Das Autogramm
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Feierabend-Mitglied
Montag 03.05.2021, 22:00
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Das Autogramm
Meine Schwägerin liebte ihn. Für sie war er der Inbegriff von Musik. Sie hatte alle seine Schallplatten, an der Wand einen lebensgroßen BRAVO Starschnitt von ihm. Und ein dickes Album mit aus Illustrierten und Zeitungen ausgeschnittenen Artikeln und Fotos. Und wer war ihr angebetetes Idol, der Traum ihrer schlaflosen Nächte, jedenfalls glaubte ich, daß das zutraf: PETER MAFFAY! War er im Fernsehen zu Gast, saß sie wie verzaubert vor der Flimmerkiste und sang textsicher jeden Titel voller Inbrunst mit. Eines Tages rief sie mich an, war vollkommen aufgeregt und rief mit überschlagender Stimme ins Telefon: Er kommt, er kommt. Ich fragte dann, wer kommt wann wohin? Der Peter, rief sie, was für ein Peter fragte ich, der Peter Maffay kommt am Sonntag den 16. Juni zu einem Open Air Konzert nach Saarbrücken. Da muß ich unbedingt hin, bitte, bitte fahr mit uns da hin.
Mein Schwiegervater hat die recht teuren Karten spendiert. Also fuhr ich am 16. Mit meiner Frau und meiner Schwägerin nach Saarbrücken zum Peter Maffay Konzert. Etwa 15.000 Menschen haben das Konzert besucht. Die Stimmung war toll, fast drei Stunden Musik ohne Pause. Meine Schwägerin hatte eine BRAVO mitgenommen, auf deren Titel Peter Maffay prangte. Darauf wollte sie sich nach dem Konzert ein Autogramm geben lassen. Nach dem Konzert saß Maffay an einem langen Tisch, rechts und links neben sich Mädchen mit BRAVO Werbekäppis auf dem Kopf, die eifrig LP’s Bücher, T-Shirts usw. verkauften. Vor dem Tisch standen unzählige Menschen die ein Autogramm haben wollten oder etwas kaufen wollten. Meine Schwägerin stürzte sich in das Gewühl, wir hatten für uns an einem Coca Cola Stand einen Platz ergattert und uns da hingesetzt. Nach einer guten halben Stunde erschien meine Schwägerin tränenüberströmt. Sie hatte sich nicht zu ihrem Liebling durchkämpfen können. Sie hatte es einfach nicht geschafft und war untröstlich. Gib mir deine BRAVO, sagte ich, bleib hier, ich geh dir ein Autogramm holen.
Leichter gesagt als getan. Da standen nach meiner Schätzung immer noch gut 500 Leute vor mir. Ich hab mal auf die Uhr geschaut, um wie viele die Menge vor mir in einer halben Stunde kleiner wurde und dachte, wenn das in dem Schneckentempo weiter geht, stehe ich zwei Stunden hier. Das war mir definitiv zu lang. War also tun? Ich fischte den Kugelschreiber aus meiner Jacke und kritzelte schwungvoll „ Für Gisela Peter Maffay“ quer auf das BRAVO Titelbild. Mein Schwägerin war überglücklich. Das Autogramm wurde eingerahmt und hin jahrelang in ihrem Zimmer.
Ich habe ihr nie erzählt, von wem das Autogramm war und ich denke, das war auch gut so. Warum eine Illusion zerstören, die jemand glücklich gemacht hat.