Aspekte aus Kindheit und Jugend
Von
speedygonzalez
Donnerstag 09.09.2021, 16:12
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speedygonzalez
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Heiligenstadt in Thüringen und Gars am Kamp
Wegen der Kriegseinwirkungen, besser gesagt, der vielen Bombenangriffe der Alliierten aufs Ruhrgebiet wurden wir im Sommer 41 nach Heiligenstadt im Thüringen verlegt. Vati erzählte später hin und wieder, wie ein angeschossener Bomber immer tiefer gekommen sei und zum Schluss nur noch von einem Scheinwerfer erfasst wurde, als sich oben ein Fenster öffnete, ein Soldat mit einem Maschinengewehr sichtbar wurde und mit einem Feuerstoß den Scheinwerfer zerstörte. Beim Spaziergang am nächsten Tag dorthin, zeigte sich, dass dabei auch ein Soldat erschossen worden war. Der Bomber entkam. Damals waren die reich gezackten Splitter der Flakgeschosse, die Hansjosef im Garten sammelte noch etwas interessantes. Später nicht mehr.
Ich kann erst 15 Monate alt gewesen sein, aber an den Bauernhof bei Heiligenstadt, auf dem Mutti und ich einquartiert waren, erinnere ich mich sehr genau. Mutti hat mir später immer wieder bestätigt, dass meine Beschreibung haargenau stimmt. Es war ein Hof mit einer Linde mit großem weitausladendem Blätterdach in der Mitte. Links waren Scheunen und rechts das Wohnhaus und nach hinten hatte es einen Schopf, ein Brunnenhaus?, mit tief herunter gezogenem Dach angebaut. Ich saß unter der Linde auf dem Boden und von diesem Schopf kam eine Schar Gänse schreiend und Flügelschlagend auf mich zu. Ich schrie natürlich mit. Mit 15 Monaten kann man ja auch noch nicht wissen, was Konrad Lorenz 40 Jahre später mit seinen Graugänsen herausgefunden hat, dass es ihre Art der Begrüßung ist.
Dann erinnere ich mich noch an den Schlafsaal, in dem Hansjosef und Magdalene in doppelstöckigen Betten, abgetrennt durch Wolldecken untergebracht waren. Das muss wohl die Turnhalle einer Schule gewesen sein. In Heiligenstadt ist Wolfgang im November geboren worden. Er und ich sind keine zwei Jahre auseinander. Kann sein, dass darin der Grund zu unseren andauernden Krabbeleien zu suchen ist.
Das nächste Standbild in meinen Erinnerungen muss in Gars am Kamp, in der Nähe von Wien, sein. Das war in einem Hotel Schott. Ich saß in einem Doppelbett und auf der Kommode am Fußende des Bettes brannte ein Weihnachtsbäumchen. Ich habe einen dicken Teddybär geschenkt bekommen. Und die Kämpfe mit Mutti, in einer Waschküche, wenn es ans Spinatfüttern ging. Weinerlich: "Nein, ich bits dir." Resolut: "Nein ich gibs dir" Ritualisierter Dialog und Mutti war nachher genauso grün, wie ich. Nicht dass ich ihn nicht gemocht hätte, ich wollte ihn nur schon alleine essen. "Nein, ich gibs dir." E k e l h a f t , wenn einem so die Dynamik ge-nommen wird, zumal es aus den liebevollen, aber unerbittlichen Armen einer Mutter kein Entkommen gibt.
Im Sommer waren wir viel am Kamp, wo geplanscht und gebadet wurde. Wie auf einem Bild zu sehen, ich ohne Höschen, was mich später immer sehr schämig gemacht hat. Zum Fluss gingen ein paar Treppen hinunter und dort schwamm ein Junge in einer roten Badehose, die mindestens zwei Luftangriffe erlebt haben musste, so zerschossen war sie. Trotzdem war es verwunderlich, dass sie aufgebläht, wie eine Luftblase aussah. Ich habe auch einmal drauf gehauenen, um zu sehen, ob die Luft rausginge. Der Junge hat sich nur umgeschaut und ist weitergeschwommen. Nach dem Erinnerungsbild hatte er damit wahrscheinlich auch genug zu tun. Da ging auch eine Rutschbahn vom Ufer ins Wasser, wo immer ein großer Junge oder Fronturlauber stehend hinunter sauste. Angeber.
Wie wir von dort in das Elsaß kamen: keine Ahnung. Inzwischen weiß ich, dass wir nach dem Aufenthalt in Heiligenstadt von ein paar Monate in Mülheim gewesen sein müssen. Dann wurden die Südwerke von Krupp nach Süddeutschland verlegt, die Ersatzeillager der LKWs auf Kulmbach, Bamberg und Mühlhausen im Elsass verlegt.
So kamen wi ins Elsass