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Charakterköpfe

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 02.06.2021, 09:52

1987 planten wir im Kindergarten ein großes Sommerfest, bei dem die Eltern für die Kinder eine Art Puppenspiel aufführen wollten. Ganz deutlich wurde, dass es kein übliches Kasperlespiel sein sollte. Sie fragten mich, ob ich eine Idee hätte und ich erbat mit eine Woche Bedenkzeit.

Nach einigen Tagen war bei uns in der Nähe ein großer Markt mit Obst und Gemüse, vielen Pflanzen und Kleidung. Dort gingen wir hin mit zwei leeren Körben, ich sammelte meine Zwerge und erzählte ihnen, was wir hier suchen. Obst und Gemüse, die eine besondere Form hatten, weil sie anders gewachsen waren, als normal. So wie jedes Kind anders ist, so ist es auch mit allem, was wächst und es kommt nicht darauf an, wie es aussieht, sondern wie es schmeckt. Ich zeigte auf die vielen verschiedenen Sorten und war erstaunt, wie wenig die Kinder die Namen von Obst und Gemüse kannten. Das ergab ganz nebenbei ein großes Lernfeld in der Sprachentwicklung.

Dann sprach ich mit einem Händler, der meine Kleinen freundlich anlächelte. Ich erzählte ihm, dass wir Obst und Gemüse suchten mit "Charakterköpfen", und ob wir die Dinge in die Hand nehmen dürfen, damit die Kinder sie in Ruhe betrachten können. Das fand der Verkäufer lustig und er brachte uns alles Mögliche und hatte selbst Spaß daran. Es gab Stücke, die heute in keinem Supermarkt mehr verkauft werden dürfen.

So fanden wir Kartoffeln mit wilden Auswüchsen, Porreestangen schief und mit weißen Haaren, Möhren, die zusammengewachsen waren und zwei Beine hatten, krumme Gurken, Doppeltomaten oder mit Pickeln, einen kleinen, unmöglich wild aussehenden Kohlkopf, krumme Bananen mit Flecken und verwachsene Rüben. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, aber in den Kinderaugen waren es komische Tiere, alte Menschen und lustige Phantasiewesen. Es war ein lebhaftes Treiben mit viel Gelächter, wir waren auf dem ganzen Markt zu hören. Menschen blieben stehen und fragten, was wir hier machen und meine Zwerge riefen: "Wir suchen lustiges Gemüse mit Charakterköpfen!" Und sofort hatten wir viele Hände, die halfen. Manche sagten, aus dieser Perspektive hätten sie Lebensmittel noch nie betrachtet.

"Guck mal Gitti, die Kartoffel sieht aus wie Omas Kopf und sie hat auch so eine dicke Nase." "Die Porreestange ist Opa mit weißem Haar und auch so dünn." "Die Möhren sind dicke Freunde, sie kleben aneinander wie ich und Robert." Als unsere beiden Körbe mit den lustigsten Dingen gefüllt waren, fragte ich nach dem Preis, aber er hatte soviel Freude an dieser Aktion und schenkte uns alles. Darauf hängte er jedem Kind noch ein Kirschenpärchen über das Ohr, wir bedankten uns lachend und ein fröhliches "Auf wiedersehen" schallte über den Platz.

Beim Abholen übergaben wir die Körbe den Eltern und ich sagte schmunzelnd: "Macht was draus!" Und so führten sie ein bezauberndes Theaterstück von einem Kohlmonster im Märchenwald zur Begeisterung ihrer Kinder auf. Vorallem die Väter waren dabei erstaunlich kreativ.

Es war ein herrliches Sommerfest.

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