entgegen.
„D... !“, hauchte es nur, schlurfte zurück und rollte sich aufseufzend in die Decke. Ob es wohl seine Post noch gelesen hat? Das weiß nur der Himmel.

„Was stand eigentlich so Wichtiges in dem Brief?“
In der Kürze liegt die Würze!
Es waren nur wenige Worte:
„Viel Glück für Deine Prüfung! Ich denke an Dich!!“
Deine Mama

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