Heiliger Bimbam!
Von
tastifix
Dienstag 29.03.2022, 14:00 – geändert Samstag 09.07.2022, 16:07
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tastifix
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Jeden Donnerstag frönen August und Erwin ihrem Lieblingshobby und klappern alle Kneipen der Düsseldorfer Altstadt ab, denn sie wollen jederzeit über die Auswahl an Schnaps, Likör und Bier auf dem Laufenden sein.
Heute hat alles ihren Ansprüchen entsprochen. Sie sind beim Testen sehr streng vorgegangen und haben trotzdem nichts auszusetzen gehabt. Erwin hat zweimal kontrolliert, erst ein Bier, dann zwei Schnäpse und August sogar noch mehr. Er ist ungefähr doppelt so dick wie sein Freund und verträgt laut eigener Aussage deswegen doppelt so viel. Den Beweis hat er prompt angetreten und ist ebenfalls von allem sehr angetan.
„Wohin jetzt?", sieht August den Freund prüfend an.
Doch, sie können es wagen, die Sauftour fortzusetzen. Der wirkt noch erstaunlich fit.
„Zum Rhein marschieren!", schlägt Erwin vor.
Dort gibts eine winzige Kneipe direkt am Ufer. Gespannt steuern die Beiden auf das Lokal mit den bunten Fensterscheiben zu. Dessen Holztür knarrt laut, als sie es betreten. Längs der Wand gegenüber stehen Decken hohe Regale, Flasche an Flasche. Es gibt nichts, was es dort an Getränken nicht gibt und vor allem Killepitsch, das Markenzeichen des Lokals. Den hier nicht zu trinken, kommt fast einer Todsünde gleich und Schluck-Todsünden unterlaufen den zwei Freunden garantiert nicht.
„Zwei Killepitsch. Abaa große!“, bestellt August.
Erwin nickt zustimmend.
Gegenüber der Theke ist an der Wand eine schmale Eckbank angebracht, vor der winzige Tische stehen und davor ein paar noch winzigere Holzschemel. Setzt man sich auf jene, erduldet man gezwungenermaßen immer wieder eine Anrempel-Massage und darf froh sein, nicht von den sich eilig durch drängelnden Gästen herunter geschubst zu werden.
„Warum drängeln die bloß so?“
Erwin fehlt bereits ein bisschen der Durchblick. August hilft ihm auf die Sprünge:
„Na, weshalb wohl? Die wollen zum Klo.“
Mit einem Blick in die hinterste Ecke des Raumes macht er ihm klar, wo das gewisse Örtchen zu finden ist. So ganz unwichtig ist diese Information ja nicht ...
Die Gläser überaus vorsichtig in der Hand balancierend, damit nur kein Tröpfchen des köstlichen Nass überschwappen soll, forschen die Beiden nach einem Sitzplatz. Pech gehabt, sind alle vergeben. Aber über eine Wendeltreppe gelangen sie eine Etage höher, in der sie noch ein paar zusätzliche Eckbänke vorfinden. Aufatmend lassen sich Erwin und August nieder. So ist es richtig gemütlich.
„Prost, alter Junge!“, wartet August Erwins Antwort gar nicht ab, sondern kippt den Killepitsch auf Ex hinunter.
Sein Freund will als Fast-Profi-Killepitsch-Genießer gelten und macht es ebenso. Sofort fühlen sich die Zwei ein wenig froher. Es wird ihnen wärmer. Der Alltag wie auch die sonst sehr gepflegte Sprache sind vergessen.
„Is doch wohl jut?“, meint August.
„Hm ... aah!“, schmatzt sein Freund.
Von ihrem Hochsitz hinter der Holzbrüstung vor ihnen schauen sie sich den Raum unter ihnen kritisch an.
„Mönsch, diese Bilder! Sehen fast aus wie die röhrenden Hirsche über Omas Bett in geraumer Vorzeit!“, grinst August.
Klar meint das auch Erwin. Sowieso sind sie jetzt auffallend oft einer Meinung. Doch plötzlich bleibt Augusts Blick an der Decke haften.
„E..Erwin!“, stößt er den Kumpel in die Seite. „Sach mal, soo besoffen können wa doch eigentlich ooch noch nich sein, ooder?“
„Bin ich mir bei Dir nicht so s..sicher bei dem Tempo, mit dem Du das Z..Zeug in Dich rein s..schüttest!“, feixt der.
Aber er ist ja ein guter Freund und fragt deshalb nach:
„Wat hasse denn?“
Oje, August macht ja ´nen Gesicht, als ob ihm ´ne Fata Morgana über den Weg gelaufen ist.
´Nee“, korrigiert er sich. ´die sieht man ja nur, wenn man vor Durst schon halb bescheuert ist. Nur in der Wüste. - Also muss da was anderes los sein ... `
Er lobt sich. Soviel der Logik noch nach einem großen Killepitsch ... Alle Achtung!
„Kear, glubsch doch mal, da oben!“, zupft ihn sein Freund am Ärmel.
Es noch einigermaßen korrekt auszusprechen, ist ihm irre schwer gefallen. Er sieht aus wie eine überreife Tomate kurz vorm Platzen. Erwin schaut ebenfalls hoch und kann es nicht fassen. Weil ja alles gemütlich aussehen soll, ist die Decke mit Malereien geschmückt. Fröhlich lachende Buben mit Bubikopf, Kniebundhosen und Wanderschuhen tanzen Ringelreihen. Es ist nett anzusehen und stimmt die Gäste gleichfalls fröhlich. Aber dann entdeckt Erwins Adlerauge den Grund für Augusts Fast-Herzschlag und ist baff.
„H..Haben die ´nen K..Knall?“, stellt er in den Raum.
Mehr in den Raum zu stellen, vor allem, sich selber dorthin zu platzieren, ist ihm leider verwehrt. Dagegen ist er heilfroh, dass er sitzt und japst deutlich vernehmbar nach Luft. Die süßen Buben dort oben umtanzen nämlich keinen Maibaum. An einer langen schweren Eisenkette schwebt ein Engel in zu seinem Glück gebührendem Sicherheitsabstand über der Theke. Ein Erzengel ist der jedenfalls nicht. So einen haben unsere Beiden bislang noch nie zu Gesicht bekommen. Das in Korkenzieherlocken dessen Antlitz umrahmende Haar passt wie auch die ausgebreiteten Flügel, der leicht sinnende Blick in die Ferne und gleichfalls die vier Kerzenleuchter mit den brennenden Kerzen, die er in den schmalen Händen hält. Doch der Rest ...
„Also, weisste“, weiß August so zutreffend anzumerken, „wat is denn dat für eine Missgeburt?“
Erwin sammelt den Rest seines momentanen, logischen Denkvermögens zusammen und ergänzt nicht ganz unrichtig:
„D..darf ma ja nich sagen, sowat üba de himmlische Wesens, aber hat vielleicht de liebe Gott damals vorher ooch ´nen Killepitsch getrunken, bevor er den hier erschaffen hat?“
Wie auf Kommando schütteln die Freunde strafend den nicht mehr so ganz weisen Kopf.
„Tz,tz,tz!“
Dieses scheinbare Himmelswesen kann doch unmöglich aus den heiligen Gefilden stammen. Vorne schaut er zwar tatsächlich aus wie ein geflügelter Bote, aber statt in zwei Beinen endet der Körper in einem Fischschwanz. Aus der Hinterflosse wächst ein Gebilde, das frappante Ähnlichkeit mit einem Weißkohl aufweist, einem uns sehr bekannten Gemüse. In gesund-geradem Wuchs streckt es sich der Decke entgegen.
„Duhuuh?“
August vollbringt eine geradezu irre Denkleistung.
„Hääh?“
Erwin hat zunehmend diverse Schwierigkeiten, den hochintellektuellen Ausführungen seines Freundes zu folgen.
„I..ich h..hab`s!“
August strahlt über beide killepitsch-leuchtend-rote Wangen.
„Wat denn nu noch???“
„Pass auf: D..das is gar kein Engel. Dat is ´ne Lampe! - Heilijer Bimbam!!“