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Aspekte aus der Kindheit

Von speedygonzalez Dienstag 14.09.2021, 15:51

Elsaß
Sag mal einer, wann kamen wir ins Elsaß? Kann es 1943 gewesen sein? Ich, mit 3 Jahren und Wölfchen noch auf Muttis Arm? Muss wohl. Ausgehen kann man davon, dass Vati in den Ersatzteillagern der Südwerke, wie die Kruppschen Kraftwagenwerke seit Kriegsbeginn hießen, als Rechnungsprüfer arbeitete. Diese Lager befanden sich in Mülhausen, weiter nördlich in Richtung Straßburg und wir wohnten in Altkirch. Dort lebte auch Oma Essen, wie wir Vatis Mutter immer nannten. Das waren Magdalene, Hansjosef, Wolfgang und ich. Wolfgang war im Nov. 41 in Heiligenstadt in Thüringen geboren, aber darüber steht im Kapitel "1" mehr. Jedenfalls fiel er mir noch nicht so richtig auf. Klar, mit einer älteren Schwester, Mutti und Oma war da nicht mehr viel für mich.

Wie ich immer wieder zu hören bekomme, habe ich ein sehr weit zurück-reichendes Gedächtnis. Auch darüber mehr in 1 . Aber sehr genau erinnere ich mich daran, wie Wolfgang in den Mühlgraben, hinter unserem Haus Rittlingstraße 100, fiel und mit vereinten Kräften heraus gezogen wurde. Die Häuser lagen um einiges höher, als der Mühlgraben und man musste einige Treppen hinuntersteigen, um an den Saumpfad zu kommen, der daran entlanglief. Das war natürlich ein idealer Spielplatz für die Kinder der Umgebung. Es war Sommer, nachmittags und eine Kinderhorde zusammen. Wölfchen bückte sich am Grabenrand nach einer Blume, als er von hinten von einem Kind neben mir, einen Schups bekam und hinein fiel. Mit dem Rücken nach oben trieb er auf den kleinen Fußsteg zu. Hansjosef sprang hinterher, aber statt Wolfgang zu fassen, sprang er im Wasser auf und ab und rief dauernd "Dieter, Dieter". Wer Wolfgang nun wirklich herausgezogen hat, kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls wurde er ohne weitere Schäden gerettet. Hansjosefs Geschrei rührte daher, dass Wölfchen und ich die gleichen selbstgestrickten Jäckchen anhatten und er sich darum vertan hatte.

Uns in der Rittlingstraße gegenüber war eine Kohlenhandlung, namens Badoglio, wo die Kohle noch in dicken oben offenen Säcken mit starken Griffbändseln an den Seiten auf Pferdefuhrwerke verladen wurden. Das war für mich unattraktiv. Aber neben uns war die Bäckerei Winninger und das "Fröscherl" der Frau Winninger war ich. Was sich häufig in einem Stückchen "Leckeres" manifestierte. Nun, auf jeden Fall wurde ich auf diese Weise programmiert. Wenn wir auf den Markt gingen, bekam man hin und wieder ein Stück Apfel, denn mit meinen weiß-blonden Locken und der Tolle auf dem Kopf, ich glaube, das war was zum Knuddeln. In der Metzgerei, wo wir uns immer anstellen mussten, gelang es mir immer wieder, etwas von Mutti abzurücken und wenn sie dann dran war, stand ich schon neben der Theke und sagte: "Mutti hat gesagt, wir dürfen nicht betteln." Was auf den gleichen Effekt hinauslief. Alles lachte, Mutti bekam einen roten Kopf und ich ein Stückchen Wurst. Na also.

Wenn ich mich recht erinnere kam Vati nur zum Wochenende von Mülhausen nach Hause. Und ich habe ihn immer vom Bahnhof abgeholt, alleine. Und als 3-jähriger war das in den Augen von zumindest Vati gefährlich und verboten. Dabei bin ich mir heute so verdammt sicher, dass der kleine weißblonde Steppke Maus, Frau Winningers Fröscherl, bekannt war und ihm schon deshalb nichts passierte. Woher auch. In dem Dörfchen gab es so gut wie keinen Verkehr und ich brauchte ja nur aus dem Haus, nach links die Straße entlang, den Hang hinunter, über den Mühlbach und ich war am Bahnhof. Dort stand ich dann mit den Füßchen in den Gitterstreben der Bahnsteigsperre, ließ mich beim Auf-und Zumachen immer mitfahren und wartete auf Vati. Und bekam jedes Mal hernach zu Hause den Hintern versohlt. Weil es verboten war. Wenn Magdalene und Hansjosef nachkamen und Vati begrüßten, durften die neben ihm gehen, nur ich musste vor ihnen hergehen und dann setzte es etwas. Aber ich war jedes Mal wieder da.

Vati hatte auch dort schon mit Orgelspiel und dem Kirchenchor zu tun. Letzteres ist mir weniger geläufig, aber wir wurden schon sehr früh an den Katholizismus herangeführt, was bedeutete, dass Mutti meistens mit Magdalene und Hansjosef in der Frühmesse war und dann am heimischen Herd wirkte. Derweil Vati mit mir zum Hochamt in die Kirche ging (ich musste). So beobachtete ich den Pfarrer von der Orgelempore aus und immer wieder befürchtete ich, wenn er am Ende seinen ganzen Kram zusammengepackt hatte und mit den Ministranten den Altar verließ, dass er womöglich wiederkäme, wenn Vati nicht bald mit dem Orgelspiel aufhören würde. Aber ich vermute der Pfarrer hatte ein Erbarmen mit meiner gläubigen Seele.

Im Sommer gab es ein spannendes Erlebnis. Altkirch liegt ja dicht an der deutschschweizerischen Grenze. Ich glaube die Bieder, ein kleines Flüsschen kam aus der Schweiz. Jedenfalls waren wir aufgefordert oder eingeladen im Biedertal Kirschen zu pflücken. Auch den Schweizern gingen bei der Mobilmachung die Hände zum Kirschen pflücken aus. Und so saß ich unten auf der Leiter, während Mutti und Magdalene oben süße schwarze Kirschen pflückten. Oben die guten ins Töpfchen und ich unten den Rest ins Kröpfchen. Der madenbelebte Durchfall am Abend war entsprechend. In der Scheune, in der die Jugend zu übernachten hatte, lag ein Größerer auf den oberen Heuboden auf dem Rücken und schubste die Kleineren von seinen angezogenen Beinen ins tiefer gelegene Heu. Schöne friedliche Tage waren es dort und die Schweizer Grenzer waren immer sehr freundlich. Ich glaube so viele nette Pflückerinnen bekamen sie sonst auch nicht zusehen.

Einmal war ich alleine auf einer Kirmes, kein Erziehungsberechtigter weit und breit, was mich nun im Nachhinein doch sehr wundert, aber da war keiner sonst hätte ich mich gar nicht so weit vorgewagt. Es war ein Spiel, bei dem man etwas gewinnen konnte und das ich gern gehabt hätte. Ich stand ganz vorne und konnte kaum über den Tischrand schauen. Doch der Budenbesitzer fragte mich, ob ich Geld hätte. Nein. Also kam ein anderer dran. Ich überlegte noch, ob ich mich bücken sollte, um ein paar Steine aufzuheben und zu sagen, dass wäre unser Geld, aber dann hatte ich doch Bedenken und habe es nicht gemacht.

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