AUFBRUCH
Von
egalis
Montag 11.10.2021, 19:08
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egalis
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Seit ein paar Stunden, genau genommen seit gestern Abend, war sie in dieser neuen Umgebung. Auf der Kilometer fressenden Herfahrt hatte sie manchen Abstecher von der eigentlichen Fahrtroute unternommen. In den Buchten, die sich an der Küste entlang ziehen, wollte sie schon vorab das Meer sehen, hören, riechen und schmecken. Sie konnte nicht die Zeit abwarten, bis sie an ihrem Zielort war.
Der erste Gang nach dem Verstauen ihres Gepäcks führte sie an den Strand. Seicht und flach schoben sich die Wellen auf den Sand. Sanft, wie in einem ruhigen Schlummer, hob und senkte sich der Meeresspiegel.
Ideal zum Baden – hatten viele, allzu viele Menschen den gleichen Einfall. Sie mochte den Rummel nicht. Wieder forschte sie nach dem Gefühl des Angekommenseins, das sich auch gestern nicht einstellen wollte.
Sie war dann mit der Küstenbahn in die Kreisstadt gefahren. Dort besichtigte sie das Münster und andere Sehenswürdigkeiten. Während der Hin- und Rückfahrt freute sie sich an den blühenden, leuchtenden Rapsfeldern und an den Kastanienbäumen. Die alten Riesen säumten die an den Schienen langführende Allee und verwandelten diese mit ihren weiß-rosa Blütenfrachten in einen duftenden Tunnel.
Später setzte sie sich mit einem Buch auf die Terrasse. Der Roman nahm sie gefangen, bis ein Frösteln ihrer unbedeckten Arme und die sich verändernden Lichtverhältnisse sie aufblicken ließen: Die Sonne verschwand langsam hinter dem nahen Wald, der die Pension vom Strand trennte.
Sie wollte – nein, sie musste – den Sonnenuntergang am Wasser erleben. - Noch bevor sie den Wald durchquert hatte, hörte sie die Brandung. Das Geräusch schwoll an und verebbte. Zog sich von Osten her in leisem Rauschen lauter und kräftiger werdend gen Westen, um schließlich zu brechen, zu ersterben und wieder neu aufzuleben.
Welch eine Musik! Es waren Klänge, die sie seit vielen Jahren in sich trug und immer wieder suchte; die ihre Sinne öffneten und ihre Gedanken sortieren halfen.
Menschenleer zog sich jetzt der Strand zu beiden Seiten der Seebrücke hin. Die Holzkonstruktion war mehrere hundert Meter in die See hinausgebaut worden. An der äußersten Brüstung lehnend, empfand sie die Weite des Meeres, als stünde sie an der Reling eines Schiffes. - Draußen, nahe dem Horizont, zog ein Frachter Kurs ostwärts. Das Brummen des Motors trug sich über das Meer bis zur Seebrücke und weiter.
Eine leichte Brise kam von der Seeseite, fingerte sanft das halblange, brünette Haar der Frau und wehte es in ihre Augen. Mit einer lockeren Handbewegung strich sie sich die Strähnen aus dem Gesicht und wandte ihren Blick nach Westen. Dort hatte sie einen Teil von sich zurückgelassen. Gern war sie mit dem Menschen, der ihren Lebensinhalt bereicherte, um diese Stunde am Kanal spazieren gegangen, der sich in der Nähe ihrer Wohnung befand. Das war auch die Zeit der guten und später weniger erfreulichen Gespräche gewesen. Hier war ihr eines Tages das Ende der Beziehung bewusst geworden. - Irgendwann hatten sich Verzweiflung und starre Trauer gelöst und behutsamem Vorwärtsdenken Platz gemacht. Sie merkte, dass sie in ihrer alten Umgebung keinen Halt mehr fand und begann, nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Während eines Kurzurlaubs hatte sie sich von dieser Region angezogen gefühlt und beschlossen, hier leben zu wollen. So verließ sie die vertraute Umgebung. –
Sie versank in Erinnerungen. Als sie merkte, dass sich die vergessen geglaubte alte Traurigkeit in ihr ausbreiten wollte, riss sie sich von den Gedanken los. Tief durchatmend sah sie sich aufmerksam um.
Obwohl sich die Wellen am Strand mit lautem Tosen brachen, schien die See spiegelglatt zu sein. Die Frau beugte sich über das Geländer und schaute in die Tiefe. Sie schirmte die Augen ab und versuchte durch das klare Wasser auf den Grund zu sehen. Leichte, kurze Dünung riffelte die Wasseroberfläche. Das Licht brach sich darin und wanderte in hellen Bändern über den Meeresboden. –
Zur offenen Seite schimmerte die See silbrig. Fleddrig verzerrt spiegelte sich das Bild der Seebrücke unter ihr in der jetzt flaschengrünen Nässe. Zum Ufer hin wischten sich dunkle Streifen in das Gleißen und Glitzern, begleitet vom Klang des Aufbrausens und Abschwellens der Wasserorgel.
Die Sonne goss ihre Glut bis an die Ständer der Seebrücke und ließ das Wasser, bis hin zu der sich scharf abzeichnenden Trennlinie zwischen Himmel und Erde, wie geschmolzenes Kupfer aussehen.
Dem feurigen Anblick gegenüber war der fast volle Mond dabei, das Regiment an diesem unendlich hohen Himmel anzutreten. Während die Wellen zaghaft das flirrende Mondlicht aufnahmen, lohte in den Fensterscheiben der strandnahen Hotels das Licht der untergehenden Sonne. Schließlich verschwand die rotgoldene Kugel hinter dem Horizont.
Nach einem kurzen Moment der Besinnung – einem Gebet gleich – wandte sich die Frau dem Heimweg zu. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als liefe sie nicht allein. Sie fühlte sich wie von guten Mächten umgeben und es schien, als legte ihr jemand beschützend und liebevoll den Arm um die Schultern.
© Elke Bontjer-Dobertin